Tatort

Maria Furtwängler im Interview

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Im Tatort: Es wird Trauer sein und Schmerz verschlägt es Komissarin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler nach Braunschweig, wo ein Sniper sein Unwesen treibt. Die Schauspielerin berichtet im Interview von den Dreharbeiten und der Sozialkritik, die in diesem Krimi steckt.

Aus welchem Grund sollte man sich Ihren neuen „Tatort“ anschauen?

Dieser „Tatort“ ist gesellschaftskritisch, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Er setzt sich mit einer sehr modernen Form des Voyeurismus auseinander, der heute seine Verlängerung im Internet findet. Wie haben Sie dieses Thema für sich entdeckt? Ich weiß von meinen Kindern, dass sich Fotos und Berichte von den Ereignissen ihres Lebens auf Internetforen wie Facebook oder Myspace finden müssen – sonst hat die Party gar nicht stattgefunden. Für mich ist dies ein wichtiger neuer Aspekt des Voyeurismus, daher bin ich sozusagen mitschuldig daran, dass wir diese Tendenz im neuen „Tatort“ aufgreifen und thematisieren.

Was ist gegen Partyfotos im Internet zu sagen?

Ich will die modernen Internetangebote nicht pauschal verteufeln. Einigen Formen ihrer Nutzung stehe ich aber kritisch gegenüber. Ich finde es bedauerlich, wenn Jugendliche sich bei ihren Vergnügungen weniger auf das eigentliche Feiern mit ihren Freunden konzentrieren als auf die spätere Auswertung dieser Feier am Computerbildschirm oder auf dem Handy. Jugendliche zeichnen auf, um Ereignisse später nachzuerleben und zu bewerten. So wie die Paparazzi mit ihren indiskreten Fotos von Prominenten den Stoff für den öffentlichen Klatsch liefern, so entsteht auf den Internetforen eine Art von privater Paparazzi-Kultur, bei der die Party-Fotos im Netz den Gossip, den Klatsch innerhalb der Freundesclique anheizen.

Ihr „Tatort“ zeigt die möglichen Gefahren des sogenannten Web 2.0 allerdings an einem weit drastischeren Beispiel

Ja. Richtig schlimm und bedenklich wird der Voyeurismus im Netz, wenn Unschuldige wie zum Beispiel Opfer von Verkehrsunfällen in ihrem Schmerz und Leid in schaurigen Unfallvideos im Internet bloßgestellt werden. Genau darauf zielt unser Tatort…

… in dem offenbar ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Während die Braunschweiger Polizei im Dunkeln tappt, entdecken Sie als Charlotte Lindholm schnell erste Spuren. Ist Frau Lindholm diesmal besonders schlau, schnell und schlagfertig?

Das klingt fast, als wäre meine Kommissarin die allmächtige Superfrau. Ein „Tatort“ ist zwar eine Heldengeschichte, aber eine sehr irdische. Zumal sich Charlotte Lindholm diesmal ganz gehörig abarbeiten muss, bevor die Lösung des Falles in Sicht kommt. Die „Tatort“-Zuschauer wissen, dass zu Beginn meist jemand ums Leben kommt. Sie wissen ebenso sicher, dass Kommissarin Lindholm auch diesen Fall nach 90 Minuten gelöst haben wird. Doch vorher bekommt sie diesmal mächtig Gegenwind. Zum einen muss sie sich bei ihren überheblichen Kollegen vor Ort behaupten, zum anderen muss sie konsequent weiterermitteln, auch wenn die Kripo vor Ort glaubt, den Schuldigen schon gefunden zu haben.

LKA-Chef Bitomsky schickt Lindholm nach Braunschweig, weil „eine Frau“ benötigt werde. Welche weibliche Fähigkeit ist denn hier gefordert?

Die Gefahr liegt in der Tat darin, dass man als einzige Frau gegen eine Männerriege hysterisch und kreischig wird, dass man zurückbrüllt und sich auf das aggressive Machtspiel der Herren einlässt. Wie also definiert man sich hier als Frau? Ich fand es spannend, auf diese geballte Ladung Testosteron mit einer noch größeren Sachlichkeit als sonst zu reagieren und mich zu weigern, mich auf deren Niveau herabzubegeben. Gegenüber den Braunschweiger Besserwissern glänzen Sie mit lässiger Schlagfertigkeit … Schwächen ihrer Gegner nutzt Charlotte Lindholm gerne aus. Das soll natürlich lässig wirken. Ich möchte aber auch zeigen, dass es sich nicht lässig anfühlt, als Einzelkämpferin dagegen zu halten.

Wollten Sie Ihre Kommissarin Lindholm diesmal besonders zerbrechlich und verletzlich zeigen?

