Drei Wochen Pokemon GO — Ein Fazit des Wahnsinns

Noch glücklich in Freiheit lebend
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Pardon me, I was absorbed in thought.

Ich bin müde. Das viele Laufen durch die Straßen Berlins und das Werfen von Pokébällen auf bunte Tierchen haben mich tief in den weichen Kissenhaufen auf meiner Couch gedrückt. Drei Wochen war ich unterwegs, meine Füße sprechen Bände. Auch der Anbieter meines Handyvertrags, der mein Datenvolumen zweimal erhöhen musste. Ich bin erschöpft, beinahe so als wäre ich eine Abenteurerin, die nach langer Reise mit all ihren Schätzen nach Hause zurückkehrte und umso mehr von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen zu erzählen hat.

Seit dem offiziellen Release am 13. Juli ließ Pokémon GO mein Smartphone und meine Füße heiß laufen. So wie 8-Bit-Ash zu Beginn von Pokémon Rot/Blau auf Kopffüßler-Größe zusammenschrumpft, wurde ich durch Niantics App wieder in die gelbe Latzhose meines achtjährigen Ichs versetzt und stürmte zusammen mit etlichen anderen Trainerinnen und Trainern mit dem Refrain des Songs “Vertania City” im Ohr auf die Straßen meiner Stadt. Schön waren die letzten 21 Tage. Nun ist es an der Zeit, auf mein Abenteuer mit Pokémon GO zurückzublicken und ein Fazit zu ziehen. Was habe ich erlebt und wie veränderte sich mein Alltag? Was lernte ich von der Gesellschaft, deren Mitglieder gefühlt gänzlich der Pokémanie verfallen sind? Und was könnte in der Zukunft noch auf uns zukommen?

Von Extra-Runden & essentiellen Umfragen

Meinen Alltag vor Pokémon GO, der sich simpel mit den drei Worten "zum Sitzen gezwungen" umschreiben lässt, definierte sich mithilfe der App beinahe vollständig neu: Der Gang zum Bäcker am Samstagmorgen streckte sich von üblichen zehn Minuten auf 30. Als ich eines Morgens mit dem Rad zur Arbeit fuhr, verließ ich für ein Quapsel und ein Dratini die Wege wie ein Hund, der aufgeregt nach dem Kaninchen suchte, dessen Spur er einen Moment vorher erhascht hatte. Ich entdeckte Grünflächen und Tümpel, von denen ich gar nicht dachte, dass sie in der Nähe meines Zuhauses existieren.

“Welches Team?” fragten mich bislang ein Dutzend Leute reflexartig, die ich auf meinen Pokémon-Abenteuern traf. Ich schüttelte Hände (sofern die Antwort auf jene entscheidende Frage der Team-Farbe des Gegenübers entsprach), tauschte Erfahrungen und Tipps aus zerbrach mit zusammen mit anderen Trainerinnen und Trainern den Kopf: Könnte es Shiny-Pokémon geben? Wo könnte sich das legendäre Pokémon Mew aufhalten? Ist jemand schon dem Formwandler Ditto begegnet?

Allmählich reihte sich das Pokémon-Fangen nach Feierabend zwischen Abendbrot und Zähneputzen ein wurde zum Ritual. Ich legte Kilometer um Kilometer zurück, lief die Sohlen meiner Turnschuhe schief, stets vorangetrieben von dem Gedanken, dass nach etlichen Taubsis und Traumatos vielleicht ein noch nicht gesehenes Exemplar irgendwo auf mich wartet.

Auch mein Arbeitsumfeld veränderte sich: Wie ein Virus, das am harten Kern ansetzte und erst eine Handvoll Kollegen und Kolleginnen zu Pokémaniacs mutieren ließ, breitete sich die Euphorie alsbald auf die nicht Gaming-affine Gruppe im Gebäude aus. Plötzlich fand ich Mails mit dem Betreff "Pokémon GO Teamverteilung" im Postfach, die Mittagspausen wurden vornehmlich für das Fangen, Ausbrüten von Eiern und Erobern von Arenen genutzt und die Anzahl der mit auf die Arbeit gebrachten Handy-Ladegeräte vervielfachte sich.

