Zum 120. Geburtstag von Fred Astaire: Nichts kann ihn halten

Fred Astaire und Ginger Rogers
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"Why, Mr. Anderson... Why? Why? Why do you persist?"

Update, 10.05.2019: Dieser Artikel wurde erstmals an Fred Astaires 30. Todestag veröffentlicht. Anlässlich seines 120. Geburtstags haben wir ihn nochmal hervorgeholt und angepasst.

Der letzte einer Reihe von Filmen mit Fred Astaire, den ich schaute, war Second Chorus. Eine grauenhafte Komödie. Der Witz des Films ist derart herablassend, dass ich es den verschiedenen Figuren – nicht mal Fred Astaires Danny O'Neill – nicht vergeben kann.

Am Ende gibt es aber eine Szene, in der dieser Danny O'Neill ein Orchester dirigieren soll; und in jenem Moment wird aus O'Neill Fred Astaire. Das Narrativ wird nicht gebrochen, die Geschichte bleibt intakt. Doch spüre ich, wie Astaire persönlich zu mir spricht, während er seine Figur Danny O'Neill weit zurück im Film lässt. Es ist Astaire persönlich, der aus diesem Moment herausbricht und beginnt zu tanzen. Während er sein Orchester dirigiert, wirbelt er vor den Musikern in wildem Stepp-Geklapper umher. Es ist der Triumph des Ästheten über die Mittelmäßigkeit der Produktion. Nichts kann ihn halten.

Während er weiterhin seinem Orchester die Beats vorgibt, hebt Astaire sich über die Musik und diesen Film hinweg. Sein Tanz findet woanders statt, er wird zum Dialog zwischen ihm und mir. Nach einer Minute grinst er zum ersten Mal sein Lausbubengrinsen direkt in die Kamera und von nun ist es uns beiden klar: Egal wie schlecht sein Film sein mag, wie mies die Tanzpartner oder wie lächerlich die Handlung, sie werden ihn nie unterkriegen. Das was wir haben, Fred und ich, das werden sie uns niemals nehmen können.

Lächeln vor sagenhafter Leichtigkeit

Mit dieser Leichtigkeit fliegt Fred Astaire durch seine Filme. Seine Tanznummern sind ein Meisterstück der Leichtfüßigkeit. Immer wieder simulieren sie einen puren Moment voller Tanzeslust, in dem die Charaktere verstehen, dass von nun an nichts mehr gesagt werden kann und stattdessen getanzt werden muss. Wenn Astaire in Walzer aus Amerika mit Ginger Rogers zu ihrem ersten Paartanz ansetzt, dann steht der Film samt Handlung, samt Nebendarsteller, samt Statisten still.

Wir alle schauen gebannt auf Astaires sagenhafte Leichtigkeit, auf Rogers' akkurate Synchronisation. Keines ihrer Lächeln ist aufgesetzt sondern eine reine Selbstverständlichkeit. Wer sollte in so einem Moment nicht lachen und strahlen wollen. Ihre Tanzchoreographien, die ohne Schnitte und ohne Nahaufnahmen auskommen, sind Ausdruck von allerhöchstem Können.

Schon in seinen frühen Tanzfilmen Flying Down To Rio und Ich tanz mich in dein Herz hinein tanzt Fred Astaire zu seinen eigenen Choreographien, die bis ins letzte Detail verfeinert sind. Solche Fähigkeiten in Aktion zu sehen hat etwas Erhebendes, etwas Mitreißendes. Die eigentlich enorm passive Tätigkeit, jemand anderem beim Tanzen zugucken, wird hier zu einer Aufforderung, selbst aktiv zu werden.

Als Mensch, der nie wirklich tanzen gelernt hat, fühle ich mich von Fred befähigt, alles zu tun, was ich schon immer auf einer Tanzfläche tun wollte. Ihm beim Tanzen zuzusehen, heißt, tief in die eigene Seele zu sehen. Es ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, die mich daran erinnert, dass wir derselben Spezies entstammen. Die mich an alles Gute erinnert, das unsere Spezies hervorbringen kann. Sie hat Fred hervorgebracht und er hat alles mit derselben Anatomie wie der meinen getan.

Insofern ist es ein Geschenk, derartiges Können beobachten zu dürfen. Zu wissen, dass er dieses Können nicht für sich behalten hat, sondern es mit uns allen teilen will und seine Botschaft an uns, sein Publikum, mit solcher Hingabe verschickt.

