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Falling Down - Der schmale Grat zum Wahnsinn

Falling Down - Ein ganz normaler Tag
© Warner Bros.
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Ein durchschnittlicher Tag sieht für die meisten Menschen nicht so aus wie in Falling Down - Ein ganz normaler Tag. Wir können uns glücklich schätzen, dass für viel von uns die Realität noch nicht ganz so erschreckend ist, wie sie im Film dargestellt wird. Dennoch trifft er, wenn auch auf überspitzte Weise, genau ins Schwarze, und hinterlässt uns mit gemischten Gefühlen der Ratlosigkeit und Nachdenklichkeit. Dennoch ist Falling Down nicht nur ein Drama und Thriller für mich, denn er beweißt darüber hinaus einen eigenen Sinn für kruden Humor in bitterernsten Situationen und dass das eine das andere nicht ausschließen muss.

Bill Foster (Michael Douglas) hat an jenem ereignisreichen Tag eigentlich nur ein einfaches Ziel: Er möchte seiner kleinen Tochter zum Geburtstag gratulieren, die bei seiner Ex-Frau lebt. Doch was so einfach klingt, stellt sich als Odyssee durch Los Angeles heraus. Der Stau, in dem er feststeckt, zieht sich wie Gummi in der erdrückenden Hitze des Sommers an der Westküste der USA. Ungeduldig beschließt er, die Strecke zu Fuß zu gehen und lässt sein Auto mitten auf dem Highway stehen. Auf seiner Reise hat er zahlreiche Konfrontationen mit den Einwohnern der Millionenstadt, die häufig in Gewalt enden. Bevor er das Haus seiner Ex-Frau erreicht, wird er bereits von der Polizei gesucht und verfolgt.

Bill Foster - Der Verstand am seidenen Faden

Nur schrittweise erfahren wir mehr über Bill Foster. Am Anfang gibt sich das Bild eines typischen, gewollt klischeebehafteten Bürohengsts. Er trägt ein weißes Kurzarm-Hemd mit gestreifter Krawatte, die Aktentasche immer in der Hand, am Handgelenk die Armbanduhr. Die quadratische Frisur und die dicke Brille vervollständigen dieses Image. Schon bald jedoch erkennen wir, dass hinter der Jedermann-Fassade jemand steckt, der kaum in der Lage ist, sie aufrecht zu erhalten. Auf seiner Reise an das andere Ende der Stadt begegnet er verschiedensten Menschen, die ihn anpöbeln, belästigen, bedrohen und auf die eine oder andere Art reizen, bis seine knapp bemessene Geduld aufgebraucht ist und er die Leute attackiert. Das ist häufig wirklich komisch, wenn man mit trockenem Humor, der selten über offensichtlich witzige Dialoge funktioniert, sondern meist durch die Situation unterschwellig aufblüht, etwas anfangen kann. Trotzdem soll sich der Witz (den man sicherlich auch nochmal gesondert besprechen könnte) hier eher zurücknehmen, sodass wir auf die Charaktere des Films eingehen können.

Ein fließender Übergang von Gut und Böse

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen sieht Falling Down davon ab, eindeutige Rollen zu verteilen. Foster ist zwar der Hauptprotagonist, fällt jedoch nicht in die Rolle des Helden. Ist er also ein Anti-Held? Wenn man einen Anti-Helden als Charakter definiert, dem heroische Qualitäten wie Mut, Verstand, Charakterstärke fehlen, aber dennoch Sympathie beim Zuschauer erzeugt, fällt Foster meistens auch aus dieser Rolle. Teilweise weckt er zwar Sympathie, etwa, weil er ehrliche Liebe für seine Tochter empfindet, keine Unschuldigen verletzt und klar auf der Seite der von der Gesellschaft vergessenen und abgeschobenen Menschen steht. Diese Sympathie wird allerdings untergraben durch seine Wut auf den Großteil der Gesellschaft, die häufig in Selbstjustiz endet, und seinen undifferenzierten Kommentaren, wenn er beispielsweise dem asiatischen Kiosk-Besitzer Sätze wie "Du kommst in mein Land, nimmst mein Geld und hast nicht mal die Gnade, meine Sprache zu sprechen?" völlig unreflektiert an den Kopf wirft. Somit verfolgt der Zuschauer Foster zwar auf seiner Reise, stellt sich aber nie bedingungslos auf seine Seite.

