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Vom Problem des Leinwandsports

König Fußball - im Kino nur ein armes Würstchen?

Merseyside Derby - nicht kinotauglich?
© Nigel Wilson - CC BY 2.0-Lizenz
Merseyside Derby - nicht kinotauglich?
  • "Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. In Wahrheit geht es um sehr viel mehr."

  • Sir William "Bill" Shankly

    Fußball ist ein Phänomen. Wer das hierzulande nicht spätestens seit dem Sommer 2014 bemerkt hat, verbringt entweder sein Leben wahrscheinlich in noch größerer Ignoranz für diese Sportart als ich für Bodenturnwettbewerbe der Herren aufzubringen vermag, oder aber entzieht sich erfolgreich allen Sinnesreizen dieser Welt.

    Wie aber ist es zu erklären, dass sich diese bombastische Faszination nicht auch im Kino wiederfindet?

    Denn, sind wir mal ehrlich, hätte sich irgendwann gezeigt, dass damit richtig Umsatz zu machen wäre, Hollywood und seine Vasallen hätten uns schon mit RomComs, CGI Gewittern und sonstigem Auswurf zum Thema Fußball so sehr bombardiert, dass wir mittlerweile Angst hätten, das Wort "Sportschau" zu laut auszusprechen.

    Hier hat der Fußballfan wahrscheinlich einfach Glück, dass dieser Sport trotz WM´94 im eigenen Land, besser werdendem US Team und des omnipräsenten Grinseklinsi in den Verwirrenden Staaten von Amerika noch immer nicht den riesigen Stellenwert hat.

    Bliebe noch der Rest der Welt, auch nicht so wenig... Was also gibt es dort? Afrika selbst hat noch nicht die massentaugliche Filmindustrie und eine fußballerisch angehauchte RomCom in Äthiopien klingt auch nicht sehr verlockend. In Asien kämpft man lieber, z.B. mit Godzilla oder man singt und tanzt so dämlich, dass selbst Godzilla in die USA auswandern möchte und in Australien jagt Mel Gibson den letzten Tropfen Sprit nach.

    Also Europa. Die erfolgreichsten Fußballteams, die meisten Stars, die schönsten Arenen und so weiter.
    Dazu auch reichlich Filmindustrie.

    Wieso also gibt es auch hier nicht so wirklich die Fußballfilme? Die Voraussetzungen sind da. Fußballer sind als Persönlichkeiten beruflich und privat doch eine Steilvorlage. Von dumm, über nervig, genial, kumpelhaft, wahnsinnig, alkoholsüchtig bis zu "ohne den Sport schon längst im Knast" gibt es doch mannigfaltige Optionen. Dazu sind die Stadien von hypermodern bis Kalter Krieg auch noch tolle Locations.

    Warum also gibt es keine "richtigen" Fußballfilme?

    Wohl, weil man hier eingestehen muss, dass das Leben die besten Geschichten schreibt und ein "richtiger" Fußballfilm, also einer, der direkt mit dem Spiel mitgeht, dabei einfach auf der Strecke bleibt, wenn er mit einem Livespiel mithalten will. Zudem kann man die Handlung eines Live-Fußballspiels eben nicht vor dem Ansehen irgendwo im Internet lesen oder bekommt sie (unfreiwillig) auf dem Weg ins Kino erzählt.

    Da scheitert Film ja generell gern am Sport.

    Aber es gibt ja auch gute Rennfilme, Motorsport geht also. Oder ging, bis man mit der "The Fart and the Fameless" Reihe auch das schnelle Autofahren im Kino auf RTL II Soap Niveau einbremste und die Größe eines Grand Prix oder Le Mans vergessen ließ (mittlerweile hat ja Rush das Genre ein bisschen gerettet), von guten Verfolgungsjagdfilmen mal ganz zu schweigen, denn das würde hier den Rahmen sprengen. Aber bei Motorsportfilmen hat man meist eben nur den einen Fahrer, vielleicht noch ein, zwei große Konkurrenten, aber eben nicht die Masse an Akteuren, die eine Teamsportart schon grundsätzlich erfordert.