Zeigen möchten wir vor allem den psychischen Druck, unter dem die Kommissare bei Ermittlungen in besonders schlimmen Mordfällen stehen. Abgesehen von Kindermördern und Kinderschändern gibt es nichts Unangenehmeres für Kommissare, als einen Serientäter zu suchen. Das muss eine unglaubliche psychische Belastung sein. Jeden Tag kann ein neuer Mord stattfinden, die Ermittler stecken mittendrin im Geschehen, die Tat ist keineswegs abgeschlossen. Mir lag hier sehr viel daran, diesen Wettlauf mit der Zeit und den psychischen Druck auf die Ermittler zu erzählen, der sich daraus ergibt.

Wie kommt denn Ihre Kommissarin mit diesem Druck zurecht?

Obwohl sie diesem Druck zunächst mit strikter Sachlichkeit standhalten will, merkt man irgendwann, dass es auch ihr nicht mehr voll und ganz gelingt. Bei dem dramatischen Verhör eines verdächtigen Polizisten ist auch bei ihr Schluss mit Sachlichkeit. Da schwankt sie zwischen Verständnis für den gestressten Kollegen und Wut bei dem Gedanken, dass er möglicherweise der Täter ist.

Inwiefern war dieser Tatort eine Herausforderung für Sie?

Es war spannend und fordernd für mich, die Anspannung und Verletzlichkeit meiner Kommissarin in einer Situation darzustellen, in der sozusagen die Bombe tickt und neue Anschläge des Serientäters drohen. Zum anderen habe ich die Zusammenarbeit mit Regisseur Friedemann Fromm als Herausforderung empfunden. Er hat seinen Schauspielern einen großen Freiraum zum Proben, zum Ausprobieren von Szenen gegeben. Fromm konnte uns am Set seine Ideen zu einer Szene auf sehr plastische und einfühlsame Art deutlich machen. Wir haben mit viel Ruhe und ohne Zeitdruck nur im Kreis der Darsteller geprobt und erst anschließend hat Fromm das Kamerateam hinzugeholt. Beim Drehen entstand somit ein sehr hohes Maß an Energie und Konzentration.

Was gefällt Ihnen am Drehbuch von Astrid Paprotta?

Astrid Paprotta hat ihre Dialoge so geschrieben, wie Menschen auch tatsächlich sprechen. Die Figuren in diesem „Tatort“ sprechen ein wenig unlogisch und unfertig, sie reden teilweise sogar aneinander vorbei – so wie es im echten Leben passiert.

Vielleicht als Gegengewicht zu den starken Gefühlen sind Sie immer wieder in aktionsreichen Szenen zu sehen. Gab es Momente, in denen Sie ins Schwitzen kamen?

Ich mag es gerne, vor der Kamera körperlichen Einsatz zu zeigen. Diesmal kam ich bei einer Verfolgungsjagd ganz schön ins Schwitzen, denn wir haben die Szene mehrmals gedreht, Regisseur Friedemann Fromm rief immer wieder „Schneller, schneller!“ und ich hatte keine bequemen Turnschuhe dabei an. Szenen mit Körpereinsatz helfen übrigens ungemein, beim Spielen mental in eine Szene hineinzukommen.

Während der Ermittlungen entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Frau Lindholm und ihrem Braunschweiger Kollegen Kai Bergmann, gespielt von Sven Lehmann – ist es in Ihren Augen überhaupt eine Liebesgeschichte?

Die Anziehung zwischen Lindholm und Bergmann ist gewollt. Was aus dieser Anziehung entsteht und wie es mit den beiden weitergehen könnte, haben wir ebenso bewusst offen gelassen.

Bei Ihren Dreharbeiten locken Sie immer wieder Neugierige an. Wie haben die Braunschweiger reagiert?

In Braunschweig war viel los. Einige Leute haben stundenlang hinter den Absperrungen ausgeharrt, um zu warten, ob wir eine spannende Szene drehen würden. Wahrscheinlich haben die Braunschweiger sich gewundert, dass ich den Weg von der Bäckerei zum Auto nicht nur einmal, sondern ein Dutzend Mal gegangen bin. Besonders freue ich mich, wenn ich merke, dass die Fans vor Ort nicht nur ein Autogramm haben wollen, sondern meine Kommissarin Lindholm mögen, mit ihr schon seit Jahren mitgehen und nun stolz darauf sind, dass wir in ihrer Stadt und ihrer Straße drehen.

Von Anthony Hopkins weiß man, dass er in den Drehpausen gerne Bücher liest. Wie vertreiben Sie sich in solchen Momenten die Zeit?

Ich hatte gerade bei diesem Film ziemlich wenig Leerlauf. Ich war froh, wenn ich es geschafft habe, jeden Tag Zeitung zu lesen.

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Ab 22. August im Kino!Good Boys