Jean-Claude Van Johnson – Pilotcheck zur Serie mit Van Damme

Van Damme in Jean-Claude Van Johnson
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Meint es gut mit den Menschen.

Seine größten Hollywood-Erfolge feierte Jean-Claude Van Damme nicht zufällig in einer Zeit, als sich die Filme von Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone familienfreundlich umorientierten. Zweitligisten schienen damals jene Lücke im Genre schließen zu wollen, die die bestimmenden Actionstars der Reagan-Ära nach dem Ende des Kalten Krieges durch komödiantische Neuerfindungen und zeitgenössische Ironisierungen hinterließen: Wo postmoderner Witz den Actionfilm befiel, machten Jean-Claude Van Damme und Steven Seagal richtig Ernst. Kurzzeitig war der Karatemeister mit den Kinohits Universal Soldier (1992), Harte Ziele (1993) und Timecop (1994) dann auch bei Major-Studios ein gefragter Name. Er stemmte die US-Debüts von Hongkong-Regiekoryphäen wie John Woo oder Tsui Hark und inszenierte für Universal selbst einen Film. Dem toten Muskelkino entlockte Van Damme somit ein ganzes Jahrzehnt lang schillernde Restzuckungen – erst Anfang 2000 wechselte er zum Videomarkt, auf dem sich bald darauf auch Steven Seagal, Nicolas Cage und Bruce Willis einrichteten.

Zur Freude seiner umso treueren Anhänger präsentierte Van Damme sich nach Drogenentzug und Karriereknick als sichtbar geschundener Actionschauspieler, dessen tiefe Furchen von einem gelebten Leben erzählen. Noch bevor Sylvester Stallone wehmütige Abgesänge auf seine ikonischen Figuren Rocky und Rambo anstimmte, machte sein Kollege die eigene Altersmüdigkeit in Replicant (2001) oder Wake of Death (2004) nutzbar. Schließlich gingen aus der Zusammenarbeit mit dem Vater-Sohn-Gespann John und Peter Hyams gewissermaßen Post-Körperfilme hervor, die unter Fans als heimliche Höhepunkte seines Schaffens gelten (namentlich die UniSol-Fortsetzungen Regeneration und Day of Reckoning sowie Enemies Closer). Disparat wirkt deshalb der quasi nachgereichte Unernst, den Van Damme in diesen Spätkarrieremodus einpflegt. Er dreht Komödien wie Welcome to the Jungle (2013) oder Jian Bing Man (2015) und stellt die eigene Star-Persona in den notgedrungen augenzwinkernden Dienst von Reality-Shows (Behind Closed Doors) oder Werbung (sein auf YouTube fast 90 Millionen Mal geklickter Spot für Volvo ging sogar viral).

Jean-Claude Van Damme möchte mit solchen Projekten augenscheinlich Humor beweisen, heraus kommt dann irgendwas zwischen Reflexion und Verballhornung. Das Risiko, nur noch als Witz über sich selbst zu taugen, muss er offensichtlich in Kauf nehmen – seine Weggefährten, mit denen er sich in The Expendables 2 einen parodistischen Wettstreit lieferte, spielen dieses Spiel sogar noch um einiges bereitwilliger mit (Arnold Schwarzenegger trat dort als wandelndes "Ich komme wieder"-Zitat auf, Chuck Norris schaute kurz vorbei, um einen seiner berühmten Internetgags zu erzählen). Die Actionstars der 1980er Jahre scheinen in Mainstream-Kontexten nur noch als Relikte verhandelbar, deren reine Präsenz schon eine möglichst ironische Rechtfertigung verlangt. Während Van Damme einerseits den Streaming- und DVD-Sektor kontinuierlich mit grimmigen Filmen beliefert, unterhält er ein größeres Publikum andererseits als Spagate machender Actionschauspieler von anno dazumal, der sich "selbst nicht so ernst nimmt". Letzteres ist scheinbar ein wichtiges Kriterium, vor allem wenn es um Genrekino geht.