Vielleicht mag für heutige Augen ein Fußballspiel mit Lionel Messi als Beispiel gelten. In Messis Spielstil stecken unzählige Übungsstunden und ein Leben, das er nichts anderem gewidmet hat. Sehen ihn die Zuschauer auf dem Platz, dann bemerken sie aber sein unbändige Spielfreude, seine Leichtigkeit im Umgang mit dem Ball und sein strahlendes Lachen nach jedem Tor. Eine Tanzchoreographie von Fred Astaire fühlt sich ähnlich an, sie kommt einer Youtube-Compilation von Messis großartigsten Momenten auf dem Fußballplatz gleich.

Immer nur der ganze Körper und alles ohne Schnitte

Wir sehen die Tänzer immer von Kopf bis Fuß, dürfen entweder auf die flinken Füße, den Gesichtsausdruck oder die ausladenden Handbewegungen achten. So werden die Tanzsszenen zu einer Art Gemälde, voller Details und interessanter Kleinigkeiten. Wie beispielsweise das fließende Gleiten der Hände oder der kaum bemerkbare Wechsel von Stepptanz zu Swing.

In Fred Astaire-Filmen finden die Tänze außerhalb des eigentlichen Films statt. Zwar sind sie in die Handlung integriert, doch steht alles erst einmal still, wenn Astaire und seine jeweilige Partnerin ansetzen. Egal wo sie in diesem Moment sind – in einem Park, im Wohnzimmer, in einer Turnhalle – die Szenerie wird zur Bühne. Wahrscheinlich gruppiert sich außerhalb des Bildes die Crew und schaut mit angehaltenem Atem zu.

Diese Obsession, die Tänze nur als ausgefeilte Choreographien ohne Schnitte aufzunehmen, macht es möglich, diese Szenen mehrfach zu sehen. Jedes Mal, wenn ich Astaires Abschlusstanz in Walzer aus Amerika gucke, entdecke ich ein neues Detail. Darin tanzt er vor einer riesigen Leinwand, die seinen Schatten in dreifacher Ausführung wirft.

Fred allerdings ist so schnell und er tanzt so lange so ununterbrochen, dass die Schatten auf der Leinwand irgendwann nicht mehr hinterherkommen und schließlich verärgert aufgeben und davon gehen. Er selbst kann sich ein Lächeln darüber nicht verkneifen und setzt dann zum Schlussakt seiner Nummer an.

Mit Ideenreichtum und Tricktechnik über den Tanz hinaus

Sein vielleicht bester Film ist Königliche Hochzeit, bei dem er bereits über 50 Jahre alt ist. Trotzdem liefert er darin mehrere ikonenhafte Momente ab. Zuerst wird er in der Handlung von seiner Tanzpartnerin Ellen Bowen (Jane Powell) versetzt, was ihn dazu bewegt, stattdessen ein Duett mit dem Hutständer zu tanzen. Da die Turnhalle, in der er sich befindet, noch das ein oder andere Fitnessgerät zu Verfügung hat, bedient er sich reihum des Inventars, während er seinen Rhythmus mühelos hält.

Das Meisterstück des Films ist allerdings Fred Astaires Tanz in einem kleinen Hotelzimmer. Sein Charakter Tom Bowen hat sich gerade in eine Frau verliebt und starrt ihr Bild von seinem Sessel aus an. Bald kann er sich nicht mehr halten und muss seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er beginnt buchstäblich die Wände hochzutanzen, bis er steppend von der Decke hängt und dabei sein verliebtes Grinsen in die Kamera hält.

Wenn ich eine solche Szene des Stars wiedersehe, dann läuft es mir kalt den Rücken herunter. So makellos ist Fred Astaires Schrittfolge, so aufrichtig sein Lächeln und so perfekt die Illusion, dass ich mich fühle, als würde er mir meine Synapsen kitzeln.

Mittlerweile ist Fred Astaire seit über 30 Jahren tot und seine Filme waren Hits, lange bevor meine Eltern geboren wurde. Zwischen ihm und mir stecken Jahrzehnte an Popkultur. Immer wieder neue Helden haben immer neue Generationen inspiriert. Zwischen Fred und mir liegen Kameras, kratzende Lautsprecher, Schwarzweiß-Aufnahmen und schlechte Filmkopien, und doch: Wenn er tanzt, dann fühle ich, wie mein Körper ganz von selbst darauf reagiert.

Welche Filme von Fred Astaire gefallen euch am besten?

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