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Go home, Geralt!

The Witcher 3 ist doof (und warum ich trotzdem weiterspiele)

The Witcher 3
© Bandai Namco
The Witcher 3
03.06.2015 - 12:30 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Ja, ich weiß: Es widerspricht offenbar dem gesunden Menschenverstand, einen Wertungsskala-Liebling nicht zu mögen. Und dennoch: Ich finde The Witcher 3 doof — aber spiele es trotzdem weiterhin gerne. Eine kleine Geschichte von NPCs und Wertungsmythen.

Ich finde The Witcher 3: Wilde Jagd  doof. Ziemlich doof sogar, obwohl sich zum Release die deutsche und internationale Presse vor Lob überschlug: Das dritte Abenteuer von Geralt heimste über 100 Auszeichnungen ein, bevor es überhaupt veröffentlicht wurde und staubte pünktlich zum Release überwiegend Wertungen oberhalb der magischen 9er-Grenze ab. Euer fragender Blick angesichts meiner Skepsis scheint berechtigt: Wie kann dieser Dom einen 10/10-Titel so schnell links liegen lassen? Macht der Mann seinen Job nicht richtig?

Ohne NPCs ist alles doof


Es ist ein riesiges Dilemma, in dem ich mich befinde: Es widerstrebt mir, nur eine Minute länger über die Schulter von Geralt zu blicken und doch zieht es mich immer wieder in die Welt des Witchers.

All meine Vorbehalte gegenüber The Witcher 3: Wilde Jagd  kann ich dem Spiel selbst allerdings nicht vorwerfen, sondern vielmehr meinem Spielgeschmack. Die drei wichtigsten Gründe, die ich hier nenne, ergeben innerhalb der Witcher-Welt durchaus Sinn. Sie sind unvermeidbar, wenn die Entwickler von CD Projekt Red ihren Job gut machen wollen — und selbst ich frotzelnder Kritiker gestehe dem Team aus Polen ein, dass sie mit ihrem Spiel ein gigantisches Projekt auf beeindruckende Art und Weise gestemmt haben.

Geralt ist die Hauptfigur des Abenteuers — nicht ich

Geralt von Riva ist ein VIP der fiktiven Fantasywelt, in welcher er sein Dasein fristet: In den Spielen erleben wir seine Abenteuer, seinen Kampf um Reputation und Überleben, während er als Witcher ständig irgendwo am Rande der Gesellschaft kreist. Damit unterscheidet sich das Franchise wesentlich von einem Großteil seiner Genre-Geschwistern: Ob nun The Elder Scrolls V: Skyrim , Gothic  oder Fallout 3  — wir schlüpfen in diesen Abenteuern in den Körper eines Namenslosen, der unsere Entscheidungen am Controller direkt und ohne zu zögern ausführt und damit zur Repräsentation des Spielers im Spiel wird.

Ein böser Blick für alle, die selbst einmal Held sein wollen.


Statt dass ich mir also auf dem Kontinent des Witchers selbst einen Namen machen muss, befinde ich mich bereits mitten im Geschehen, habe eine Vorgeschichte und ein festes Ziel vor Augen und kann innerhalb dieses Rahmens nur noch im Detail eigene Entscheidungen treffen. Der für mich spannendste Aspekt eines Rollenspiels, das Schreiben meiner eigenen Geschichte im Spiel, wurde mir bereits abgenommen.

Natürlich ist es spaßige Bewegungsfreiheit, ob ich nun für einen erlegten Greifen Geld verlange oder nicht — ein Ersatz des motivierenden "From Zero to Hero"-Spielprinzips oder gar des Charakter-Editors ist das allerdings nicht und führt mich zu meinem zweiten Problem mit dem Witcher.

Der Skilltree ist überflüssig

Halt, Finger weg von der Tastatur — der Skilltree, das Herz eines Rollenspiels, ist natürlich auch in Witcher 3 vorhanden. Ein genauer Blick allerdings offenbart, dass hier die Magie des Auflevelns nur noch auf Mikroebene geschieht.

Schlecht in Mathe? Pech gehabt.


Ein Skillpunkt in schwere Angriffe? Das macht die Attacken des Witchers 1.25% wuchtiger. Oder lieber doch ein bisschen mehr Ausdauer? Kein Problem, 0.75% Gesundheit sind auf dem Weg zu dir! Irgendwie macht es ja Sinn, den schlachtgestählten Geralt nach drei riesigen Abenteuern nicht mehr großartig im Fertigkeitsrang aufsteigen zu lassen — trotzdem ist das Spiel der Prozentwerte nicht sonderlich spaßig und lässt echte, spürbare Auswirkungen im Spiel vermissen.

