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Zeichentrickserien

Als Wickie nur gezeichnet war und Captain Future die Kinder verdorben hat...

11.09.2009 - 16:30 Uhr
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Die Realverfilmung von Wickie und die starken Männer ist seit dieser Woche in den Kinos. Zeit für ein kleines Brainstorming, womit wir (jede Generation von Fernsehkindern seit 1960) noch so aufgewachsen sind…

Herrrrrreinspaziert in eine Welt der Erinnerungen! Wir entführen Sie, werte Leser, in eine längst vergangene Zeit, als Das Lustige Taschenbuch und Yps (bzw. die Abrafaxe) gelesen wurden, wenn gerade nichts im TV kam. Und da es noch keine Kindersender gab, war das ziemlich oft so! Folgen Sie uns in eine Ära, als Raumschiff Enterprise noch nachmittags lief, weil die Öffentlich Rechtlichen es für eine Kinderserie hielten! Als bei MTV noch hippe Leute um die 40 NUR Musik ansagten. Und als Wickie und die starken Männer noch eine Zeichentrickserie war, die abends auf 3Sat lief…

Wer könnte so einen Artikel besser einleiten als Bugs Bunny?

Wickie und die starken Männer war eine der ersten Serien, der japanischen Nippon Animation, und sollte den Grundstein für eine jahrzehntelange Produktion legen, die einen Hit nach dem anderen raushaute. Zwischen 1972 und 1974 wurden ingesamt 78 Folgen von Wickie produziert und ab Januar 1974 bei uns im ZDF ausgestrahlt. Seitdem läuft Wickie ständig auf dem ein oder anderen Sender. Und jede Generation von Kindern seit 1974 kann das Titellied “Hey, hey, Wickie” (das übrigens von der Band stammt, die später als die Bläck Fööss berühmt werden sollte) mitsingen.

Der richtig große Knaller sollte für Nippon aber erst noch kommen: 1974 wurden die 52 Folgen von Heidi produziert und wurden ein weltweiter Erfolg. Ähnlich wie zuvor Wickie oder ein Jahr später Biene Maja, sollten die Animationsadaptionen weitaus berühmter werden als ihre literarischen Vorlagen und noch heute denkt man unweigerlich an die Zeichentrickfiguren, wenn man die Namen hört.

Der Erfolg von Heidi führte dazu, daß Nippon eine neue Reihe von Animes einführte, die allesamt auf international bekannten, literarischen Vorlagen basieren. In Deutschland besonders bekannt wurden Serien wie Niklaas, ein Junge aus Flandern (von 1975), Marco (1976), Rascal der Waschbär (1977), Perrine (1978) und Anne mit den roten Haaren (1979). Und dabei sind längst nicht alle Serien in Deutschland gelaufen. Les Misérables oder die Fortsetzung von Anne mit den roten Haaren zum Beispiel warten immer noch auf eine Synchronisation.

Der Vollständigkeit halber wollen wir auch Serien wie Sindbad (1975), Pinocchio (1976), oder Alice im Wunderland (1983). Soviel zu den Menschen. Reine Tierserien gab’s aber auch: Puschel, das Eichhorn (1979), D’Artagnan und die drei Musketiere (1981) und Um die Welt mit Willy Fog (1982). Allesamt von Nippon, allesamt Teil einer Kindheit. Rückblickend fragt man sich fast, wo überhaupt noch Zeit für Kindergarten und Schule herkam… und das waren bisher nur die Serien von einer einzigen Produktionsfirma…

Noch lange bevor Nippon Entertainment Erfolge feierte, veröffentlichte Mushi Productions von 1965 bis 1966 Kimba, der weiße Löwe unter der Leitung von Eiichi Yamamoto. Dies sollte die erste Farbserie Japans werden und lief ab 1977 im ZDF. Von insgesamt 52 Folgen wurden hier jedoch nur 39 ausgestrahlt.

Noch größere Kürzungen erfuhr Captain Future von Tomoharu Katsumata. Während der Captain in Japan im Abendprogramm lief und für ein erwachsenes Publikum konzipiert war, kam es in Deutschland trotz großer Einschnitte und Umstellungen von Episoden zu einem regelrechten Skandal. 40 der 52 Folgen liefen 1980 im ZDF und umgehend gab es Proteste von besorgten Eltern – sogar in Schulbüchern wurde vor den Auswirkungen der Serie auf Kinder gewarnt. Das hat jedoch nicht verhindert, dass Captain Future den heute wohl größten Kult um eine Zeichentrickserie ausgelöst hat.

Das deutsche Thema für Captain Future, komponiert von Christian Bruhn:

Und das Original aus Japan… hatten wir ein Glück!

Umarbeitungen für den deutschen Markt mußten aber nicht immer schlecht sein. So lief Sabre Ride und die Starsherrifs 1984 in Japan relativ unbeachtet – die vollkommen umgeschnittene deutsche Fassung wurde ab 1990 jedoch zum Erfolg für Tele5 in Deutschland.

Kaum zu glauben, aber trotz dieser umwerfenden Fülle von japanischen Serien, gab es auch eine ganze Menge Produktionen aus Europa und den USA. Danger Mouse aus Großbritannien zum Beispiel rettete 10 Jahre lang von 1981 an mit seinem Assistenten Lübke die Welt vor Baron Ekel von Etzmolch. In dieser Serie hatte übrigens Graf Duckula seinen ersten Auftritt, bevor er seine eigene Serie bekam. Aus Italien kamen seit 1975 die 28 Folgen Grisu. Und Der kleine Maulwurf aus der Tschoslowakei sammelt seit 1957 in 63 Episoden immer wieder neue Fans, hierzulande durch seinen Einsatz in der Sendung mit der Maus.

Zum Schluss dürfen wir natürlich nicht die Kompilationsserien vergessen, die die Fülle von Cartoons aus den 1940ern und 1950ern zusammenschnitten und als Serie ins TV brachten, allen voran Paulchen Panther (seit 1973) und Bugs Bunny – Mein Name ist Hase (sogar seit 1960). In einem Versuch, die ja so schädlichen (!) Cartoons für Kinder pädagogischer und leichter verdaubar zu machen, erhielz der Rosarote Panther bei uns eine erklärende Stimme aus dem Off, die in Reimen das Geschehen kommentierte – und vielleicht zum größten Wiedererkennungswert der Serie führte.

Soviel also zu unserem kleinen Rückblick auf die Zeichentrickserien, die damals rauf und runterliefen, als wir noch keine 40 Sender hatten und immer irgendwo was für Kinder lief. Egal wie alt, jeder von uns ist mit der ein oder anderen Serie aufgewachsen und hat jetzt bestimmt bei manchem Namen ganz melancholische Erinnerungen bekommen. Der Batzman sitzt zum Beispiel grad an seinem Schreibtisch und singt das Danger Maus-Thema (drohte sogar mit Entlassung, wenn der nicht erwähnt wird) und ein paar von uns arbeiten an einer choralen Version von “Das ist die große, bunte Bunny Schau…”

Los, lasst Euren Erinnerungen freien Lauf – wer kann heute noch mitsingen? Garantiert haben wir auch eine ganze Menge vergessen: Welche Serien fehlen Eurer Meinung nach noch unbedingt?

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