Das Lost in Space-Reboot wird von seinem eigenen Abenteuer erdrückt

Lost in Space - Verschollen zwischen fremden Welten
© Netflix
Lost in Space - Verschollen zwischen fremden Welten
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Schaut zu viel ins Internet.

Science-Fiction-Enthusiasten wurde auf Netflix in den ersten drei Monaten des Jahres einiges geboten. Neben Duncan Jones' lang erwarteten Blade-Runner-trifft-Casablanca-Film Mute eroberte die ebenfalls in einer Cyberpunk-Welt verortete Romanadaption Altered Carbon - Das Unsterblichkeitsprogramm die Plattform des Streaminganbieters. Das nächste Highlight steht schon parat, welches in eine ähnliche Kerbe schlägt, den dystopischen Erdball allerdings weit hinter sich zurücklässt. Lost in Space - Verschollen zwischen fremden Welten entführt in die unendlichen Weiten des Weltraums, um eine andere populäre Science-Fiction-Serie zu zitieren. Ziemlich schnell stellt sich jedoch heraus, dass bei all der Begeisterung, die die Neuauflage der gleichnamigen Kultserie aus den 1960er Jahren für die Entdeckung und das Abenteuer aufbringt, die Konzentration in der Erzählung verloren geht.

Zwischen Jumanji, Lost und Battlestar Galactica

Anfangs überwiegt die Neugier, immerhin geben sich Matt Sazama und Burk Sharpless sehr viel Mühe, um einen mysteriösen Hinweis nach dem anderen zu streuen, während sich die frisch eingeführten Figuren ab der ersten Minute in Lebensgefahr befinden. Gemeinsam haben die zwei Serienschöpfer bereits Projekte wie Dracula Untold, The Last Witch Hunter und Gods of Egypt gestemmt. Nun können sie sich in Form einer zehnteiligen Netflix-Serie austoben, wobei Lost in Space nicht verlegen ist, darauf hinzuweisen, lieber als zehnstündiger Film verstanden zu werden - sämtliche Vor- und Nachteile dieses künstlichen Labels inklusive. Sobald die Familie Robinson auf einem fremden Planeten gestrandet ist, stellen die Autoren eine Mischung aus Jumanji, Lost und Battlestar Galactica in Aussicht. Alles soll sich im größtmöglichen Panorama entfalten, richtig in die Gänge kommt die Serie aber nicht.

Als irritierend gestaltet sich vor allem die Dynamik innerhalb der Robinson-Familie. Während die Eltern, Karrieresoldat John (Toby Stephens) und Wissenschaftlerin Maureen (Molly Parker), gegenseitig um die Alpha-Position konkurrieren, herrscht auch unter den Kindern eine konstante Anspannung, obgleich sie im Angesicht ihrer misslichen Lage mit vereinten Kräften am gleichen Strang ziehen sollten. Sowohl Penny (Mina Sundwall) als auch ihre ältere Schwester Judy (Taylor Russell) stehen sich gleichermaßen absichtlich wie unabsichtlich im Weg. Der junge Will (Max Jenkins) macht derweil sein eigenes Ding, spätestens nachdem er den Kontakt zu einem außerirdischen Roboter geknüpft hat. Genau dieser Roboter ist es aber, der als tickende Zeitbombe zum spannendstes Element in Lost in Space avanciert. Eingeführt als gefährliches Ungetüm entpuppt sich der hochtechnologisierte Zeitgenosse gegenüber Will als Retter und Beschützer.

Eine dysfunktionale Familie und ein Roboter

Wenngleich der Rest der Familie sowie die später zum Ensemble dazustoßende Dr. Smith (Parker Posey) und ihr Begleiter Don West (Ignacio Serricchio) der metallenen Erscheinung skeptisch gegenüberstehen, gehört die Beziehung, die Will zu seinem Robo-Freund aufbaut, zu den überzeugendsten Bestandteilen der ersten Staffel. Angelehnt an Der Gigant aus dem All und natürlich den Filmen von Steven Spielberg eröffnet Lost in Space an diesem Punkt eine faszinierende Ebene, die viel mit Ungewissheit, aber auch Vertrauen spielt. Der Roboter spricht kaum und wenn ihm ein Wort über die nicht vorhandenen Lippen rutscht, dann gestaltet es sich in Form eines kryptischen "Danger, Will Robinson", das nie endgültig klärt, ob er drohende Gefahr erkannt hat oder selbst zur drohenden Gefahr geworden ist. Während die Entwicklung der menschlichen Figuren überaus holprig vonstatten geht, verwandelt sich der Roboter zum bestgezeichneten Charakter in dieser fremden Welt.

