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NipponConnection 2018 - Tagebuch einer Japanreise

Festivalplakate - NipponConnection 2018
© Malte Triesch
Festivalplakate - NipponConnection 2018
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Tag 1 – Okaerinasai (Jap. Wilkommen zurück)

Auch wenn die Flut der Redner, nicht zuletzt ob der langwierigen Übersetzung, manchmal etwas erschlagend ist, versuche ich jedes Jahr bei der Eröffnungsveranstaltung dabei zu sein. Zu kaum einem anderen Zeitpunkt ist die Energie und Vorfreude des Festivalteams und der Gäste so greifbar. Auch wird man hier immer mit ein paar Eckdaten zu dem Festival versorgt. Seit 17 Jahren gehört die NipponConnection fest zu der Frankfurter (Film)-Landschaft und ist mit zuletzt 18 Tausend Besuchern und über 100 Filmen tatsächlich das weltweit größte Festival des japanischen Films. Die Eröffnungskomödie MORI, THE ARTIST’S HABITAT gab sich denn relativ massenkompatibel. Mit viel Humor stellt Regisseur OKITA, Shuichi einen Tag in dem Leben des realen Maler KUMAGAI, Morikazu dar. Das Besondere dabei: Dieser hat seit 30 Jahren seinen Garten nicht verlassen.


Tag 2 – Trashabend

Nach ein paar Jahren der Abwesenheit war Jörg Buttgereit dieses Jahr endlich wieder präsent und brachte uns gemeinsam mit Alexander Iffländer japanische Trashfilme im NIPPON HEIMKINO näher. Wie immer gut gelaunt vom Sofa auf der Bühne aus kommentiert und untermalt von Kartoffelchips und Billigbier aus Plastikflaschen. Eben jener Geschmack musste danach von Kirin Frozen, der köstlichen Kombination aus japanischem Bier und einer Biereiskrone, weggespült werden. Somit war thematisch und stimmungstechnisch die perfekte Basis für den Indie Film ONE CUT OF THE DEAD geschaffen. Locker die beste Zombie Komödie seit Shawn of the Dead und aus meiner Sicht klar das Highlight des Abends, wenn nicht sogar des Festivals. Während das Q&A kurz nach Mitternacht endete, sollte sich unsere Diskussion über das Gesehene noch über viele weitere Kirin Frozen bis in Tag 3 erstrecken.


Tag 3 – Stimmungsschwankungen

Das Filmfrühstück um 10:30 Uhr morgens und der dort gezeigte Anime THE BOY AND THE BEAST von HOSODA, Mamoru hatten somit keinen leichten Stand. Frühstück und Film überzeugten jedoch auf ganzer Linie. Keine Minute braucht das Intro um den Zuschauer in die fantastische Parallelwelt, definiert durch Tiermonster und Schwertkämpfen, einzutauchen. Frisch gestärkt war danach ein wenig Zeit um Freunde zu treffen und zu quatschen, bevor es mit DESTINY: THE TALE OF KAMAKURA weiterging. Basierend auf einem Manga von 1984 erzählt Regisseur YAMAZAKI, Takashi ein schönes modernes Märchen versetzt mit japanischen Mythen. Nicht ohne Schwächen, aber sehr, sehr charmant. Der nächste Stopp war dann zur Abwechslung das Mal Seh‘n Kino. Logistisch immer eine kleine Herausforderung, kann ich nur empfehlen, einige Filme auf diese Weise im authentischen Kinosetting zu genießen. Zum Glück liefen gleich zwei für uns interessante Filme in Folge, womit dann auch die Logistik keine große Herausforderung mehr darstellte. OH LUCY! von der Regisseurin HIRAYANAGI, Atsuko erzählt sehr hart, aber auch sehr menschlich die schwierige Situation einer Single-Japanerin Anfang 40. Schnell wurde dabei klar, dass Hauptdarstellerin TERAJIMA, Shinobu absolut zu recht dieses Jahr mit dem Nippon Honor Award ausgezeichnet wurde. Zum Abschluss gab es dann FOREBODING von KUROSAWA, Kiyoshi. Eine Sci-Fi-Story um das drohende Ende der Welt, durch eine nicht greifbare Bedrohung. Die Synopsis des Films weist bereits darauf hin, dass der Untergang der Welt sich primär durch merkwürdiges Verhalten der Menschen und Unwetter ankündigt. Dennoch waren sich merkwürdig verhaltende Menschen und andauernder Regen einfach zu wenig, um 140 Minuten lang Unbehagen zu erzeugen. Auf dem Heimweg entlud sich das den ganzen Tag angekündigte Gewitter mit Blitz, Donner und prasselndem Regen in Frankfurt. In diesem Setting waren die Konzepte von FOREBODING dann wesentlich eingängiger… manchmal muss man einfach erst in die richtige Stimmung kommen.


