Was passiert, wenn Serien ihre Regelmäßigkeit verlieren?

Game of Thrones
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Schaut zu viel ins Internet.

Als es vor ein paar Monaten hieß, dass Game of Thrones dieses Jahr erst später auf HBO ausgestrahlt wird, als es in den vorherigen Jahren der Fall war, konnte regelrecht ein raunender Aufschrei in den unendlichen Weiten des Internets vernommen werden. Noch länger warten! Als wäre der bisherige Jahresabstand nicht schon genug gewesen. Wenngleich das Warten eine verheerende Bürde ist, so hat sich in der Serienlandschaft zumindest die Sicherheit eingependelt, dass die Rückkehr einer geliebten Serie, so sie denn verlängert wurde, ungefähr stets zur gleichen Zeit im Jahr stattfindet, was vor allem der linearen Routine der großen Networks zu verdanken ist. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Alleine die Startdaten der bevorstehenden Herbstsaison beschwören im Programm von ABC, CBS, FOX, NBC und The CW jedoch ein ungemeines Gefühl an Regelmäßigkeit herauf - ganz im Gegensatz zu FX, wie es unter anderem die Vanity Fair beobachtet.

Der Kabelsender machte erst kürzlich durch die Verschiebung der neuen Staffel von It's Alway Sunny in Philadelphia auf sich aufmerksam, da breitete sich seit letzter Woche auch die große Ungewissheit über den Fortgang von Fargo aus. "Es gibt vielleicht keine weitere Fargo-Staffel. Es sei denn, [Serienschöpfer] Noah [Hawley] hat eine Idee für Fargo, die er für genau so gut wie die ersten drei hält", heißt es in einem Statement von Senderchef John Landgraf, das aufhorchen lässt. Nicht nur wurde damit eine der aktuell meistdiskutierten Serien in eine unbestimmte Zukunft verbannt, sondern dem kreativen Kopf dahinter die Zeit zugestanden, sich gründliche Gedanken machen. Ein Umstand, der im auf Einschaltquoten basierendem Seriengeschäft (viel zu) selten ist. Dennoch könnte Fargo Teil einer größeren Entwicklung sein. Nicht zuletzt zeigte sich FX in der Vergangenheit des Öfteren mutig, wenn es darum ging, gegen den Strom zu schwimmen.

Anstelle den Erfolg von Donald Glovers letztjähriger Dramedy-Sensation Atlanta so schnell wie möglich fortzusetzen, bestellte der Sender eine 2. Staffel, ohne jedoch einen konkreten Ausstrahlungstermin für 2017 ins Auge zu fassen. Stattdessen kann sich Donald Glover, der darüber hinaus in große Projekte wie den Han Solo-Film und die Realfilm-Adaption von Der König der Löwen involviert ist, in Ruhe über die nächste Staffel seiner Geschichte Gedanken machen, um am Ende das bestmögliche Ergebnis zu produzieren. Ähnlich reagierte HBO zuletzt im Fall der Verlängerung von Westworld, das voraussichtlich ebenfalls erst 2018 zurückkehren wird. Zusätzlich zum kreativen Findungsprozess ist in diesem Fall der enorme Produktionsaufwand ausschlaggebend für die Verzögerung. Trotzdem ist der Schritt beachtlich, braucht der Kabelsender nach dem Ende von Game of Thrones doch unbedingt einen weiteren Quoten- bzw. Abonnenten-Garant.

HBO nimmt sich also die Freiheit und stellt damit das Vertrauen seiner Abonnenten auf die Probe, die jetzt nicht nur länger auf Game of Thrones, sondern ebenso auf Westworld warten müssen. Entscheidend ist in diesem Punkt der sorgsame Umgang mit wertvollen Ressourcen, und womöglich reagieren beide Sender auf die Überschwemmung an Serien, wie wir sie aktuell im Zeitalter des Peak TV erfahren. Vor fünf Jahren sah die Serienwelt noch anders aus und die wenigen Highlights waren schnell ausgemacht. Anno 2017 trumpfen Sender und VoD-Anbieter zusammen mit dermaßen vielen Eigenproduktionen auf, dass sie sich regelmäßig gegenseitig den Wind aus den Segeln nehmen. Kaum haben wir über eine Serien das Reden angefangen, müssen wir uns schon wieder verabschieden, um die nächste Serie nachzuholen. FX und HBO fächern ihr Programm dagegen auf, um ihren Highlights gebührend Platz zu verschaffen.