(Die Menüführung ist übrigens auch schlimm. Aber das nur am Rande.)

Als Witcher wird Geralt der ewige Außenseiter bleiben

Die Welt von Geralt ist unerbittlich und grausam. Das demonstriert uns CD Projekt regelmäßig und mit großer Finesse, wenn wir durch die kriegsgebeutelten Landschaften reiten. Doch auch der Witcher gehört zu den Feinden dieser instabilen Welt: Dorfbewohner beäugen ihn missmutig und in den Tavernen steigt das Konfliktpotential in unendliche Höhen, wenn der Witcher auch nur einen Fuß auf den Plankenboden setzt.

Geralt wird niemals gleichberechtigter Teil der Spielwelt sein — und das finde ich doof.


Die Welt ist überzeugend darin, ihre Abneigung dem Spieler gegenüber zu demonstrieren — und das schreckt mich regelmäßig davon ab, mich in der Welt des Witchers zu verlieren. Ja, seine Rolle als Außenseiter macht Sinn, aber ich selbst würde viel lieber versuchen, Teil und vollwertiges Mitglied dieser Welt werden zu wollen. Und auch, wenn ich mich in Himmelsrand oder dem Ödland dazu entscheide, in die Rolle eines Außenseiters zu schlüpfen, so kann ich diese Rolle dort aufbrechen, wann immer ich möchte. Geralt hingegen ist eine vordefinierte Spielfigur mit Makeln und Vorzügen und ich als Spieler kann mich trotz des "Open World"-Etiketts nicht aus seinem eng bemessenen Horizont entziehen.

Und trotzdem spiele ich weiter

Trotz dieser drei Gründe, die mitunter die Eckpfosten meiner Unzufriedenheit mit The Witcher 3 markieren, kehre ich regelmäßig in die riesige Spielwelt zurück. Der Grund dafür sind die Personen und Figuren, die eigentlich nur als Nebenfiguren die Abenteuer von Geralt begleiten. Questreihen wie die des Bloody Baron erschaffen so unglaublich vielschichtige NPCs, wie ich so schon lange, vielleicht nie, in Rollenspielen erleben durfte. Bereits lange bevor ich auf den Baron im Spiel persönlich treffe, gerate ich in einer Taverne mit einigen Soldaten zusammen, die unter seinem Banner kämpfen.

Der Baron gehört zu den interessanten Figuren des Spiels.


Sie erzählen beiläufig von den Taten des Bloody Baron in Schlachten längst vergangener Tage und zeichnen mit ihren Geschichten das Bild eines rücksichtslosen, aber willensstarken Anführers in meinem Kopf. Später lerne ich den wohlbeleibten Mann selber kennen und tauche mit jedem Besuch tiefer in seine Geschichte ein: Ich erfahre von seinem Alkoholsucht, die ihn und seine Familie zerrissen hat. Ich besuche mit ihm den Ort, wo er die Totgeburt seiner Frau verscharrt hat und half ihn, diesen Fluch über seiner Familie wieder zu brechen — und noch immer habe ich nicht seine komplette Geschichte kennengelernt.

Während Geralt mit seiner gelangweilten Batman-Synchronstimme Zustimmung oder Ablehnung signalisiert, bilden seine KI-gesteuerten Gegenüber einen gigantischen, emotionalen Kontrast, der mich Tag für Tag erneut vor die Konsole lockt. Mittlerweile ist der Witcher selbst nur noch mein Mittel zum Zweck, um immer noch mehr Geschichten aus dieser riesigen Welt zu hören. The Witcher 3 ist mein Märchenbuch geworden und Geralt mein Lesezeichen.

Ein Herz für NPCs!


Über die Beschaffenheit und Bevölkerung der Spielwelt lässt sich streiten — doch ich wünsche mir, dass die Qualität und Tiefe der Geschichten selbst zum Standard für kommende Rollenspiele werden, die dann sogar noch Spieler begeistern können, die wie ich mit der eigentlichen Hauptfigur schon kurz nach Spielbeginn nichts mehr anfangen können.

The Witcher 3 ist ein großartiges Spiel — selbst, oder vielleicht besonders, ohne seinen Protagonisten.

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