MacGyver - Das Reboot der Kultserie im Pilot-Check

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the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Update, 19.06.2017: Unseren Pilot-Check zum MacGyver-Reboot mit Lucas Till in der titelgebenden Hauptrolle haben wir bereits anlässlich der US-Ausstrahlung verfasst. Ab heute ist die Actionserie auf Sat.1 im deutschen Fernsehen zu sehen.

Ein Spoiler vorweg: Das Schweizer Taschenmesser erhält einen prominenten Auftritt in der ersten Folge von MacGyver und Lucas Till spielt authentisch den Typ Mensch, der seine Fingernägel millimetergenau trimmt, um Messer, Schere und Korkenzieher in Bestzeit aufzuklappen, muss eine Bombe entschärft oder ein Bordeaux dekantiert werden. Darüber hinaus krankt das Reboot der 80er Jahre-Actionserie MacGyver, das vergangenen Freitag in den USA bei CBS startete, an der Modernisierung. Paradoxerweise lassen alle Versuche, Angus MacGyver zum zeitgemäßen Actionhelden zu stilisieren, ihn umso überholter aussehen.

Rund zehn Jahre Altersunterschied liegen zwischen Richard Dean Anderson und Lucas Till beim Antritt ihres Dienstes als Angus MacGyver, Geheimagent, Bastelgenie, Action-Nerd. Nichtsdestotrotz werden uns die Lehrjahre von Millennial-MacGyver erspart. Vielmehr führt die erste Episode den Helden als vollendeten Profi ein. MacGyver ist in diesem von James Wan (Fast & Furious 7) inszenierten Auftakt bereits MacGyver, nur eben jünger und relevanter, oder was sich die Verantwortlichen eines Networks unter Jugend und Relevanz vorstellen, dessen Zuschauerschaft im Durchschnitt bereits die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag plant.

Zum Einstieg muss MacGyver im Auftrag der US-Geheimdienstes DXS eine Schickimicki-Party infiltrieren, um irgendeinen McGuffin aus einem Safe zu stibitzen. Dieser MacGyver ist ein Teamplayer, mit der Analystin (Tracy Spiridakos) im Ohr und den Muskeln (George Eads) als Absicherung. Trickreich gelangt er in die Party, gibt sich als Kellner aus, findet den Safe und steht schließlich vor einem grün leuchtenden Zylinder, wie Indiana Jones einst vor der goldenen Götterfigurine. Natürlich lässt schon bald der Alarm die Aktion auffliegen und Lucas Till darf sich in seinen ersten Actionszenen beweisen, was ihm glaubhaft gelingt. Auch dieser MacGyver hegt schließlich eine Abneigung gegen Schusswaffen und so wirft er mit Serviertabletts um sich oder lässt die Fäuste sprechen, um aus der glimpflichen Lage zu entkommen. Ein James Wan als Regisseur schadet indes nicht. Die Kamera von James L. Carter wirbelt in Tony Scott-Gedächtnis-Kreisen um ihren Helden oder folgt ihm elegant und mühelos durch die Villa, so mühelos wie er selbst von einer Idee zur nächsten improvisiert, um seine Ziele zu verwirklichen. Dieser MacGyver kann alles und das ist ein Problem.

Auch Richard Dean Anderson spielte ab 1985 in sieben Staffeln eine Art Superhelden, dessen übermenschlicher Einfallsreichtum zu ausgefeilten Parodien wie MacGruber führen musste. Das Original entstammt einer Ära der Action-Serien wie Das A-Team, Airwolf und Knight Rider, deren teils absurde Ausgangsideen ihnen zur nostalgischen Verklärung im popkulturellen Langzeitgedächtnis verhalfen. Das Bild eines MacGyver, der mit einer Büroklammer den Dritten Weltkrieg zu verhindern mag, wurde in der Serie vielfach naturwissenschaftlich und technisch begründet bzw. zu begründen versucht. Erträglich wurde dieses menschliche Allzweckgenie primär dank Richard Dean Anderson, dessen Held trotz allem als Normalo durchging. Statt des Archäologieprofessors im Kampf gegen Nazis spielte er den Highschool-Chemielehrer unter den Geheimagenten. Einer, in dem wir unsere Träume ausleben, weil wir uns in ihm und seinen majestätisch wehenden Haaren wiederfinden.