Jedoch komme ich nicht umher, ihn auch als Stellvertreter der befriedigenden Selbstjustiz gegen die in dem Film dargestellte, verrohte Gesellschaft anzusehen. Die Begegnungen mit anderen Menschen werfen auf niemanden gutes Licht. Egal ob es eine Bande Kleinkrimineller ist, die ihn ausrauben möchte, eine Fastfood-Angestellte, die ihn süffisant abserviert, oder ein paar alte Bonzen auf dem Golfplatz, die ihn mit Golfbällen beschießen; Falling Down ist ein Konflikt zwischen Foster und dem Rest der Welt. Als Zuschauer kommt man trotz seines Charakters nicht umhin, ihn für sein exzessives Verhalten zu feiern. Denn die Situationen, durch die er geht, verdeutlichen auf zugespitzte Weise, was die Gesellschaft zersetzt. Die ikonische Szene, als er im Fastfood-Restaurant Frühstück bestellen möchte, ist eines von vielen Beispielen für Seitenhiebe gegen die Unpersönlichkeit der modernen Welt. Dabei ist sie auch noch sehr unterhaltsam.

Trotzdem wird der Zuschauer im Laufe des Films unruhig. Da Foster sich immer mehr seiner Frau und seiner Tochter nähert und sein geistiger Verfall immer weiter fortschreitet, kann man als Zuschauer nicht abschätzen, was passiert, wenn er sie trifft. Da wir Foster von Anfang an verfolgen, sehen wir, wie sein Zustand immer labiler wird, seine Zurechnungsfähigkeit abnimmt. Und langsam erkennen wir die eigentliche Tragik des Charakters: Bill Foster hat keinen Platz in der Gesellschaft gefunden, er ist ein Mann, der von dem hektischen und unpersönlichen Leben abgeschreckt ist. Er weiß nicht, was gut oder schlecht ist, aber ihm selbst kommt erst langsam die Erkenntnis, dass er nicht auf der Seite der Guten steht. Am Ende wird er von dem Polizisten Prendergast (Robert Duvall) an einem Pier gestellt, der ihn zu überzeugen versucht, sich zu ergeben. Im Gespräch mit ihm stellt er fast schon enttäuscht und verwirrt fest: "Ich bin der Böse?" - "Ja." - "Wie konnte das passieren?"

Prendergast - Der Mensch auf der Seite der Maschine

Der einzige Charakter in Falling Down, der sich von der egomanischen Masse abhebt, ist Prendergast. Es ist sein letzter Tag als Polizist, der mit dem Showdown am Pier endet. Ihn kann man als Gegenspieler von Foster sehen, selbst wenn sie sich im Film nur einmal begegnen. Sie verbindet das empfundene Unrecht und die Kaltherzigkeit, die sie begleitet. So muss sich Prendergast von seinem Chef als Feigling beleidigen lassen, weil er nicht in den Außendienst geht, während seine pedantische Frau ihm ständig ein schlechtes Gewissen einredet. Der Unterschied zwischen Foster und ihm ist, dass er sich selbst nicht über diese Ungerechtigkeiten des alltäglichen Lebens stellt. Foster denkt, "Warum ich? Warum bekomme ich keine Auszeichnung? Was ich getan habe, ist gerecht!", während Prendergast erkennt, dass Unrecht nun mal zum Leben gehört. Niemand kann sich selbst das Recht geben kann, über anderen zu stehen.

So bleibt am Ende eine tragische Gestalt, die sich selbst verloren hat und keine Erlösung findet. Ein Happy-End braucht es nicht. Ich persönlich fände es sogar etwas abträglich, denn so wie der Film endet, hinterlässt er gewisse Spuren in mir. Er lässt uns ohne die gewünschte Katharsis zurück, regt dafür umso mehr zum Nachdenken an. Wir haben Bill Foster an diesem heißen Tag begleitet, und kehren ohne ihn, aber mit einem anderen Blick auf die Welt, zurück.

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