Zum 55. Geburtstag

Park Chan-wook - Der koreanische Meister der unauslöschlichen Bilder

Park Chan-wook
© Capelight/Koch Media/20th Century Fox
Park Chan-wook
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Im Interview mit der Welt zu seinem ersten amerikanischen Film Stoker sprach der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook 2013 davon, dass Schauspieler bei ihm nur etwa einen Anteil von 10 Prozent des fertigen Werks ausmachen würden. Eine ungewöhnliche Aussage, die von Berichten seiner Darsteller wie Nicole Kidman und Matthew Goode zusätzlich gestützt wurde, als diese davon erzählten, dass der Regisseur vor Beginn der Dreharbeiten den gesamten Film schon in seinem Kopf hätte. In Bezug auf das bisherige Schaffen von Park erscheint diese Vorstellung jedoch nicht abwegig, denn die Filme des Regisseurs sind zumeist von einer durchdachten, kontrollierten Form geprägt, die stets einer ganz klaren Vision unterliegt.

Anlässlich seines heutigen 55. Geburtstags wollen wir auf die unauslöschlichen Bilder von Park Chan-wook zurückblicken, der bei den populärsten Regisseuren der moviepilot-Community 2016 den 24. Platz belegte. Durch seine wiederkehrenden Themen und den meisterhaften Inszenierungswillen verhalf er dem koreanischen Kino zudem wesentlich zu einem neuen Aufschwung an Popularität außerhalb seines Entstehungslandes.

Park Chan-wooks Durchbruch als Regisseur

Vor seiner Karriere als Regisseur studierte der in Seoul aufgewachsene Park Chan-wook Philosophie und veröffentlichte verschiedene Artikel über das Kino, die bei ihm zunächst eher eine Laufbahn als Filmkritiker andeuteten. Vertigo - Aus dem Reich der Toten von Alfred Hitchcock, ein Filmemacher, der sich in Parks eigenem Schaffen noch maßgeblich widerspiegeln sollte, inspirierte ihn dazu, selbst Filme zu drehen. Nachdem seine ersten beiden Werke kaum Beachtung fanden, gelang ihm mit Joint Security Area der große Durchbruch, welcher zum bis dato erfolgreichsten südkoreanischen Film wurde.

Die moralischen Grauzonen und eindringlichen Bild-Splitter in der Rache-Trilogie von Park Chan-wook

Die größte Aufmerksamkeit sollte Park Chan-wook anschließend mit seiner Rache-Trilogie zuteil werden, die aus Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy und Lady Vengeance besteht. Drei Filme, die abgeschlossen für sich stehen und doch durch das übergeordnete Motiv der Rache verknüpft sind, anhand derer Park moralische Grenzen auslotet und sie auf ambivalente Weise verhandelt. Immer geht es in den Geschichten dieser Werke um Menschen, die in eine Spirale der Gewalt geraten, welche sie vorsätzlich oder unbeabsichtigt selbst in Gang gesetzt haben: der taubstumme Ryu, der seiner schwerkranken Schwester eine Nierentransplantation ermöglichen will und dafür einen Pakt mit seinem inneren Teufel eingeht; Oh Dea-Su, der 15 Jahre lang in einem kleinen Zimmer eingesperrt war und nach seiner Freilassung Vergeltung an seinem Peiniger üben will; und Lee Geum-Ja, die als 19-Jährige für den Mord an einem kleinen Jungen fälschlicherweise verurteilt wurde und 13 Jahre später den wahren Täter ausfindig machen will.

In seiner Rache-Trilogie formt Park Chan-wook die Figuren in charakterlichen Grauzonen, die dem Zuschauer eine klassische Unterscheidung in Gut oder Böse kaum noch ermöglichen. Die Trennlinie zwischen Täter und Opfer hebt der Regisseur immer wieder bewusst auf, um sein Publikum mit extremen Abgründen in der Psyche seiner Protagonisten zu konfrontieren, die regelmäßig brutale Gewalttaten hervorbringen. Wesentlich stärker als noch zuvor gelingt Park in der Rache-Trilogie zudem der Fokus auf eine Ästhetik, durch die sich einzelne Bilder wie eindringliche Splitter erst in den Augen und schließlich dauerhaft im Kopf des Betrachters festsetzen.

Das Bild des kleinen Mädchens, das in Sympathy for Mr. Vengeance als blasse Leiche halb unter und halb über dem Wasser zu sehen ist, besitzt eine ebenso unvergessliche Wirkung wie die Szene in Oldboy, in der Oh Dae-Su nach seiner 15-jährigen Gefangenschaft zum ersten Mal wieder etwas anderes essen kann als die immer gleichen Teigtaschen, die ihm täglich vorgesetzt wurden. Dafür bestellt er sich einen lebenden Tintenfisch, den er sogleich verspeist, wobei sich die Tentakel des Meeresbewohners noch um sein Gesicht schlängeln, während Oh Dae-Su das Tier mit gequältem, leerem Blick Bissen für Bissen runterschlingt. Auch Lady Vengeance ist voll von solchen unauslöschlichen Bildern, wenn sich die Hauptfigur Lee Geum-Ja in surrealen Momenten wiederholt in ihre eigene Fantasie begibt und den Kindermörder, für den sie eine langjährige Haftstrafe verbüßen musste, als Schlittenhund mit dessen abgetrenntem Kopf aufgenäht hinter sich her zieht.

Park Chan-wooks Schaffen zwischen Hitchcock-Referenzen und stilistischer Formvollendung

Nach der verspielten Tragikomödie I'm a Cyborg, But That's OK und dem Vampir-Thriller-Drama Durst lieferte Park Chan-wook mit Stoker sein US-Debüt ab. Dabei sorgte der Wechsel hin zu einem amerikanischen Studio keinesfalls dafür, dass die markante Handschrift des Regisseurs verwässert wurde. Das Drehbuch von Prison Break-Hauptdarsteller Wentworth Miller, welches mit verschiedenen Referenzen an die Filme von Alfred Hitchcock gespickt ist, verwandelte der Hitchcock-Enthusiast Park in eine formvollendete Mischung aus abgründiger Coming-of-Age-Geschichte und Im Schatten des Zweifels. Wieder kommt jede Einstellung einem Gemälde gleich, wobei der Regisseur die Übergänge noch kunstvoller als zuvor gestaltet, wenn das blonde, in Nahaufnahme gekämmte Haar von Nicole Kidman beispielsweise nahtlos in ein Kornfeld überleitet.

Trotz des künstlerischen Erfolgs stellte Stoker Park Chan-wook vor Frustrationen, da ihn ständig anwesende Studio-Mitarbeiter zu sehr in seiner Freiheit eingeschränkt hätten. Für seinen nachfolgenden Film Die Taschendiebin kehrte der Regisseur daher wieder nach Südkorea zurück. Gedreht hat er dabei eine sinnlich-poetische Thriller-Romanze, die wie gewohnt seine unverkennbare Handschrift trägt. Der vielschichtige, feministisch ausgerichtete Film ist ein stimmig konstruiertes Spiel der Täuschung und Maskerade, bei dem der Regisseur Erzählebenen und Perspektiven in einer betörenden Ästhetik munter wechselt. Zum 55. Geburtstag wünschen wir Park Chan-wook alles Gute und freuen uns in Zukunft auf noch viele weitere seiner unauslöschlichen Bilder.

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