Zu Unrecht verhasst - Star Wars: Episode 1 ist besser, als ihr denkt

Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung
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Meint es gut mit den Menschen.

Im April 1999 kam das komplette Drehbuch zu Star Wars: Episode 1 - Die dunkle Bedrohung als illustrierte Ausgabe in den Handel. Damit konnten Fans bereits einen Monat vor US-Kinostart des seinerzeit meisterwarteten Films der Welt nachlesen, was beim ersten Sternenkriegsabenteuer seit 16 Jahren auf sie zukommen würde, einschließlich möglicher Wendungen.

Star Wars: Episode 1 - Ein beispielloser Hype

Heute, da kein zum Event erklärter Film ohne Angst vor Spoilern zu haben ist, mag dieses Vorgehen sonderbar erscheinen, werben doch Studioklauseln oder ans Publikum gerichtete Erklärungen der Filmemacher breitflächig für Verschwiegenheit. Bei Star Wars hätten derartige Bemühungen albern gewirkt. Jedes Kind wusste, dass Episode 1 den Beginn einer Saga erzählt, deren Verlauf und Ausgang allzu bekannt war.

An der Aufregung änderte dieses Wissen freilich nichts. Star Wars: Episode 1 wurde von einem Hype begleitet, für den es gegenwärtig keine Entsprechung gibt. Menschen kauften Tickets für andere Filme, um Teaser und Trailer von Episode 1 zu sehen, viele übernachteten gar in Zelten vor Lichtspielhäusern. Am Veröffentlichungstag erschienen Millionen US-Amerikaner nicht zur Arbeit, weil sie stattdessen in die ersten Vorstellungen stürmten.

Von jener Zeit, als Kinos zu Pilgerstätten wurden, erzählte später ein ganzer Spielfilm. In Fanboys fiebern die Protagonisten der Vorgeschichte von Darth Vader bzw. Anakin Skywalker so sehr entgegen, dass sie ins Haus von George Lucas einbrechen, um eine Kopie zu stehlen. Am Ende, kurz vor ihrer ersten Begegnung mit Episode 1, fragt einer der Jungs, was sich bis dato niemand zu fragen traute: "What if the movie sucks?"

Star Wars: Episode 1 - Traumatisierte Fans

Tatsächlich schlugen die Erwartungen 1999 in Fassungslosigkeit um. Enttäuschung und blanker Hass machten Star Wars: Episode 1 schnell zum Inbegriff eines popkulturellen Fandom-Katastrophenszenarios, das die Beziehung zwischen Schöpfer und Anhängerschaft nachhaltig beschädigte. George Lucas, hieß es damals, habe die Kindheitserinnerungen seines Publikums mit Füßen getreten - als sei das per se etwas Schlechtes.

Solche Reaktionen brachten gewissermaßen die äußere Erscheinung des Weltraummärchens und sein Körperinneres zusammen. Wer von Star Wars immer schon als Ausverkauf des teuren New Hollywood halluzinierte, konnte George Lucas endlich zum Sith-Lord krönen: Ein Herrscher, der am Steuer seines Kinosternenzerstörers saß und sich auf imperialer Selbstverteidigungsmission befand, ohne Rückendeckung durch sentimentale Fanreflexe.

Bereits ästhetisch fiel ein Zurechtfinden schwer. 1997 kündigte die digital verschlimmbesserte Special Edition der nunmehr als Original-Trilogie bezeichneten Vorgänger computergenerierte Sternenkriege an, die Episode 1 wahr werden ließ. Weltraumschmutz schien sich an den glatten Pixelflächen von Planeten, Aliens und Raumschiffen nur noch vereinzelt abzusetzen. Vor der Machtergreifung sollte die weit entfernte Galaxie ihre schönsten Seiten zeigen.

Star Wars: Episode 1 - Michse Jar Jar Binks

Dickster Stein des Anstoßes wurde ein tollpatschiges Wesen namens Jar Jar Binks. Es repräsentierte alles, was an Episode 1 verachtenswert sei, die Kindlichkeit, das kommerzielle Kalkül, den Rassismus. Selten erfuhr eine Figur des Kinos so viel Ablehnung, besonders ihrem Darsteller hat sie das Leben zur Hölle gemacht. George Lucas verbannte Jar Jar Binks daraufhin fast vollständig aus den weiteren Filmen, bezeichnete ihn aber jüngst als seinen Lieblingscharakter.