    Bei Mannschaftssportarten ist es also schwieriger, auch wenn dort (vor allem aus Hollywood) sogar so einige ordentliche Versuche existieren. Aber dabei geht es selten bis nie exklusiv um den Sport. Es liegt also am Teamsport, der sich schwerlich zur Gänze in Filme einbauen lässt. Nahezu immer wird das Spiel selbst als Parabel für irgendwas missbraucht oder ist reines Handlungsvehikel wie, auf den Fußball gemünzt, in Kick It Like Beckham, FC Venus, den Weltkriegsfußballfilm Flucht oder Sieg, in dem neben Stars wie Bobby Moore oder Pelé auch Stallone auftritt (als Torwart, gerade Sly, der Sitzriese - man darf sich schon auf Basketballfilme von Disney freuen, mit Peter Dinklage als Center) oder der 85-minütigen Beckenbauer-Werbefilm Libero. Romantik und Fußball kombiniert man irgendwie erschreckend gern, wohl, weil es sich gut macht, wenn vermeintlich harte Fußballfans dann sanft werden, wie in der mäßigen Romeo und Julia Imitation Schicksalsspiel.

    Ein komplettes Match wird normalerweise total gerafft oder man sieht gleich mehrere in bloßen Schnitten (nicht nur beim Fußball, auch bei anderen Sportarten, z.B. "Die Indianer von Cleveland").

    Aber was ist nun mit Fußball? Mal so richtig kinotauglich ein ganze Spiel? Fehlanzeige. Nicht mal Das Wunder von Bern bietet etwas derartiges, es bietet nicht mal eine halbe Halbzeit wirklicher Fußballszenen, wird aber als Fußballfilm tituliert, während er eigentlich Familienprobleme wälzt und Pärchendialoge thematisiert, schon traurig. Das letzte Mal ein vollumfassendes Fußballerlebnis im Kino hatte ich am 21. Juni 1998, als in meinem Provinzkino das WM Gruppenspiel Deutschland - Jugoslawien lief. Eintritt drei Mark.

    Es scheint sich einfach niemand zuzutrauen, ein Spiel richtig frontal und komplett anzugehen, wohl weil man den immer mindestens 11 Persönlichkeiten pro Team nicht gerecht wird (Trainer, Wechselspieler, Betreuer etc. mal außen vor) und wohl auch, weil dieses Phänomen aus so vielen Einzelreizen besteht, besonders dem Livereiz, dass man beinahe zwangsläufig scheitern muss.

    Stattdessen nähert man sich dem Mysterium Fußball oft aus anderen Angriffsrichtungen. Beispielsweise aus der Perspektive eines Talents, das nach oben will. Die Reihe "Goal" ist allerdings darstellerisch und dramaturgisch näher an einem 0:0 in der zweiten kubanischen Liga als an einem WM Finale.

    Witzig überspitzt geht natürlich auch, wie in Mean Machine, mit dem berühmt berüchtigten Vinnie "The Axe" Jones als Titelheld und Jason Statham in einer Rolle, die ihm sichtlich Spaß macht. Aber so richtig umfassend ein Fußballfilm ist auch das nicht. Näher dran, auch wenn es wenig um das Spiel geht, ist das Drama United, das, hochklassig gespielt, die Flugzeugkatastophe von München 1958 thematisiert. Ähnlich gut, wenngleich sogar noch besser besetzt, ist The Damned United, in dem Michael Sheen beweist, dass er in den "Twilight"-Verfilmungen einfach nur Perlen vor die Säue ist.

    Gerne gewählter und ebenso dankbarer Ansatz ist natürlich die schillernd bunte Fanwelt, die so vielschichtig, so erstaunlich und doch auch so einheitlich ist, dass man sie mit extrem gegensätzlichen Darstellungen doch vollkommen treffend repräsentiert. Filme wie das herrlich herzig-doofe "Fußball ist unser Leben" und das erhabene, sich verneigende, die Fangefühlswelt und auch den Fan-"Autismus" gegenüber den anderen, vollkommen trivialen Problemen der Welt herrlich aufzeigende "Fever Pitch" (das zudem noch traumhaft verkörpert wird), oder auch das wundervoll augenzwinkernde "Spiel der Götter" geben da traumhafte Einblicke in die Fanseele von Menschen, die alles in allem unterschiedlicher wohl kaum sein könnten.

