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République & die Ambivalenz des Überwachungstaats

Hope in République Remastered
© Camouflaj / gamespilot
Hope in République Remastered
04.03.2015 - 16:45 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Kritik an staatlicher Überwachung wird regelmäßig aus Sicht der potentiell Ausspionierten geübt. République hingegen vollzieht einen Perspektivwechsel und formuliert gerade dadurch starke Argumente gegen überhöhte Sicherheitsmaßnahmen.

Die im Schlaglicht aktueller Ereignisse wieder aufflackernde Debatte um eine Ausweitung der staatlichen Überwachungsbefugnisse wird regelmäßig von zwei Standpunkten aus geführt: Auf der einen Seite stehen die, die Freiheit und Bürgerrecht zugunsten einer vermeintlich erhöhten Sicherheit einschränken wollen. Auf der anderen Seite warnen Kritiker, wer sich nur nach einem Mehr an Sicherheit sehne, werde letztlich nicht nur die, sondern auch seine Freiheit verlieren.

Der Stealth-Titel République verdichtet diese diametral zueinander stehenden Positionen zu einem allsehenden Auge, das mir einen neuen Blickwinkel auf diesen Themenkomplex verschafft, meine Ansichten hinterfragt, aber deswegen letztlich festigt.

Wieso? Weshalb? Warum?

Das Spiel beginnt unvermittelt mit dem Telefonanruf einer jungen Frau namens Hope. Sie lebt in einem totalitären Regime, der namensgebenden République. Dieses Konstrukt aus Überwachung, Angst und Gefügigmachung droht über ihr zusammenzubrechen, denn ihre Aufseher finden Schriften eines jüngst getöteten Aufständischen bei ihr.

Poster mit perfiden Botschaften illustrieren die Denkweise der République.

Von diesem Punkt an nehme ich auf dem Regiestuhl meiner persönlichen Adaption von 1984 Platz. Ich kontrolliere unzählige Kameras, fange das Geschehen aus diversen Richtungen sowie Zoom-Stufen ein und dringe immer weiter in das Wesen der République vor, um Hope den Weg in die Freiheit zu weisen.

Wobei, besteht darin wirklich mein Ziel? Das Spiel lässt mich im Unklaren darüber, was mich antreibt oder welche Figur ich eigentlich verkörpere. Wenn Hope etwas in Richtung der Kameras sagt, glaube ich daher, sie würde mich direkt und keinen zwischengeschalteten Avatar ansprechen. Dieser Umstand führt dazu, dass ich ein Gefühl der Fürsorge entwickle. Werde ich etwa zum sprichwörtlichen Großen Bruder?

Als ich einen Moment darüber nachdenke und pausiere, höre ich plötzlich ihre Stimme: "Bist du noch da?", in ihren Worten schwingt nicht die Angst mit, ausspioniert zu werden. Vielmehr fürchtet sie, allein zu sein. Und ich grübele zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, ob all die Überwachungstechnologie nicht doch zu einem guten Zweck eingesetzt werden könnte.

Datenschlussverkauf

Aus spielerischer Sicht fällt das Hacken zugegebenermaßen simpel aus, da verfügbare Informationen, sofern ich die jeweilige Fähigkeit freigeschaltet habe, nur einen Mausklick entfernt sind. Auf inhaltlicher Ebene setzt République damit allerdings, vielleicht unbewusst, ein deutliches Statement.

Die Omni-Sicht hebt Interaktionspunkte hervor.

Müsste ich eine Gameplay-Mechanik überwinden, um beispielsweise eine E-Mail einzusehen, käme das einer Hemmschwelle gleich. Es gäbe womöglich Daten, die so gut gesichert wären, dass ich an ihrer Erlangung scheitern würde. So aber fülle ich meinen Informationsstand mit einer derart erschreckenden Nebensächlichkeit, als wäre er mein Einkaufswagen während eines Steam-Sales.

Irgendwann muss ich mir eingestehen, dass meine Taten nicht nur von der Sorge um Hope getragen werden, sondern meine Neugierde geweckt ist. Dadurch vermittelt mir République einen bleibenden Eindruck davon, welche Begehrlichkeiten moderne Technik mithin weckt.

Habe ich mich etwa verhört?

In einer Schlüsselszene am Ende der ersten Episode sitzen Hope und ihre Aufseherin Mireille in einem Verhörraum und beten das klassische Für und Wider des kleinen Überwachungs-Einmaleins herunter:

Mireille: Nach allem, was wir für dich tun...

Hope: Ihr überwacht mich.

Mireille: Wir sehen nach dir.

Hope: Ihr sperrt mich ein.

Mireille: Wir schützen dich.

Jennifer Hale vertont die Antagonistin Mireille.

Plötzlich beginne ich in meinem Kopf das Gehörte mit dem Erlebten abzugleichen. Nutze ich nicht all die technischen Möglichkeiten, um über Hope zu wachen? Weise ich sie nicht an, sich in Schränken zu verstecken, damit sie Schutz vor ihren Häschern findet? Ja, diese Punkte muss ich mir eingestehen. Gleichzeitig geben sie wiederum Aufschluss über die (bisherige) Kernaussage von République: Von Überwachungsmaßnahmen profitiert nur der, der seine Mitmenschen als Bedrohung wahrnimmt.

République ist seit dem 26. Februar in einer für den PC aufbereiteten Remastered-Fassung bei diversen Online-Vertriebsplattformen wie Steam oder GoG für rund 20 Euro erhältlich. Bisher sind 3 der 5 geplanten Episoden erschienen. Jede Episode soll eine Spielzeit von rund zwei Stunden bieten.

Disclaimer: QWER ist eine Kolumne der gamespiloten. Die hier getroffenen Aussagen spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der gesamten Redaktion wider, sondern beziehen sich auf den jeweiligen Autor selbst. Erst lesen, dann kommentieren.

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