Mit diesem schlauen Trick besiegt Captain Marvel die größte Schwäche des MCU

Captain Marvel
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Achtung, Spoiler zu Captain Marvel und allen vorherigen MCU-Filmen: Loki, Thanos und Killmonger - das sind sie, die bisher eindrucksvollsten Bösewichte aus über 20 Filmen des Marvel Cinematic Universe. Während Thors Halbbruder von der ständigen Ungewissheit über seine wahren Motive zehrt, beeindruckte Thanos zuletzt als größenwahnsinniger bis tragischer Gegenspieler in Avengers 3: Infinity War.

Killmonger hingegen schaffte es sogar, Black Panther in dessen eigenem Solofilm die Show zu stehlen. Ansonsten herrscht jedoch Dürre im MCU: Trotz namhafter Schauspieler vermochten bis dato die wenigsten Antagonisten einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Mit einem geschickten Twist unterläuft Captain Marvel an diesem Punkt viele Erwartungen.

Wie Talos zum unerwarteten Herz von Captain Marvel wurde

Dass Bösewicht nicht gleich Bösewicht ist, demonstrierte zuletzt Ant-Man and the Wasp im MCU, als Hannah John-Kamens Ghost aufgrund ihrer persönlichen Geschichte in einen größeren Konflikt hineingeriet und somit durch die Augen der Titelhelden auf der anderen Seite zu verorten war. Erst nach und nach enthüllte der Film die tatsächlichen Beweggründe für ihr Handeln.

Captain Marvel unternimmt ein ähnliches, aber deutlich effektiveres Manöver mit dem von Ben Mendelsohn verkörperten Talos. Eingeführt als böser Skrull-Anführer, der Mitglieder der Starforce und damit Anhänger der Kree in die Falle lockt, entpuppt sich dieser im Verlauf des Films als missverstandene bzw. zum Feindbild stilisierte Figur.

In Wahrheit sind in Captain Marvel nämlich die Kree die Bösen und Yon-Rogg fungiert als großer Manipulator, was ihm dank Jude Laws unwiderstehlichem Charme wunderbar gelingt. Entscheidend ist jedoch, wie der Film mit dem Schicksal von Talos umgeht, denn dieser avanciert dank seiner tragischen Hintergrundgeschichte zum heimlichen Herz des Films und erhält ein unerwartetes Gewicht.

Der Talos-Twist unterstützt das Spiel der Identitäten in Captain Marvel

Die Skrulls befinden sich auf der Suche nach einer Heimat und werden von den Kree gejagt. Wo die Alien-Rasse in den Comics später für die Secret Invasion verantwortlich ist, unterläuft das MCU in dieser Hinsicht jegliche Erwartungen und enthüllt die gefährlichen Gestaltwandler (vorerst) als Verfolgte, deren mitreißendste Verwandlung es ist, ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Entgegen den unheimlichen Blicken und stetigen Verwandlungen entpuppt sich Talos als Vater und Ehemann, der bereit ist, für die Rettung seiner Familie sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Problemlos nimmt er die Identitäten unzähliger Passanten auf dem Weg an. Am greifbarsten wird die Figur jedoch, wenn wir Einblick in die Gefühlswelt hinter den vielen verschiedenen Masken erhalten.

Dieser Twist rüttelt Captain Marvel förmlich auf und passt trotzdem - oder gerade deswegen - perfekt zu den grundlegenden Motiven des Films. Schließlich erzählen Anna Boden und Ryan Fleck ab der ersten Minute eine Geschichte des Aufrüttelns, beginnend mit der aufgewirbelten Erde, die in Zeitlupe durchs Bild fliegt, während sich Brie Larson orientierungslos auf dem Boden wälzt.

