Goliath - Neue Justiz-Serie mit Billy Bob Thornton im Pilot-Check

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NeonFox Alexander Börste
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Billy Bob Thornton vermag offenbar jedes Projekt zu tragen. In der neuen Justiz-Serie Goliath der Amazon Studios schlüpft der Schauspieler in die Rolle des heruntergekommenen Anwalts Billy McBride, der sich dem Fall gegen ein Technologieunternehmen annimmt, das Schuld am Tod einer seiner Mitarbeiter sein soll. Mit den Ermittlungen in seinen Händen handelt er zugleich gegen seine einstige Kanzlei, in deren Namen noch immer sein eigener prangt, und wo er, soviel wird im Piloten gleich mehrfach deutlich, zu einer großen Nummer avancierte.

Schnell wird klar, wer hier zumindest die mythologisch gefärbte Davidfigur innehat. Die Gegenseite versinkt dagegen nicht etwa aus einer geschickt komponierten Undurchsichtigkeit in Gesichtslosigkeit, sondern entblößt sich als bisherige antagonistische Lachnummer. Überhaupt halst sich die Erzählung ein unnötiges Gewicht auf, das ihre Akteure unter dem Druck diverser Konventionen zu erdrücken droht. Möglicherweise selbst für Thornton eine zu schwere Last.

Sterile Hektik
Denn die erste Episode erweckt den Eindruck einer nach dramaturgischen Regeln strukturierten Serie in einem Anwaltsmilieu, wie sie in dieser Form leider keine Seltenheit darstellt. Innerhalb der anfänglichen zwanzig Minuten sind alle narrativen wie emotionalen Anker ausgeworfen, mit denen die Autoren den Versuch wagen, in die Tiefen ihrer Geschichte abzutauchen. Nachdem sie die notwendigen Konfliktparteien und ihre Stellung zueinander etablieren, plätschert ihre Geschichte spannungslos und müde vor sich hin. Denn die von Hektik getriebene Exposition verschießt zu schnell zu viel Information. Eine sorgsam sich aufbauende Entfaltung im Sinne eines atmosphärischen Fundaments wird dem Beginn somit kategorisch verwehrt.

Wäre da nicht dieser Billy Bob Thornton, der seinen gekonnten Charme aus rauer Coolness, kindlicher Liebenswürdigkeit und perfektionierter Zynikerattitüde ein ums andere Mal auszuspielen weiß, handelte es sich um eine dieser Serien aus den Sümpfen der Justizbrühe, durch die wir nur allzu oft wateten. Einem Akteur solchen Kalibers beim Rauchen und Trinken zuzusehen, macht dann aber doch den kleinen, wenn auch nicht entscheidenden Unterschied.

Gewiss, es waren die ersten 54 Minuten einer Staffel. Anlass zur Sorge gibt aber insbesondere der Umstand, als dass ihre dramatischen Anker keinen wirklichen Halt finden, da sie aus einer Legierung bestehend aus mutmaßlicher Vorhersehbarkeit und eindeutiger unfreiwilliger Komik geschmiedet wurden. So gelingt es den Schöpfern zunächst kaum, Interesse zu wecken, diese Tauchfahrt in die möglicherweise verborgenen Tiefen ihrer Geschichte fortführen zu wollen.

Die Suche nach Goliath
Das geschieht trotz eines weiteren schauspielerischen Schwergewichts: William Hurt, der schon mit Damages an einer Anwaltsserie mitwirkte. In Goliath spielt er den potenziell titelgebenden Kopf jener Kanzlei, gegen die Thorntons Anwaltsfigur vorgeht. Die Konzeption seiner Figur besteht dabei jedoch augenscheinig aus Resten verworfener Schurkenideen von Bob Kane und der überzeichneten Groteske eines Mannes, der Bond-Bösewicht sein wollte, den Kern antagonistischer Dringlichkeit aber irgendwo zwischen zur Schau gestellter Neurose und erzwungener Düsternis verlor. Tatsächlich könnte er mit seinem durch Feuerverletzungen gezeichnetem Gesicht und seinem fortwährenden Herumspielen mit einer Art Klicker, der je nach Gemütslage mal gemäßigt, mal hektisch bearbeitet wird, das nervöse, stets im Schatten seines großen Bruders stehende Abziehbild eines Two-Face widerspiegeln. Inklusive eines Handlangers, der als erste manifeste Bedrohung auf Billy losgelassen wird, doch nicht mehr als eine grandios überzeichnete Witzfigur abgibt.

Die Schreiberlinge müssten in den folgenden Episoden schon Pulitzerpreis-verdächtige Glanzleistungen liefern, um so das Potenzial des großen Gegenspielers doch noch zu finden. Wo und wer also ist dieser Goliath?

Der Pilot lässt mehrere Möglichkeiten offen: Die ganz persönlichen Unwegsamkeiten des als immer wieder brillant suggerierten, aber von mutmaßlichen Alkoholdämonen besessenen Protagonisten. Seine schwierige Beziehung zu seiner Ex-Frau, die überdies als Anwältin seiner Ex-Firma tätig ist, und seiner Tochter, die durch das Hin und Her ihrer Eltern als inkonstante Variable auftritt und sicher noch als dramaturgisches Druckmittel eingesetzt werden könnte. Möglicherweise ist es aber auch das einmal mehr bösartige Unternehmen, das aus Eigeninteresse versuchen wird, den Anwalt kalt zu stellen. Zu guter Letzt bleibt natürlich das potenziell verrohte, korrumpierte Justizsystem selbst, das bisher allerdings nicht konkret in Erscheinung trat, aber noch eine gewichtige Rolle spielen dürfte.

Detektive müssen draußen bleiben
Keinen Platz zum Erscheinen haben dagegen Anhänger erzählerischer Detektivarbeit. Golitah beginnt mit jenem Ereignis, das im Folgenden alle Konfliktparteien aufscheuchen soll. So werden wir anfangs Zeuge der Explosion, die Billy zwei Jahre später zum Ausgang seiner Untersuchungen nimmt. Dass sie sich nicht in Dimensionen herkömmlichen Sprengstoffs, sondern größeren Kalibern einordnen lässt, führt uns rasch vor Augen, dass der neue Fall des Anwalts definitiv eine irgendwie geartete, im Hintergrund agierende Macht auf den Plan rufen wird. Uns als Zuschauer in den Zeugenstand gezwängt zu sehen, verschließt somit die Möglichkeit, den Fall gemeinsam mit unserem qualmenden Helden aufzudecken.

Die Frage nach dem Wer und Warum wird somit jedoch nur dann von Dringlichkeit, wenn die erzählerische Qualität sich aus ihrem allzu durchstrukturierten, vorhersehbaren und aufgezwungenen Korsett befreit. Der Pilot lässt Potenzial erkennen und könnte sich letztlich als etwas stottriger Beginn eines Weges herausstellen, der in eine aufregende Odyssee des David mündet. Vielleicht hatte er gegen diesen müden Goliath aber auch nie eine Chance.

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