Wir erklären, warum Cannes Netflix aus dem Wettbewerb verbannt

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11.04.2018 - 15:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Es wird viel darüber gestritten, ob Netflix-Produktionen denselben Stellenwert haben wie Kinofilme. Doch der Konflikt zwischen dem Festival Cannes und dem Streaming-Dienst reicht tiefer.

In den letzten Wochen hat sich der Streit über die Zulassung von Netflix-Filmen beim Festival Cannes so weit verschärft, dass der Streaming-Anbieter gar keine Filme mehr an die Croisette schicken will. Viel wird in diesem Zusammenhang über das Kunst- und speziell Filmverständnis der Franzosen diskutiert. Ist ein Film nur ein echter Film, wenn er im Kino läuft? Immerhin sehnt sich Netflix nach dem güldenen Schein der Institution Cannes, die - ihr erratet es - aus Kinovorstellungen besteht. Aber ins Kino bringt der Streaming-Dienst seine Filme trotzdem nicht. Von Snobismus ist die Rede, der Weltfremdheit eines Festivals, das das digitale Zeitalter verschläft. Dass Cannes Netflix aus dem offiziellen Wettbewerb verbannt hat, lässt sich aber nicht einfach auf trantütige Cinephile voller Fortschrittsangst zurückführen. Oder nicht nur.

Wie kam es zum Streit zwischen Netflix und Cannes?

Vor etwas mehr als einem Jahr sah die Situation schließlich noch anders aus. Da wurden Okja und The Meyerowitz Stories, beides Netflix-Filme, in den Wettbewerb eingeladen. Cannes schien mit der Zeit zu gehen, von Snobismus keine Spur. Festivaldirektor Thierry Frémaux sagte damals dem THR : "Wir wollen Netflix überzeugen, den Kinos dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie den Filmemachern." Die Aufnahme in den Wettbewerb war eine Einladung zum Gespräch, in dem Standpunkte sondiert und Vorteile vorgestellt werden konnten. Frémaux fand lobende Worte für Netflix' Unterstützung von Filmemachern wie Martin Scorsese und fasste zusammen:

Wir unterstützen in Frankreich und in Cannes immer noch den Film in Kinosälen. Das ist die eine Sache. Aber wir unterstützen auch Filmemacher, wir sind ein Filmfestival.

Schon kurz nach der Verkündung der Wettbewerbsfilme Anfang April 2017 kam Kritik am Vorgehen von Festivaldirektor Thierry Frémaux auf. Die Vereinigung der französischen Kinos (FNCF) meldete sich zu Wort. Netflix verstoße mit der Premiere unter anderem gegen die Regeln der SVOD-Auswertung von Filmen in Frankreich, dass heißt der Bereitstellung auf Abo-Streaming-Diensten.

The Meyerowitz Stories

Grundlage der Argumentation ist das französische Gesetz der Kulturellen Ausnahme. Demnach dient ein Prozentsatz von allen Einkünften aus Kino, Heimkino, Streaming usw. der Unterstützung des französischen Filmbetriebs. Netflix entziehe sich diesem System, so der Vorwurf. Darüber hinaus gibt es eine Regel, dass zwischen dem Kinostart und der Auswertung auf einem Abo-Streaming-Dienst ganze 36 Monate liegen müssen. Ein solch langer Zeitraum zwischen Premiere und Stream steht dem Geschäftsmodell von Netflix diametral entgegen. In einem weiteren Satz stellte die FNCF darüber hinaus die Natur der Filme als "kinematografische Arbeit" in Frage (Indie Wire ), da sie nicht im Kino gezeigt werden. Der Skandal war perfekt. Der Snobismus-Vorwurf auch.

Netflix als Wegbereiter des "kulturellen Imperialismus"

Ein Statement des Streaming-Diensts machte vor Festivalstart die Runde. Demnach ziehe Netflix einen französischen Kinostart seiner Filme in Erwägung . Okja wurde schließlich in Südkorea auch im Kino gezeigt. Die Möglichkeit einer Einigung schien in Reichweite. So Netflix damals: "Wir freuen uns, jede und alle Optionen zu prüfen, die diesen Filmen die Möglichkeit geben, von einem Publikum gesehen zu werden, das so groß wie möglich ist, auf allen denkbaren Bildschirmen. [...]" Doch die französische Rechtslage stand dem Kompromiss im Wege (THR ). Wenige Tage vor Beginn des Festivals wurde eine Regeländerung für das kommende Jahr angekündigt. Um in den Wettbewerb zu kommen, musste ein Film einen französischen Kinostart erhalten, hieß es.

Poster-Motiv für die 71. Ausgabe

Der Druck auf die Festivalleitung um Frémaux darf dabei nicht unterschätzt werden. Die FNCF gehört zum Verwaltungsrat des Festivals von Cannes. Selbiges gilt für das Nationale Kino-Zentrum (CNC), das die Hälfte des Festival-Budgets bereitstellt (New York Times ). CNC-Direktor Christophe Tardieu ließ damals verlauten:

[Netflix] ist die perfekte Repräsentation des kulturellen Imperialismus der USA. [...] Ich verabscheue die Haltung von Netflix in dieser Affäre, die eine totale Kompromisslosigkeit zeigte und sich weigert zu verstehen, wie die französische Kulturelle Ausnahme funktioniert.

Ängste vor der kulturellen Dominanz der USA, der Bedrohung des Kulturguts Film in Frankreich und der Grundlagen der Kino-Industrie kamen hier zusammen. Während Festivaldirektor Frémaux eine langsame Annäherung suchte, gossen die Vertreter der Kinobetreiber Öl ins Feuer. Netflix - ein Milliarden-Dollar-Konzern - zeichnete sich als Underdog, der von der Elite ausgeschlossen wurde. "Das Establishment schließt seine Tore vor uns", schrieb CEO Reed Hastings vergangenes Jahr bei Facebook. Da hatte das Festival noch nicht einmal begonnen.

Okja

Netflix vs. Cannes - Ein Jahr später

Knapp ein Jahr später hat sich die Situation verschlechtert. Thierry Frémaux hatte nach eigenen Aussagen gehofft, Netflix würde seinen Standpunkt in der Zeit ändern, wozu es nicht kam. So wurde die Regeländerung für den Wettbewerb bestätigt (zu finden unter Artikel 3 der Festival-Statuten ). Frémaux zeigte sich im März offen für Netflix-Filme im Programm, war optimistisch bezüglich eines schlussendlichen Kompromisses. Er kritisierte gegenüber Variety  aber auch, Okja und The Meyerowitz Stories seien im Algorithmus von Netflix "verloren gegangen", wenn auch seine Ausdrucksweise nicht im entferntesten an die Aggression der Kinobetreiber heranreicht. Nun hat sich die Lage zugespitzt. Netflix rasselt mit den Säbeln und droht angeblich, alle Filme aus dem Programm zurückzuziehen. Das betrifft neue Werke von Alfonso Cuarón, Paul Greengrass und Jeremy Saulnier.

So wird Cannes von den Kinobetreibern genutzt, um bestehende Ressentiments gegen Netflix auszuleben, während sich der Streaming-Anbieter dramatisch als Opfer des grauen Establishments aufspielt, das sich gegen die propagierte digitale Zukunft stemmt. Mittendrin Cannes, die zaghaft eine Öffnung bezüglich Streaming und Serien betreiben. Sollte eine Lösung ausbleiben, gewinnt keine der drei Seiten. Es siegen die stillen Beobachter. Es siegen Venedig, Toronto, Berlin und womöglich die kinofreundlichere Konkurrenz von Amazon Studios.

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