Für Amazon Prime schlüpft der mittlerweile 57-Jährige nun in seine bekannteste Rolle, die da lautet: Jean-Claude Van Damme. Der tatsächlich auf amüsante Weise beknackten Serienprämisse zufolge handelt es sich dabei nämlich um eine Tarnung. Als Geheimagent Jean-Claude Van Johnson ist der Star nach Drehschluss Verbrechern auf der Spur, seine Filmverpflichtungen hätten seit jeher die Aufgabe, gefährliche Missionen vor Ort zu organisieren. So reist der eigentlich pensionierte Van Damme alias Van Johnson nicht etwa nach Bulgarien, um einen weiteren Direct-to-Video-Actioner zu drehen (was er widerwillig nebenher tun und sich mit jungen Werbeclipregisseuren sowie neuen Anforderungen ans Genre herumschlagen muss), sondern weil er ein Drogenkartell ausheben und seine ehemalige Geliebte Vanessa (Kat Foster) zurückgewinnen will. Leicht fällt ihm dieser Job nicht: Vanessa zeigt sich wenig begeistert vom Comeback ihres Kollegen, und zwei Jahre Berufspause haben den Mann außer Form gebracht. Im Mittelpunkt steht also wieder die körperliche Versehrtheit, nur hier eben scherzhaft variiert.

Der Vergleich mit JCVD, in dem Van Damme als privat und beruflich heruntergekommener Schauspieler sein Image nicht aufs Korn, sondern vielmehr ziemlich ernst nahm, drängt sich natürlich auf. Die Amazon-Serie und den Film von 2008 verbindet ein Rückgriff auf klassische Genregeschichten – JCVD verwickelt seinen Star in einen Überfall, Jean-Claude Van Johnson erklärt ihn zum Undercoveragenten. Beiden Produktionen scheint es nicht zu genügen, dass Van Damme sich selbst spielt. Es soll um mehr gehen als die alternde Actionlegende, als um Explosionen und Zweikämpfe, Kino und Filme. Der erste Witz der Serie besteht folglich darin, Van Dammes Karriere als vermeintliches Nebenprojekt zu enttarnen: Schlechte oder angeblich schlechte Schauspielleistungen führt sie auf eine Arbeit zurück, die seine volle Konzentration erforderlich gemacht habe. Der zweite und entscheidende Witz wiederum ist hoffentlich gar nicht als solcher gemeint: Wenn uns Van Damme 30 Jahre lang erfolgreich die Rolle des Actionstars vorgaukeln konnte, muss er wohl der beste Schauspieler der Welt sein.

Ob das noch abgehangener Meta-Humor oder schon gelungene Selbstspiegelung ist, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Van Damme hat jedenfalls Lust darauf, das ist dem Projekt anzumerken. Es führt ihn, wenn auch nur auf Produzentenebene, mit Ridley Scott zusammen, den er gegenüber The Guardian vor einigen Jahren als Wunschregisseur bezeichnete. Und so lange es den Video-on-Demand-Actionfilm nicht in der Form gibt, wie es den Direct-to-Video-Actionfilm jahrelang gegeben hat, muss er vielleicht tatsächlich schauen, wo er bleibt. In der Netflix-Serie Sense8 findet sich übrigens eine Figur, die mit ihrem Van Damn getauften Taxibus durch Afrika düst. Der Schauspieler sei "eine Quelle der Inspiration", schwärmt sie über ihr Idol, den "Fred Astaire des Actionkinos". Tolles Lob, schönes Bild: Jean-Claude Van Damme als tänzelnder Handkantenstar. Wenngleich gegen zünftige Albernheiten grundsätzlich nichts einzuwenden ist, wäre Belgiens akrobatischstem Schauspielexport dennoch zu wünschen, dass er am Ende einer langen Karriere nicht zum herumblödelnden Schatten seiner selbst mutiert.

Die 1. Staffel von Jean-Claude Van Johnson ist jetzt auf Amazon Prime zu sehen.

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