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Meine ganz persönlichen Gedanken zu der vor einer Woche verkündeten Besetzung

Eine Afro-Amerikanerin als Arielle, die Meerjungfrau?

Halle Bailey, bisher vor allem als Sängerin bekannt
© APA/AFP/Kevin Winter
Halle Bailey, bisher vor allem als Sängerin bekannt

Vor einer Woche wurde die Hauptdarstellerin der gerade entstehenden Disney-Neuverfilmung The Little Mermaid bekannt gegeben und mit einher ging große Aufregung. Deswegen wuchs in mir das Bedürfnis, meinen ersten wirklichen Blog-Artikel hier diesem Ereignis zu widmen:

Ich war zunächst auch überrascht und skeptisch über diese Casting-Entscheidung, die -gewollt oder nicht - auf jeden Fall ein Zeichen setzt. Dass eine (relativ unbekannte) schwarze Darstellerin für eine populäre zuvor als weiß konzipierte Rolle/Figur gewählt wird, ist trotz zunehmenden ähnlichen Fällen im Filmwesen immer noch ungewöhnlich und für mich tatsächlich noch ungewohnt (während es besonders auf der Bühne schon länger erfolgreich praktiziert wird, z. B. beim Musical "Hamilton" oder auch "Les Miserables")1. Zu diesem Vorgehen an sich und meine Einstellung dazu später mehr.

Allerdings war es sowieso eine Utopie, eine Zeichentrick-Figur 1:1 ins Real-Menschliche zu transformieren, obwohl die Erwartungshaltung dementsprechend schon vorhanden war. Dass man dieser Herausforderung ganz bewusst auf dem ersten Blick aus dem Weg geht, kann aber auch eine Chance sein - ganz besonders, was die Botschaft des ursprünglichen Films betrifft.

Zur Hauptdarstellerin selbst

Halle Bailey (deren Name ich noch ständig mit Halle Berry verwechsle) war mir vor paar Tagen noch komplett unbekannt. Sie erschien mir aber auf den ersten Blick zumindest sympathisch.

Nennenswerte (mir bekannte) Schauspielerfahrung hat sie halt so gut wie gar keine. Hält sie aber natürlich nicht davon ab, womöglich gleich mit ihrem Debüt in einer größeren Produktion den Durchbruch zu feiern...Also falls sie Schauspieltalent hat, wünsche ich ihr das, so dass sie vielleicht das noch in anderen Filmen beweisen kann, wo ich (und auch andere) sie dann auch unvoreingenommener beurteilen können.

Was gerade bei der ganzen Diskussion um ihre Besetzung seltsamerweise so gut wie gar keine Rolle spielt: Sie kann singen! Das bewies sie auch in einer bisher sehr beachtlichen Gesangskarriere (die an mir vorbeiging). Und das hat sie bereits der weitaus bekannteren Emma Watson als Belle in Die Schöne und das Biest klar voraus. Und, wenn sie eben auch noch tatsächlich schauspielern kann, ist diese Kombi ein nicht selbst verständiger Gewinn für eine Musical-Verfilmung wie diese.

https://www.youtube.com/watch?v=T4MajGTp1x8


Das, um das sich gerade alles dreht: ihr Aussehen:

Zunächst: Meerjungfrauen sind ja weltweit verbreitete Mythen-, Sagen-, Märchengestalten - die können also schon mal prinzipiell jede menschliche Hautfarbe haben - oder auch grün oder blau sein ... oder aus Bronze.

Andersen und Disney bedienten sich beiderseits auch bei den unterschiedlichsten Überlieferungen, webten Motive und Elemente ein, die in Sagen und Mythen aus den verschiedensten Kulturen bereits bekannt waren.2

Doch auch ich hab' meine Voreingenommenheit. Arielle, sowieso meine allerliebste Filmfigur, war für mich nie eine von vielen, sondern einmalig und besonders herausstechend mit ihren wilden, durch den ganzen Ozean strahlenden roten Haaren. Da ist der Name nun mal mit einem bestimmten Bild verknüpft.

Das macht aber sowieso jeden Versuch eines Remakes schwierig für mich - unabhängig von der nun bekannt gegebenen Darstellerin. Dass der Name und Charakter anscheinend gleich bzw. ähnlich bleiben soll, hilft da eben auch nicht.

Tatsächlich wäre ich bei einer Neuinterpretation des Andersen-Märchens offener für so eine Besetzungsentscheidung gewesen, weil ich hier keine fixe Vorstellung davon habe, wie "die kleine Seejungfrau" auszusehen hat.

Gab es eigentlich damals bei der ersten Disney-Umsetzung einen Aufschrei um die roten Haare, die so in der Geschichte nicht vorkommen und man sich die Meerjungfrauhaare auch eher immer blond vorgestellt hat?

Die Haare betreffend könnte man diese natürlich färben oder mit einer Perücke aushelfen...

Sieht doch nicht so schlecht aus oder?

Abgesehen von den Haaren waren es aber auch die unverkennbare Mimik und Ausstrahlung der kleinen Disney-Meerjungfrau, die mich seit je her in den Bann gezogen haben. Kann das eine Schauspielerin überhaupt in eine Realverfilmung übertragen? Schade, dass Alyssa Milano, die damals Vorbild für Aussehen und Ausdruck gewesen sein soll, schon als zu alt gilt, dachte ich mir zunächst. Doch dann wies mich IndieWire und die Youtuberin Sarah Ingle darauf hin, was mir wiederum mit der bloßen Konzentration auf die Hautfarbe zunächst entgangen ist: Halle schaut in ihrer Gesichtsform und Mimik Arielle teilweise erstaunlich ähnlich - schaut euch doch dieses bezaubernde Lächeln an! Wie sie in Bewegtbild wirken wird, wissen wir ja noch nicht, aber das macht schon Hoffnung und zeigt, dass Disney beim Casting sehr wohl auch auf Ähnlichkeit geachtet hat.

