Deshalb ist Glass der perfekte Anti-Avengers unter den Superheldenfilmen

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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Achtung, Spoiler zu Glass: Ist M. Night Shyamalan ein überheblicher Größenwahnsinniger oder ein brillantes Genie? Diese Frage stellt sich ein weiteres Mal nach der Sichtung seines neuesten Films Glass, der eine doppelte Fortsetzung zu Unbreakable und Split darstellt. Vor 19 Jahren wurde Ersterer in einer Kinolandschaft veröffentlicht, in der Comicverfilmungen noch etwas Unverbrauchtes anhaftete. Shyamalan hatte diesen Umstand begriffen und schuf mit Unbreakable ein intimes Charakterdrama, das Comics vielmehr als aufregenden Mythos begriff, der in die Lebensrealität seiner gebrochenen, eher beiläufig mit Superkräften ausgestatteten Figuren eindrang.

Im Jahr 2019 hat sich diese Kinolandschaft von damals merklich gewandelt und das Marvel Cinematic Universe (MCU) dominiert Jahr für Jahr die Programme und Einspielergebnisse der Lichtspielhäuser. Shyamalan, der sich selten Ideen- und Mutlosigkeit vorwerfen lassen muss, begegnet dieser Flut an etablierten Comicfilm-Konventionen in Glass mit ausgelassener Angriffslust.

In Glass werden Superhelden zu eingeschlossenen Therapiefällen

Waren Superhelden in Unbreakable noch etwas Mystisches, das neben dem Geheimnisvollen auch gleichzeitig etwas Tragisches hatte, und in Split eine psychische Erkrankung, die der Regisseur erst spät als Superkraft auswies, so sind die Hauptfiguren aus den beiden vorherigen Filmen in Glass zu Therapiefällen verkommen. Ein Großteil der Handlung des gemeinsamen Sequels ereignet sich in einer psychiatrischen Einrichtung. Hier hat es sich die von Sarah Paulson gespielte Dr. Ellie Staple zur Aufgabe gemacht, David Dunn aka The Overseer, Kevin Wendell Crumb und seine 24 multiplen Persönlichkeiten sowie Elijah Price aka Mr. Glass zu studieren. In ausführlichen Sitzungen stellt sie die angeblichen Superkräfte der Figuren infrage und forscht nach Beweisen, die deren Dasein als übermenschliche Individuen widerlegt.

Die strahlenden Superhelden des MCU und die innerlich brodelnden, finsteren Superhelden des DCEU, die Warner Bros. zuletzt mit Filmen wie Wonder Woman und Aquaman verstärkt der spaßversprechenden Erfolgsformel des MCU angleichen will, weichen in Glass einem ernüchternden Blick auf eine Gesellschaft. Hier werden Superhelden mit äußerster Skepsis beäugt und gegen ihre wahre Identität therapiert. In unserem Interview mit M. Night Shyamalan bezeichnete der Regisseur sein Werk passenderweise als Kommentar auf die Entwicklung einer Welt, in der Superhelden dominieren und sich die Gesellschaft nicht mehr von ihnen losreißen kann. Aus dieser Comic-Besessenheit leitete Shyamalan in letzter Konsequenz eine Störung ab.

Mit Glass verteilt M. Night Shyamalan Seitenhiebe gegen die Avengers & Co.

Neben diesem Gegenentwurf zu typischen Filmen des MCU hat M. Night Shyamalan in Glass immer wieder kleinere Seitenhiebe gegen Marvel, die Avengers & Co. eingebaut. Im Verlauf des Films steuert die Geschichte auf einen großen Showdown zwischen David und Kevin zu, während Mr. Glass wie gewohnt im Hintergrund die Fäden zieht. Stattfinden soll der Kampf während der großen Eröffnung des Osaka Towers, dem höchsten Gebäude Philadelphias. Zu sehen ist der gigantische Wolkenkratzer, der in seiner gläsernen Pracht sicherlich nicht zufällig an den Stark Tower der Avengers erinnert, zuvor bereits auf dem Cover eines Magazins. Als true Marvel wird der Osaka Tower hier im Englischen als endgültige augenzwinkernde Spitze angepriesen.

Die vermutlich größte Absage an konventionelle Blockbuster aus dem Marvel-Filmuniversum erteilt M. Night Shyamalan in Glass aber mit seinem antiklimatischen Finale. Der angedeutete Bombast in Form eines großen Showdowns auf dem Osaka Tower bleibt aus. Stattdessen inszeniert der Regisseur das finale Aufeinandertreffen seiner Hauptfiguren außerhalb der psychiatrischen Einrichtung lediglich auf dem kargen Parkplatz direkt davor. Ausufernde Materialschlachten, bei dem das Publikum Zeuge von in Schutt und Asche zerlegten Häuserschluchten wird, bricht Shyamalan auf reduzierte Schlagabtäusche und Schusswechsel herunter, die nach wenigen Minuten nichts als leblose Körper hinterlassen. Es ist der vielleicht radikalste Bruch in diesem Anti-Avengers, in dem der Zuschauer vergeblich auf die obligatorische Post-Credit-Szene wartet.

Wie habt ihr M. Night Shyamalans Anti-Avengers-Film Glass interpretiert?

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