Doch dann greift die Gefahr der ausbleibenden Regelmäßigkeit und die Aufmerksamkeit verblasst. Dass Serien aktuell so eine große Beliebtheit genießen, ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass sie dem Zeitgeist entsprechen, sondern diesen ebenfalls thematisch in unterschiedlichsten Formen aufarbeiten. Würde eine dieser Serien für eine Saison auf dem Abstellgleis geparkt werden, könnte sich später herausstellen, dass inhaltlich ein ganzes Jahr an Trends verpasst wurde oder die im Übermaß vorhandene Konkurrenz ihren Vorsprung noch weiter ausgebaut hat. Mad Men drohte beispielsweise nach einer längeren Pause an Brisanz verloren zu haben, ehe die AMC-Serie mit seinen herausragenden letzten Staffeln das eigene Narrativ trotz ausbleibender Emmy-Flut noch einmal gewaltig verändert hat. Es kommt also auf die richtige Idee und die kreative Kraft hinter einem Projekt an, um nach einer kürzeren oder längeren Auszeit wieder den Anschluss zu finden.

Louis C.K. hat sich diese Auszeit selbst genommen, als er seiner FX-Serie Louie vor zwei Jahren den Rücken kehrte und trotzdem weiterhin die Möglichkeit in Betracht zieht, eines Tages neue Episoden der semi-biografischen Dramedy zu drehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Ähnliches ließ Aziz Ansari vor Kurzem verlauten, als er gefragt wurde, wie es um die 3. Staffel von Master of None steht. Obwohl seitens Netflix offenbar Interesse an einer weiteren Staffel besteht, wollen er und Ko-Schöpfer Alan Yang etwas Zeit ins Land ziehen lassen, um neue Ideen zu sammeln, wie Aziz Ansari gegenüber Vulture erklärt: "Wir haben zwischen der 1. und der 2. Staffel so eine große Pause gemacht, weil wir wirklich einen Schritt nach vorne gehen wollten. [...] Ich glaube, wir brauchen jetzt erst wieder neuen Stoff für unser Notizbuch." Und genau dieser neue Stoff im Notizbuch dürfte in Zukunft zum wohl wertvollsten Gut des Seriengeschäfts werden.

Es ist kein Geheimnis, dass sich bestimmte Dinge in bestimmten Serien immer wiederholen. Ja, manche Sitcoms bestehen ausschließlich aus dem ständigen Hin und Her zwischen ihren Figuren. Eine bewährte Methode, um zu garantieren, dass mehrere Staffeln über viele Jahre hinweg produziert werden können. Gute Stoffe benötigen in der Entwicklung dagegen sehr viel Zeit und sprengen somit unter Umständen den straffen Zeitplan des TV-Geschäfts. Dennoch sollte mehr Wagemut existieren, um dieser versklavenden Regelmäßigkeit zu widersprechen. Alleine die zunehmende Popularität von Anthologieserien, die pro Staffel eine abgeschlossene Geschichte erzählen, bietet den idealen Rahmen dafür, um (ver)alte(te) Formen aufzubrechen. Die Frage ist nur, ob sich der Sender - egal, ob linear ausgerichtet oder im VoD-Bereich aufgestellt - diesen Luxus der Unregelmäßigkeit erlauben kann, wenn der Wettbewerb gerade so stark ist wie nie zuvor.

Seht ihr eure Serien lieber regelmäßig oder seid ihr bereit, länger zu warten?

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