    Daneben beschäftigt man sich natürlich gern mit den eher dunklen Seiten des Fußballfantums, dem Chaos, das Fans mitunter verursachen, wie in den deutschen Filmen "66/67 – Fairplay war gestern" oder "Gegengerade", die die ambivalente Welt der Fußballfans, bzw. Hooligans ausschnittsweise durchaus gut darstellen, oder mit der direkten Darstellung eben der Hooligan Subkultur. Ironischerweise ist das namensgleiche Werk "Hooligans" da durchaus ein Schlag ins Wasser. Eine amerikataugliche Kinoproduktion über Londoner Hooligans wirkt manchmal wie ein Kinofilm über den Superbowl made in Tadschikistan (was dann vielleicht aber irgendwie witziger wäre), besser macht es da "The Football Factory", englisch-ironisch und mit einem Soundtrack, der englischer nicht sein könnte, selbst wenn man noch "Land of Hope and Glory" mit dazugepackt hätte. Ob man Hooligans noch ein filmisches Denkmal setzen sollte, ist eine in dem Zusammenhang gern durchs Dorf getriebene Sau. Kunst imitiert nun mal ein Stück weit die Realität und in der Realität gibt es Hooligans, auch damit muss man sich auseinandersetzen, anstatt blind zu verurteilen. Aber auch das führt hier zu weit. Es geht ja um Fußball, nicht um den teilweisen, oft medienwirksam hochgespielten, Dualismus von Kunst und sozialer Verantwortung.

    Kinderfilme im Stile von "Die wilden Kerle", oder das unsägliche Disney-Sonntagnachmittag-Filmchen "The Big Green"? Nein, danke. Dann lieber "Kickers" bis zum Umfallen.

    Was bleibt noch übrig? Die Doku. Seit Guido Knopp gibt es ja "in diesem, unseren Lande" (wie sich Dr. Helmut Kohl auszudrücken pflegte) über alles Dokus. Kommunisten, Nazis, Kommunistennazis, Kalter Krieg, warme Romanzen und und und. Natürlich auch über Fußball, sogar stellenweise recht gut wie in diversen FC St.Pauli Dokumentationen wie "Sankt Pauli! - Rausgehen - Warmmachen - Weghauen" oder das sehr interessante "Football Under Cover", das dem ganzen Mysterium dann wieder eine sehr soziale und sozialkritische Komponente gibt.

    Natürlich gibt es auch traurigere Dokumentationen. Wie Sönke Wortmanns "Deutschland - Ein Sommermärchen", in dem Klinsi den Feldherrn gibt und Xavier Naidoo beinahe jeden Moment kaputt jault, der vielleicht hätte was werden können.

    Im krassen Gegensatz dazu muss unbedingt "Tom meets Zizou - kein Sommermärchen" erwähnt werden, der tolle Einblicke liefert und den Beweis erbringt, dass auch in Zeiten des von sozialen Medien abgedeckten Profifußballs nicht nur sterile Facebook-Bubis die Fußballbühne bevölkern.

    Es gibt also viele Varianten, aber irgendwie nichts, was so wirklich ins Kino gehört, sondern eher Dinge, die man sich in einer kleinen, verschworenen Gruppe zu Gemüte führen muss. Weil einige der sogenannten Fußballfilme mitunter so speziell sind, dass der "durchschnittliche" Kinogänger noch mehr stören würde als bei einem Hitchcock Marathon.

    Letzten Endes ist es also vielleicht ganz gut, wenn auch (durch die Fanbrille betrachtet) fast etwas ungerecht, dass Fußball in seiner Reinform bestenfalls zu Genrefilmen taugt. Bei dieser Fanbasis kann man ihm gar nicht vollkommen gerecht werden und irgendwie will Kino das auch gar nicht. Ein paar Versuche, quasi Momentaufnahmen oder schräge Blickwinkel, sind ja wirklich gut, haben Charme oder einfach nur eine ganz vortreffliche Atmosphäre, aber ein Kinofilm, und sei er noch so gut, kann dem geneigten Fan eben nur einen unzureichenden Ersatz für ein gutes Livespiel bieten.

    Fußball im Kino - wohl eher nicht. So kann ich wenigstens zu einem Spiel flüchten, wenn Kino mich mal wieder enttäuscht hat.


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    Philosophie am Rande der Hausbar, Kulturpessimismus, unvermeidliche Kinobesuche und Soundtrackfanatismus. Präsentiert mit einem übermäßigen Hang zur Selbstdarstellung und einem bloßen Lippenbekenntnis zu geschmacklicher Toleranz.
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