Apropos Welt: Hier merken wir Lost in Space in jeder Sekunde die Ressourcen an, die Netflix gewillt war, in das Serien-Reboot zu investieren. Wo Altered Carbon in erster Linie damit beschäftigt war, mit seinem Budget zu protzen, weiß Lost in Space die Güter deutlich ausgeglichener zu verteilen, sodass die Gestaltung des Planets, auf dem sich die Robinsons zurechtfinden müssen, uns Zuschauer regelmäßig zum Staunen bringt. Zudem entwickelt die Insel in Lost eine eigene Persönlichkeit. Stets ändern sich die Temperaturen, während plötzlich ganze Landstriche von einem Unwetter heimgesucht werden, dass alles andere als ein lebensfreundliches Klima schafft. Nach und nach müssen die Robinsons lernen, mit den Gegebenheiten und Gesetzen dieses eigenartigen Ortes umzugehen, der sich einerseits als rettendes Auffangbecken beim Absturz offenbart, andererseits aber ebenso zur tödlichen Falle werden kann.

Fantastische Welten, ohnmächtige Drehbücher

Besonders schön gestalten sich dazu im Kontrast die Umschreibungen der zurückgelassenen Erde. Während Flashbacks vereinzelt Einblick in die Vergangenheit gewähren, sind es hauptsächlich beiläufige Kommentare, die uns erahnen lassen, in welch grausamen Ort sich die ursprüngliche Heimat des menschlichen Geschlechts verwandelt haben muss, sodass nun neue Kolonien in den entlegensten Winkeln des Universums gegründet werden. Diese feinen Impulse sind es, die den Spannungsbogen trotz generisch konzipierter und ebenso einfallslos ausgeführter Konflikte intakt hält und sogar mehr Gänsehaut verursachen als jeder noch so spektakuläre Cliffhanger. Denn was Lost in Space überhaupt nicht in den Griff bekommt, ist die Frage nach dem Gewicht der Geschehnisse und den dazugehörenden Konsequenzen. Am liebsten würden die einzelnen Episoden an allen Orten zugleich sein, richtig erobern wollen sie trotzdem keinen.

So angestrengt Lost in Space versucht, zu dem eingangs erwähnten Zehnstundenfilm zu werden, der Episodenhaftigkeit ihres Ursprungs kann sich die Serie nicht entziehen. Es wird fortwährend ein gewisser Fortschritt behauptet. Zu oft fällt die Serie aber wieder in ihre Ausgangsposition zurück, während das Abenteuer stetig größere Dimensionen annimmt. Die dysfunktionale Familie dreht sich im Kreis, tappt immer wieder in die gleichen Fallen und kann selbst der offensichtlichsten Verführung nicht standhalten. Alle Fantasie und Hingabe im Design kann gegen oberflächliche Drehbücher nur bedingt ankommen, denn zwischen den Zeilen interessiert sich Lost in Space erschreckend wenig für Entwicklungen. Spaß macht die Serie am Ende trotzdem, selbst wenn die letzte Note stets eine unbefriedigende bleibt und von der wahrlich fantastischen Serie träumen lässt, die dieses Reboot hätte werden können.

Die 1. Staffel von Lost in Space - Verloren zwischen fremden Welten ist seit dem 13.04.2018 komplett auf Netflix verfügbar. Als Grundlage für den Serien-Check dienten alle zehn Episoden.

Habt ihr bereits einen Blick in die Neuauflage von Lost in Space geworfen?

moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Schaut zu viel ins Internet.
Deine Meinung zum Artikel Das Lost in Space-Reboot wird von seinem eigenen Abenteuer erdrückt