Pokémon GO & jeder dreht durch

Meine anfängliche Skepsis gegenüber Pokémon GO wurde alsbald von einer Ladung Pokébällen begraben, die ich zuvor maschinengewehrartig auf Kangama und Konsorten geschleudert hatte. Über drei Wochen nach dem offiziellen Erscheinen der App sind die Jubelstürme zwar ein wenig leiser aber noch immer nicht verstummt. Auch heute noch finde ich mich in Parks wieder, in denen Menschenmassen um das rosa Konfetti aktivierter Lockmodule campen. Erst gestern schaute mir eine Frau in ihren Vierzigern in der Stadt interessiert über die Schulter, als ich eine Himibeere an ein Flegmon verfütterte. Und gerade in diesem Moment liefern sich ein Lahmus aus Team Gelb und ein Sichlor aus Team Rot einen unerbittlichen Kampf um die Kontrolle der Arena bei Mustafas Gemüsedöner.

Beinahe ein jedes Mitglied der spielenden Gesellschaft scheint einem Pokéwahn verfallen zu sein. Die Gründe für dessen Ausbruch liegen auf der Hand. Pokemon GO funktioniert, weil mehrere Faktoren ineinandergreifen. Neben der Sammelwut, die uns für die Komplettierung des Pokédex’ auf Trab hält, ist Nostalgie wohl der offensichtlichste Grund für das kollektive Durchdrehen: Niantics Free-to-Play-Spiel versetzt uns zurück in die Zeit, in der die ulkigen Monster aus Japan sich zum allerersten Mal auf unseren Game Boy-Geräten, Fernsehbildschirmen und Pullovern breit machten. Nostalgie ist ein so starkes Gefühl, das es jegliches rationales Denken durch die irrationale Freude über das Einmal-Gewesen-Sein ersetzt. Warm und wohlig fühlt es sich an. Sorgenfrei und leicht.

In Pokémon GO schlingt sich jene süße Nostalgie eng um den Zeitgeist: Alte Lieben werden mit neuer und – viel wichtiger noch – alltäglich zum Einsatz kommender Technologie wieder zum Leben erweckt. Die Folge ist ein Sog, der nur an Intensität verliert wenn sich unsere Handy-Akkus und Powerbanks unserem Enthusiasmus geschlagen geben müssen.

So menschlich wie das Bedürfnis, sich nach goldenen Zeiten zu sehnen, ist das Bestreben, sich irgendwo einreihen zu wollen, einen Platz zu finden, jemandes Farbe zu tragen. Die Frage ob wir in die imaginären T-Shirts von Team Intuition, Weisheit oder Wagemut schlüpfen, erscheint auf dem ersten Blick nichtig. Die Regeln in Pokémon GO sind immer gleich. Intern haben wir keine besondere Sprache, keine Normen, keine Rituale. Wir alle spielen das gleiche Spiel, nur unter einer anderen Flagge. Ihre Färbung ist zwar auf dem ersten Blick nicht sichtbar und doch pochen wir darauf, sie anderen Spielern und Spielerinnen mitzuteilen, oder werden dazu aufgefordert, es zu tun.

Der Faktor Nostalgie spielt bei der Team-Zuordnung keinen unwesentlichen Part: Die Frage, zu welchem Team wir gehören, ist gleichzusetzen mit der essentiellen Frage, welche der drei Ur-Pokémon-Editionen wir in den Neunzigern liebkosten. Rot, Blau oder Gelb? Was seinerzeit auf dem Schulhof zu Wortgefechten zwischen prahlenden Kindermündern führte (“Rot ist besser, weil Glurak ein Feuer spuckender Drache ist!”), wird durch Pokémon GO wieder aufgewirbelt und auf eine neue Ebene transferiert.

In Pokémon GO schlüpfen viele von uns in das imaginäre T-Shirt in der Farbe der Game Freak-Edition, die wir früher teuer erstanden oder nach langem Betteln geschenkt bekommen haben und erst wieder aus dem Game Boy-Schacht entfernten, sobald eine neue Pokémon-Generation die alte ersetzte. Dass ich heute an Ampeln und gar auf Wanderwegen im tiefsten Harz von anderen Leuten ungeniert nach der Farbe meines Teams gefragt werde, ist ein Echo aus längst vergangenen Tagen, das durch Pokémon GO wieder erschallt.