Unbeeindruckt von der gewaltigen MCU-Maschine bahnt sie sich ihren Weg durch den Film und sorgt trotz der vielen vertrauten Elemente durch ihre Unangepasstheit für eine gewisse Frische. Brie Larson entwickelt einen eigenen Rhythmus, dem sich der Film unterordnet und dadurch eine besondere Dynamik besitzt. Larsons Verkörperung von Captain Marvel hebt sich dabei deutlich von den bisherigen Helden-Typen im MCU ab, wie wir sie etwa von Robert Downey Jr.s Tony Stark kennen.

Carol Danvers und Talos ergänzen sich in Captain Marvel

Ihre Carol Danvers soll das Franchise später gehörig durchschütteln, wenn sie ihre wahren Kräfte erlangt und sich gegen ihren ehemaligen Mentor Yon-Rogg zur Wehr setzt, der sich nun deutlich als Bösewicht zu erkennen gibt. Selbst Ronan the Accuser, der glaubt, die Erde lange vor Thanos' Fingerschnipp per Knopfdruck unschädlich zu machen zu können, wird von dieser aufregenden Bewegung überrascht.

Notwendig dafür ist allerdings die Entdeckung der eigenen Identität, die tief unter verwirrenden Erinnerungsfetzen begraben liegt. Erst wenn Carol Danvers die ihr gegebenen Kräfte vergisst und im Fallen ihre Verletzlichkeit, ihre Menschlichkeit akzeptiert, findet sie zu sich - ähnlich wie Talos, der sich nach all den Wandlungen seiner äußerlichen Form schlussendlich zu seiner Skrull-Erscheinung bekennt.

Diese Skrull-Erscheinung ist es, die nicht nur Carols Denken, sondern auch Captain Marvel als Film verändert. Plötzlich besitzt das Hin und Her zwischen verschiedenen Planeten einen emotionales Zentrum, in dem alle Fäden zusammenlaufen. Die Enthüllung schockt weniger, als dass sie den Film auf angenehme Weise erdet und die Menschlichkeit dadurch nicht pure Behauptung bleibt.

Talos und Carol, die beide gewissermaßen zerrissen zwischen zwei Welten schwanken, begegnen sich auf Augenhöhe und beschließen, sich gegen die Fremdbestimmung durch Yon-Rogg und die Supreme Intelligence zu wehren. Somit verläuft Talos' Entwicklung parallel zu der von Carol. Am Ende vermag sich selbst ein vermeintlich eindimensionaler außerirdischer Schurke als empathisches Wesen zu erweisen, mit Ängsten, Hoffnungen und Träumen.

Captain Marvel bietet dem großartigen Ben Mendelsohn eine Bühne

Dass diese Wandlung funktioniert, liegt nicht nur daran, wie sie im Drehbuch geschrieben steht, sondern zu einen großen Teil auch an Ben Mendelsohns hervorragendem Spiel. Nicht einmal die üppige Talos-Maske hindert ihn an feinen Nuancen (inklusive humorvoller Einlagen), obwohl seine Figur auf den ersten Blick wirkt, als wäre sie direkt einem pulpigen Science-Fiction-Film der 1980er Jahre entnommen.

Ben Mendelsohn, der durch Filme wie Rogue One: A Star Wars Story und Ready Player One längst zu Hollywoods neuem Lieblingsschurken avancierte, glänzt in Captain Marvel an der Seite der ebenso großartig aufspielenden Brie Larson mit jener unerwarteten Verletzlichkeit, mit der er zuletzt auch Gary Oldmans grantigem Winston Churchill in Die dunkelste Stunde als König Georg VI. gegenüberstand.

In Captain Marvel offenbaren Carol und Talos ebenso ihre verletzliche Seite und nehmen damit eine Niederlage in Kauf. Entscheidend ist jedoch, dass sie im Anschluss wieder auf- und für die im Lauf ihrer Odyssee erlangten Werte einstehen. Der Film balanciert dabei sehr schön, wie die Figuren ihren eigenen Arc bestreiten müssen, schlussendlich aber als Verbündete auftreten und gemeinsam ihre Stärke und Menschlichkeit beweisen.

Wie hat euch Captain Marvel im Zusammenspiel mit (Bösewicht) Talos gefallen?

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