Trotzige Statements wie dieses lassen vermuten, dass es neben dem Fan- auch ein anhaltendes Schöpfertrauma gibt. In Gesprächen über sein 2012 an Disney verkauftes Baby wirkt George Lucas wie der traurigste Milliardär der Welt. Ein Markenvater, der am doppelten Liebesentzug leidet - durch Fans, die seine Prequel-Trilogie nicht gebührend wertschätzten, und durch einen Konzern, der die Enttäuschung zum konsolidierenden Erfolgsmodell umbaute.

Vielleicht hat erst die Differenz zum gleichermaßen beliebten wie erfolgreichen Star Wars 7: Das Erwachen der Macht verdeutlicht, worin die Qualitäten der dreiteiligen Vorgeschichte lagen. Obwohl die Erzählung keine Überraschungen versprach, fühlte sich Episode 1 gegenüber der später vorschriftsmäßig am ersten Krieg der Sterne orientierten Weiterführung unter Disney-Ägide wie ein ungewisses Abenteuer an.

Star Wars: Episode 1 - George Lucas' große Ambitionen

So stellte George Lucas der vergleichsweise leichtfüßigen Fantasy-Heldenreise von Luke Skywalker und Co. einen Weltentwurf voran, der die filmische Mythologie kurios verkomplizierte. Die sogenannte Macht sollte nicht länger diffus-religiöse Befähigung sein, sondern ideologisches Werkzeug, Gegenstand eigener Verwaltungsränge und in biologistische Kategorien unterteilter Vorherbestimmungsnachweis.

Episode 1 beschritt also den Weg totaler Durchgeknalltheit. Der populärste Filmbösewicht der Kinogeschichte wurde mittels unbefleckter Empfängnis seiner Skywalker-Mutter zum Jesus-Kind erklärt - und das Star Wars-Universum plötzlich als politische Allegorie aufgezogen. Schon besteuerte Handelsrouten konnten darin zum Unfrieden führen und das irgendwo zwischen Demokratie und Dynastie liegende System gefährden.

Nahezu alle Elemente dieses Erneuerungsversuchs wendeten enttäuschte Zuschauer gegen den Film. Statt das Ambitionierte und Unbekümmerte seiner eigensinnigen, die Handschrift eines wahren Autorenfilmers preisgebenden Episode 1 mindestens anzuerkennen, rief das Fandom den Notstand aus. Nicht einmal virtuoseste Sequenzen wie das Podrennen oder die Laserschwertduelle mit Darth Maul vermochten daran etwas zu ändern.

Die Konsequenz von Star Wars: Episode 1

Sicherlich wären Fans gnädiger mit der Sanierung ihres Lieblingsprojekts Star Wars gewesen, hätte George Lucas der metaphorischen nicht auch eine infantile Ebene zugefügt. Jene naiv-unschuldigen Elemente, die im größtmöglichen Kontrast zum imperialen Umsturz folgender Episoden stehen, richteten sich an eine neue Generation. Wenn ältere Zuschauer sich durch Episode 1 nicht in ihre Kindheit zurückversetzt fühlten, dann vielleicht deshalb, weil George Lucas genau das beabsichtigte.

Denn die Prequel-Trilogie verschrieb sich der Perspektive des künftigen Gegenspielers. Sie erzählte nicht die Geschichte von Obi-Wan Kenobi oder eines anderen edelmütigen Jedi, sondern baute die Skywalker-Familiensaga zur griechischen Tragödie aus. Für Star Wars war dieser Fatalismus neu. Selbst die Albernheiten eines Jar Jar Binks konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das messianische Kind zum Teufel wird.

20 Jahre sind seit der Premiere von Episode 1 vergangen. Zwar steht eine Rehabilitierung des Films weiterhin aus, in Ansätzen scheint sich das Urteil über ihn jedoch gewandelt zu haben. Angesichts des Hasses, den mit Star Wars 8: Die letzten Jedi zwischenzeitlich ein anderes Kapitel im Sternenkriegsuniversum auf sich zog, ist das womöglich auch eine Ressourcenfrage. Dieses Fandom kennt viele Krisenherde.

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