Tag 4 – Essen

Am 4. Tag stand das Filmdinner auf dem Programm, was ich zum Anlass nahm, mich mit dem kulinarischen Rahmenprogramm auseinander zu setzen. Kleinen japanische Snacks vom lokalen Izakaya Mangetsu (quasi eine japanische Tapas Bar), gratis Proben von Nissin oder die Sakeverkostung bei UENO GOURMET. All diese und viele weitere Anbieter tragen dazu bei, auch zwischen den Filmen gedanklich in Japan zu verweilen. Bei dem Filmdinner traf dann beides direkt aufeinander. Gestärkt durch ein liebevoll zusammengestelltes Bento-Set wurde die Dokumentation RAMEN HEADS gezeigt. Regisseur SHIGENO, Koki führt den Zuschauer dabei mit einer sehr charmanten Kombination aus Ehrfurcht und Ironie in Welt der japanischen Nudelsuppe ein und ich verließ den Saal satt und glücklich.


Tag 5 – Ende mit Schrecken

Nach der herrlich skurrilen Comedy Ode an die japanische Vorstadt in Form von ENOKIDA TRADING POST stand nach Tag 2 erneut J-Horror auf dem Programm. Weniger trashig traf in Occult Bolshevism, gedreht vom The Ring-Autor TAKAHASHI, Hiroshi, fantastischer Sound auf ein sehr interessantes Konzept. Nur die filmische Umsetzung hielt leider nicht ganz mit. Klassische Campfire Geistergeschichten werden mit einer von Kommunisten gehaltene Séance im modernen Japan vermischt. Ein Film, der nach einem Remake mit mehr Hintergrundgeschichte und einer solideren handwerklichen Umsetzung schreit. Randnotiz: In Japan haben Horrorfilme generell im Sommer Saison, da man sich von der Gänsehaut Abkühlung verspricht. Dies liefert der Film auch konsequent ab. Dazu noch einige kleine Gruselgeschichten, über die man sicher noch etwas nachdenken wird und durchaus am Lagerfeuer zum Besten geben könnte.


Tag 6 – Der Abschied

Der Abschied kam in Form der historischen Komödie FLOWER AND SWORD. In einem 5 Minütigen Vorwort versuchte die Moderatorin das Konzept der Zeit der streitenden Reiche für den unbedarften Zuschauer zusammen zu fassen. Ein hehreres Ziel. Wer vorher nicht Bescheid wusste, war ob der vielen Fakten in kurzer Zeit hinterher aber vermutlich nicht viel weiter. Macht nichts, SHINOHARA, Tetsuo führt in einem kurzen Intro ebenfalls sehr gut in die Zeit um das 16. Jahrhundert ein. Im Fokus des Films steht dabei der friedliche Widerstand durch und die spirituelle Kraft die aus Ikebana und Sadou (der japanischen Tee Zeremonie) erlangt werden kann. Was thematisch ein trockener Arthouse Film sein könnte, ist eine herzerwärmende Komödie mit einem schrulligen Protagonisten, die immer wieder sehr ernste und nachdenkliche Momente einstreut. Da ein Film kaum noch mehr verströmen kann, ein sehr guter Abschluss des Programms. Wenn ich korrekt gerechnet habe, bin ich seit Ausgabe 5 Stammbesucher und für mich war die Nippon Connection 18 die bisher beste. Die Locations mit Mousonturm, Naxoshalle, Mal Seh’n Kino und Filmmuseum passen perfekt, das Rahmenprogramm ergänzt die Filme wunderbar, das Wetter hat mitgespielt und die Filmauswahl war phänomenal. Somit heißt es von mir ganz klar nicht „sayonara“, sondern „mata rainen“, bis zum nächsten Jahr.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem japanischen Filmfestival NIPPON Connection.

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