Mein Herz für Klassiker

Ich, Fluchtpunkt San Francisco & der Uneasy Rider

Fluchtpunkt San Francisco
© 20th Century Fox
Fluchtpunkt San Francisco

Die pessimistische Aussicht auf eine dystopische Zukunft Amerikas, die das brennende Motorrad von Wyatt am Ende von Easy Rider symbolisiert, beeinflusste eine Reihe von weiteren genredefinierenden Road Movies der frühen 70er Jahre. Neben Monte Hellmans Two Lane Blacktop - Asphaltrennen (1971), James William Guercios Harley Davidson 344 (1973) und Terrence Malicks Badlands - Zerschossene Träume (1973) erwies sich auch Richard C. Sarafians Road Movie Fluchtpunkt San Francisco (im Original: Vanishing Point) von 1971 als wegweisender Road Movie in der Tradition von Easy Rider. "We blew it." Diese pessimistische Feststellung, die die beiden Easy Rider 1969 machten, durchdringt auch den Handlungsablauf von Fluchtpunkt San Francisco. Während Easy Rider zumindest anfänglich von einem romantisch inspirierten Verhältnis zur amerikanischen Landschaft und der rebellischen Kritik an der konformistischen "stillen Mehrheit" geprägt ist, vermittelt Fluchtpunkt San Francisco (wie so viele Road Movies) bereits von Beginn an eine zynische Ironie gegenüber der Vorstellung, dass der motorisierte Held den Repressionen der Gesellschaft entkommen könnte.

Der grundsätzlich simple Plot von Vanishing Point konzentriert sich auf die Besessenheit des Protagonisten, eine waghalsige Wette zu gewinnen. Kowalski (Barry Newman), Fahrer eines Autolieferdiensts, erhält den Auftrag einen weißen Dodge Challenger von Denver nach San Francisco zu fahren. Noch vor seiner Abreise wettet Kowalski mit seinem Dealer, dass er es schafft, innerhalb von nur 36 Stunden den Wagen von Denver nach San Francisco zu fahren. Der Wetteinsatz: eine Ration Speed. Vollgepumpt mit Amphetaminen setzt Kowalski seinen Fuß auf das Gaspedal und beginnt seinen wahnsinnigen Kampf gegen die Zeit und alle Verkehrsregeln. Während die Cops eine Straßensperre nach der anderen aufbauen, stilisiert ihn der blinde Radio-D.J. Super Soul (Cleavon Little) live zum letzten amerikanischen Helden der Straße. Eine ganze Nation fiebert mit dem Highway-Outlaw, den nichts mehr aufzuhalten scheint.

Fluchtpunkt San Francisco ist schon von Anfang an von dem pessimistischen Nihilismus geprägt, der Easy Rider erst im späteren Verlauf der Geschichte durchzieht. Getrieben von seiner Identitätslosigkeit und der damit verbundenen Sucht nach Geschwindigkeit und Drogen, die vordergründig der Mobilisierung seiner Sinne und seines Körpers zweckdienlich sind, rast Kowalski durch eine amerikanische Landschaft, die wenig mit der idyllischen Schönheit der Natur in Easy Rider gemeinsam hat. Die Reise an sich, unabhängig von dem ursprünglichen Motiv (in diesem Fall Kowalskis Wette als trivialer Vorwand für seine manische Fahrt bzw. seine Flucht), tritt in den Vordergrund der Handlung. Doch der Reisende ist nicht mehr der illusorische Hippie, der in den späten 60ern die Highways mit noch vergleichsweise gemütlicher km/h-Zahl bereiste. Zwar nimmt der getriebene und im doppelten Sinne speedsüchtige Kowalski die Dienste seiner alternativen Bewunderer - Sex, Drogen und Vergötterung - für das Gelingen seiner Fahrt in Anspruch, aber seine schweigsame Gleichmütigkeit und politische Neutralität deuten darauf hin, dass es sich bei diesem "uneasy" Rider nicht mehr wie früher um einen Aktivisten für den Gesellschaftswandel handelt.

Warum ich Fluchtpunkt San Francisco mein Herz schenke

Es gibt nur wenige Road Movies der 60er und 70er, denen ich nicht mein Herz schenken würde. Daher ist es natürlich nicht weiter verwunderlich, dass ich auch diesem zu recht hochgelobten Klassiker des Genres meine mit Vollgeschwindigkeit klopfende Rotölpumpe schenke. Fluchtpunkt San Francisco ist nicht nur ein rasanter Spannungsfilm mit brillant inszenierten Autoverfolgungsjagden a la Death Proof - Todsicher, sondern auch eine anspruchsvolle Charakterstudie mit mehrdeutigen, komplexen Botschaften - etwas, das ich in Tarantinos besagtem Road Movie, der Fluchtpunkt San Francisco nicht selten zitiert, schmerzlich vermisst habe.

Warum auch andere Fluchtpunkt San Francisco lieben werden

Zugegeben, Fluchtpunkt San Francisco ist nicht gerade das, was man einen leicht verdaulichen und gewöhnlich erzählten Feelgood-Film nennen könnte und aus diesem Grund ist Sarafians Film sicherlich nicht jedermanns Sache. Doch wer das Road-Movie-Genre liebt oder kennenlernen möchte, sollte sich neben wunderbaren, üblichen Verdächtigen wie Easy Rider oder Thelma & Louise auch Fluchtpunkt San Francisco zu Gemüte führen. Denn wer einen umfassenderen Eindruck von diesem bemerkenswerten Filmgenre gewinnen möchte und zur Abwechslung mal einen Road Movie sehen will, der strittige, aber dennoch interessante Sichtweisen auf Themen wie die Gegenkultur der 60er, Segregation oder Feminismus eröffnet, kommt an Fluchtpunkt San Francisco einfach nicht vorbei. Und wer ihn als Kenner des Genres tatsächlich noch nicht gesehen haben sollte: Schande über dein Haupt, sofort nachholen!

Warum Fluchtpunkt San Francisco die Jahrzehnte überdauern wird

Fluchtpunkt San Francisco ist als einer der wichtigsten Stellvertreter des Road Movies ebenso ein Spiegelbild einer historischen Ära des 20. Jahrhunderts der Vereinigten Staaten von Amerika wie der Western es für das 19. Jahrhundert war. Was im Wilden Westen das Pferd war, ist auf dem Highway Kowalskis Dodge Challenger R/T. Beide Fortbewegungsmittel stehen symbolisch für die beständige Ruhelosigkeit des Cowboys oder Outlaws, der auf der Flucht vor dem Gesetz oder der Gesellschaft eine nicht enden wollende Reise antritt, die in seinem Verderben enden muss. Eine zeitlose Geschichte also, wenn wir bedenken, dass auch der Drang nach Aufbruch, Freiheit und Selbstfindung zeitlos ist.

Zum Abschluss D.J. Super Souls of zitierte (Guns N‘ Roses lassen grüßen) Ode an Kowalski:

The police numbers are gettin' closer, closer, closer to our soul hero, in his soul mobile, yeah baby! They about to strike. They gonna get him. Smash him. Rape... the last beautiful free soul on this planet.

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