Lucas Tills MacGyver erinnert im Reboot eher an einen Baby-Ethan Hunt, der sich in der Serie geirrt hat. Was einerseits an seinem Team liegt, das im Auftakt ebenso gut den Plot des zweifelsfrei irgendwann kommenden TV-Reboots von Kobra, übernehmen Sie! nachspielen könnte. Dank des Teams, das später um eine Hackerin ergänzt wird, wirkt MacGyver naturgemäß weit weniger auf sich allein gestellt. Entsprechend existieren die per erklärendem Voice-over und redundantem Text-im-Bild dargestellten Basteleinlagen primär, um weiterhin der Zusammensetzung von "MacGyver", dem Produkt, zu entsprechen. Andererseits ist es wenig hilfreich dabei, Eigenleben und eine Existenzberechtigung zu entwickeln, wenn sich der halbe Plot bei Brian De Palmas Mission: Impossible bedient.

Als klassischer Pilot sprintet diese erste Folge wie bei einem Verkaufs-Pitch auf Koks durch die Exposition aller relevanten Charaktere und ihrer Fertigkeiten. Es ist gut möglich, dass Peter M. Lenkov (Hawaii Five-0) und seine Autoren in den kommenden Folgen weitere Anreize für MacGyver-Neulinge und all jene kreieren, die eine Locke von Richard Dean Anderson in ihrer Hausratversicherung angegeben haben. Spannendere Bösewichte als einen verschenkten Vinnie Jones müssen die Macher auf jeden Fall auffahren. Aber auch die Originalserie fand ihren Murdoc erst in Staffel 2. Schwerer dürfte es ihnen fallen, den enervierendsten Aspekt ihrer Serie zu korrigieren: MacGyver selbst. Lucas Till spielt diesen passabel als Adrenalinjunkie, dessen Freude am Abenteuer in Verbindung mit IQ und Alter schlicht anmaßend, prahlerisch und komplett unsympathisch wirkt.

Das stößt in jeder Szene mit George Eads besonders auf, der sich zuvor in 15 Staffeln CSI: Den Tätern auf der Spur als unkomplizierter und liebenswerter Nick Stokes abrackerte. Bezeichnenderweise verdonnerte Quentin Tarantino Nick für das Special Grabesstille dazu, lebendig begraben zu werden und seine eigene Obduktion zu halluzinieren. Bei keinem anderen Ensemble-Mitglied aus dem Sündenpfuhl Las Vegas hätten wir so verzweifelt mitgefiebert wie bei Nick. Und keinem anderen wünscht man bei Ansicht des MacGyver-Piloten so die Hauptrolle wie George Eads, der als MacGyvers Freund und Helfer Jack Dalton die Nachfolge von Bruce McGill antritt. Eads wäre sicher nicht die Idealbesetzung, bringt aber eine Gelassenheit und Bodenständigkeit mit, die dem nominellen Helden abgeht. Dann wäre es der Serie vielleicht leichter zu verzeihen, dass die visuellen Effekte zu wünschen übrig lassen, die Story keinerlei dramatisches Gewicht aufbaut oder die wahnsinnig innovative Figurenkonstellation des Reboots in so gut wie jeder Krimiserie seit Navy CIS zu sehen ist.

"I'm going all Michael Bay on this thing", heißt es einmal, aber den neuen MacGyver kann weder ein Bay noch ein James Wan verkaufen. Jung und modern sollte der Neue sein und wurde damit zur Austauschbarkeit verdammt. "You know how to hack computers, I know how to hack everything else", meint der Angeber an anderer Stelle und man fragt sich, warum er nicht einfach ein YouTube-Star geworden ist.

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