Human, Space, Time and Human - Kim Ki-duk schlachtet die Bestie Mensch

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© Kim Ki-duk Film
Human, Space, Time and Human
25.02.2018 - 09:30 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Im Panorama der Berlinale 2018 ist Kim Ki-duk mit seiner jüngsten Regiearbeit Human, Space, Time and Human vertreten. Erneut macht er sich das Extreme zu eigen und schließt damit nahtlos an seine erschütternde Filmographie an.

Seit über 20 Jahren mischt er das Arthouse-Kino rund um den Globus auf: der südkoreanische Filmemacher Kim Ki-duk. Anfangs selbst in seinem Heimatland kaum wahrgenommen, mauserte er sich mit seinen schockierenden Werken zum regelmäßig auf internationalen Filmfestivals anwesenden Enfant terrible, das mit seinem Schaffen gleichermaßen entzückt wie erschreckt. Besonders Anfang der 2000er schien der außergewöhnliche Regisseur kaum zu stoppen: Kurz nach seinem wohl bis heute populärsten Film Frühling, Sommer, Herbst, Winter und ... Frühling eroberte er im Jahr 2004 mit Samaria die Berlinale und gewann den Silbernen Bären, ehe er wenige Monate später für Bin-Jip mit dem Silbernen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde. Als es 2008 jedoch zu einem schicksalhaften Unfall am Set von Dream kam, bei dem seine Hauptdarstellerin fast gestorben wäre, entfaltete sich die Kontroverse ganz zu seiner Ungunst.

Jener Filmemacher, der zuvor kaum ein Extrem vernachlässigte, um seine Filme in aufwühlende Achterbahnfahrten durch die unangenehme Stille des Seins zu verwandeln, befand sich selbst in einer Schaffens- und Sinnkrise. Das Comeback erfolgte dennoch, sogar schon drei Jahre später mit der selbstreflexiven Dokumentation Arirang, die gleichermaßen Bekenntnis und Läuterung darstellt. In Cannes zusammen mit dem deutschen Beitrag Halt auf freier Strecke in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet meldete sich Kim Ki-duk nicht nur auf überaus persönliche Weise auf der großen Leinwand zurück, sondern ebenfalls mit einem Plädoyer für das digitale Kino. Der Goldene Löwe im darauffolgenden Jahr für die verstörende Offenbarung Pieta besiegelte die Rückkehr des Regisseurs, der 2017 ebenfalls mit Vorwürfen sexueller Belästigung  inklusive einer forcierten Sex-Szene konfrontiert wurde.

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Ein filmisches Geständnis erfolgte dieses Mal nicht. Stattdessen wurde er trotz Protest mit seinem neuen Film Human, Space, Time and Human aka The Time of Humans ins Panorama der Berlinale 2018 eingeladen, wo er sich mit routinierter Härte und Erbarmungslosigkeit den menschlichen Abgründen widmet, ohne allzu persönlich zu werden. Wenngleich die Bestie Mensch im Vordergrund der parabelförmigen Erzählung steht, bleibt der Albtraum ein anonymer, mit namenlosen Beteiligten, die keinerlei Hintergrundgeschichte besitzen, sondern sich ausschließlich durch ihre rasenden Taten im Angesicht des Existenzverlusts auszeichnen. Wenn die Gruppe grundverschiedener Menschen auf einem alten Kriegsschiff in See sticht, lässt Kim Ki-duk etliche seiner vertrauten Motive vor dem Hintergrund der begrenzten Kulisse wieder aufleben und dokumentiert erneut mit drastischen Bildern den Sog eine Abwärtsspirale.

Vom begrenzten Raum war Kim Ki-duk schon immer fasziniert, ebenfalls von einem Gefährt, das geradezu schwebend über das Wasser gleitet. Wo diese Kombination früher durchaus poetische Bildkompositionen in Verbindung mit nachdenklichen, meditativen Geschichten hervorgebracht hat, herrscht inzwischen nur noch die Gewalt der Menschen in denkbar hässlicher Ästhetik. Das verrostete Kriegsschiff bietet sicherlich eine dankbare Kulisse, um die verschiedenen Figuren gegeneinander auszuspielen und vorzuführen, etwa den skrupellosen Politiker, der seine Macht missbraucht, oder den Gangster, der vor keiner Tat zurückschreckt, um seine niederen Triebe auszuleben. Suhlen sich die namenlosen Täter anfangs in purer Wolllust, setzt später, wenn die Vorräte knapp werden und das Schiff verloren über den Wolken schwebt, ein unerbittlicher Überlebenskampf ein, bei dem jegliche Regeln des zuvor etablierten Mikrokosmos außer Kraft gesetzt werden.

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Das Kriegsschiff bietet genügend Gänge, um sich darin zu verirren, gleichzeitig aber nicht genug, um sich zu verstecken. Es gibt kein Entkommen aus der misslichen Situation - das will Kim Ki-duk bereits nach wenigen Minuten behauptet wissen, ehe er sich in beiläufigen Vergewaltigungen und abartigen Schlachtszenen auslebt. Widerlich ist diese Welt, der er den Spiegel vorhalten, die er entlarven will. Das Problem ist bloß, dass sich sein Film, der mehr einer unglücklichen Versuchsanordnung gleicht, auf Dauer nicht nur als redundante Angelegenheit offenbart, sondern den eigenen Behauptungen kaum standhalten kann. Die Männer werden zu Wölfen, die sich gegenseitig jagen, während die Frauen bloß darauf warten, erneut in die Ecke gedrängt und ausgenutzt zu werden, bevor sie zum Schluss den Schutz bei den letzten verbliebenen Peinigern suchen. So sehr Kim Ki-duk diese Gesellschaft bloßstellen und jeglicher Strukturen berauben will, manifestiert er weiterhin deutliche Machtgefälle und frönt dem fragwürdigen Exzess anstelle der Reflexion.

"Verwechseln Sie mich nicht mit meinen Filmen", erklärte der Regisseur auf der Pressekonferenz zu Human, Space, Time and Human. Ausgehend von den oben erwähnten Vorwürfen und diesem Film, der nur die Sprache der scheußlichen, abstoßenden Extreme kennt, stellt sich durchaus die Frage, warum die Berlinale ausgerechnet einem solchen Filmemacher eine Plattform bietet, nachdem zuvor mehrmals betont wurde, das Festival würde bewusst auf Gäste verzichten, die hinsichtlich der aktuellen MeToo-Bewegung ein Fehlverhalten zugegeben haben. Nun genießt Kim Ki-duk trotz Handgreiflichkeit (konkret eine Ohrfeige, für die er umgerechnet eine Strafe von 3800 Euro bezahlen musste) den roten Teppich und liefert einen Film ab, der sich dreist die moralische Ambivalenz menschlichen Versagens zu eigen macht, dabei jedoch klare Rollenbilder und Vorstellungen der Welt transportiert, die anscheinend nur Gewalt und Hass als Ausdruck kennt.

Human, Space, Time and Human von Kim Ki-duk ist im Rahmen des Panoramas auf der Berlinale 2018 zu sehen. Hier findet ihr eine Übersicht, über alle Filme der Sektion. Wer weitere Texte zum Festival sammeln wir auf auf unserer Themenseite.

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