Diese Romantisierung, ein flammender Sammeltrieb und Konkurrenzkampf entfachen in ihrem Zusammenspiel einen Wahnsinn, der uns in Scharen auf Straßen und Brücken treibt, uns für ein Turtok aufs Meer hinaus schickt und für ein Pantimos zu spät zur Arbeit kommen lässt, sofern wir uns nicht zuvor krank gemeldet haben. Er bringt die Einen dazu, ihre Jobs kündigen und lässt die Anderen tief in die Tasche greifen. Kurzum: Niantics Idee, das Ingress-Konzept auf ein weltweit bekanntes und beliebtes Franchise zu übertagen, hat sich als Volltreffer erwiesen.

Abschließende Gedanken inmitten des Kissenhaufens

Die letzten drei Wochen waren aufregend, schweißtreibend, bizarr. Vergangen sind nur eine Handvoll Tage meines 24-jährigen Lebens, die ich mit Pokémon GO verbrachte, und doch hat mich diese Zeit auf eine Facette des Mediums Videospiel blicken lassen, die nicht nur neu für mich persönlich ist, sondern auch aufregende noch kommende Zeiten verspricht.

Der Fakt, dass das Team von Nianctic erst zehn Prozent ihrer Ideen im aktuellen Pokémon GO umsetzte, wie der CEO des Entwicklers John Hanke auf einem Panel der diesjährigen San Diego Comic Con verriet, lassen mich mit umso größeren Augen in Richtung eines Nachfolgers des Mobile-Games schauen: Wie sieht Pokémon GO wohl in fünf, zehn, fünfzehn Jahren aus? Sind es dann nicht mehr unsere bis dato weitaus smarteren Smartphones, mit denen wir auf Monsterjagd gehen sondern Brillen oder gar in unseren Augäpfeln implementierte Chips, die die drolligen Monster so realistisch anmuten lassen, wie es uns der allererste Trailer zu Pokémon GO weismachen will?

So rosig meine Zukunftsszenarien auch erscheinen mögen, fest steht auch, dass wir uns im Angesicht zunehmend komplexer werdender Technologie neuen Fragen und Herausforderungen stellen müssen. Denn Niantics Mobile-Spiel labt sich nicht nur an unseren ludischen Gemütern, sondern schlägt seine Ranken wie eine Schlingpflanze durch etliche Teilsysteme unserer Gesellschaft: Von Überfällen und Verkehrsunfällen bis Google-Datenspeicherung oder Werbung von Großkonzernen wie McDonald’s – Die toxischen Auswüchse, die Pokémon GO sprießen lässt, sollten nicht vor lauter Huldigung der Früchte des Spiels in den Hintergrund geraten.

Einen überaus interessanten Gedanken bringt Alex Hern in seinem The Guardian-Artikel aufs digitale Blatt Papier: “Wem gehört der virtuelle Raum?” fragt sich der Autor in Anbetracht von analogen Eigentümern, historischen Gedenkstätten und möglicherweise gefahrvollen Orten, die nun virtuelle Pokéstops und Arenen sind und durch oben genannte Konzerne kommerzialisiert werden könnten. Wie auch immer die Antwort auf Herns Frage ausfallen wird, “[...] Pokémon GO ist nur der Anfang dieses Cyberpunk-Romans”. Das schreibt Christian Huberts in seinem Piqd-Beitrag zu ebendiesem Artikel – Worte, mit denen sich wohl eine jede Betrachtung der Niantic-App in einem gesellschaftlichen Kontext (vorerst) abschließen lässt.

Ich bin gerade erst von meinem dreiwöchigen Trip mit Pokémon GO nach Hause zurückgekehrt, erschöpft und so verbraucht wie mein Datenvolumen. Und doch blicke ich vom Kissenhaufen schon wieder hinaus in die Welt, bereit für das nächste Abenteuer. Was auch immer uns alle erwartet, es wird mitnichten groß sein.

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