Randnotiz: Übrigens, zugegeben, wenn ich eine Figur des originalen Films dementsprechend besetzt hätte, dann Ursula - vorrangig wegen der dunkleren Farbgebung, der Körperlichkeit und dem divenhaften Verhalten. Natürlich alles sehr stereotype Gründe. Tatsächlich hat sie Disney aber sogar bereits von einer Afro-Amerikanerin spielen lassen:

Color-conscious Casting:

Nun hat mich, wie ihr seht, dieses Colour-conscious-Casting von Halle Bailey (gibt es dazu eigentlich schon einen entsprechenden deutschen Begriff?) sehr zum Nachdenken und -lesen angeregt und mich selbst und meine Vorstellungen hinterfragen lassen.

Diesen englischen Begriff fand ich während meiner Recherche über die Beweggründe der Befürworter solcher Casting-Entscheidungen (nachdem man oft nur die kritischen Stimmen im Internet vernimmt). Es geht auf jeden Fall um mehr Repräsentation, um mehr Diversität, um einen Ausgleich. Die Bezeichnung soll aber im Vergleich zum Color-blind-Casting (bei dem man sich vornimmt, Hautfarbe, Herkunft und auch Geschlecht bei der Auswahl komplett außer Acht zu lassen) verdeutlichen, dass die Person mit einer gewissen Hautfarbe für eine Rolle sehr wohl bewusst (conscious) gewählt wurde.3

Die Begründung für die Wahl von Halle von Regisseur Rob Marshall klingt so, als ging es bei der Auswahl von Halle ausschließlich um ihre Ausstrahlung, ihr Auftreten, ihr Singen.4 Obwohl das alles sicher schwer ins Gewicht fiel, muss sich so ein großes Unternehmen im Klaren darüber sein, was so eine Besetzung für eine Außenwirkung hat und sich bewusst dafür entschieden haben.

Einen etwas faden Beigeschmack behält dieses Colour-conscious-Casting trotz aller Gründe, die dafür sprechen, aber auch. Es gibt zwar einer jungen schwarzen Darstellerin die Chance auf eine Rolle in einem Big-Budget-Film und konfrontiert uns mit festgefahrenen Vorstellungen. Allerdings bleibt es eine als weiße von Weißen konzipierte Figur als Trittbrett, während es gleichzeitig noch viel zu sehr an Repräsentation und Diversität hinter den Kulissen, bei den Figuren selbst, Stoffen und Geschichten fehlt.5 Es gebe sicher auch genug Wasserfrauen aus anderen Kulturkreisen, die mehr Bekanntheit verdient hätten. Auch gibt es oft in der Disney-Welt kaum eine Vorbelastung durch Rassismus - was man Onkel Remus' Wunderland noch vorrangig als Schönfärberei vorgeworfen hat.6 Und die Konstellation schwarze Hauptfigur vs. weißer Bösewicht-Figur kann auch heikel sein...

Fazit:

Wie die genaue Umsetzung der Neuverfilmung und der Hauptfigur aussehen wird, wissen wir noch nicht! Vielleicht ist sie tatsächlich aufgrund ihrer eventuell mangelnden darbietenden Möglichkeiten eine Fehlbesetzung. Aber etwas weiß ich bis jetzt bestimmt: Die Wahl der Hauptdarstellerin ist sicher nicht der primäre Grund dafür, warum ich immer noch dem Remake gegenüber skeptisch bin - das ist aber auch wieder ein ganz anderes Thema...

Ganz im Gegenteil, wer weiß, sie könnte genau das einzig Gute an dem Film sein - wie manche von Will Smiths Dschinni denken (selbst noch nicht gesehen!). Sie hat auf jeden Fall meine Neugier für einen Film geweckt, den ich eigentlich boykottieren wollte.

Halle Baileys Arielle wird erst die zweite schwarze Disney-Prinzessin und überhaupt die erste in einem Realfilm!

Trotz aller Skepsis gönne ich der aktuell jungen schwarzen Generation eine schwarze Arielle - ich behalte derweil meine. Und viele, viele andere weiße Figuren, mit denen ich mich als Kind identifizieren konnte. Im Verhältnis nimmt mir niemand etwas weg. ;)

Diejenigen, welche die Besetzungs-Neuigkeit feiern, haben mich überzeugt: Halle Bailey sollte man die Chance lassen, der Figur (halt einer anderen, eigenen, nicht DER Arielle) ihre eigene individuelle Note zu verleihen.

Nachsatz: Das soll kein Überzeugungsversuch sein. Vorrangig wollte ich hier nur meinen Gedankenprozess, der schon ein paar Schritte vollzogen hatte und daher zu lang für einen Kommentar war, festhalten, um andere und mich daran zu erinnern, dass es wert sein kann, nach dem ersten Moment der Ablehnung, genauer hinzusehen und versuchen zu verstehen. Ich fand es spannend, verschiedene Ansichten zu einer wegweisenden Filmbesetzung zu lesen. Und schließlich wollte ich dem zunehmenden Unverständnis etwas entgegen setzen.

Auch, wenn es ein kontroverses Thema ist, können wir uns hier sicher freundlich und fair darüber unterhalten! Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

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