Maves Aufreger der Woche

RTL, Wotan Wilke Möhring & das Winnetou-Remake

Sie tun es schon wieder.
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"Im Kino Schlafen heißt: dem Film vertrauen."

RTL plant ein Remake der drei Winnetou-Filme und das stört mich massiv. Aufmerksame Leser dieser Kolumne wundern sich jetzt vielleicht: Habe ich an dieser Stelle doch schon oft geäußert, dass mich Remakes an sich nicht aufregen, dass es stets abzuwarten gilt, wie der Film dann letzten Endes aussieht und dass nicht vorschnell geurteilt werden sollte. Daran hat sich per se auch nichts geändert. Ich würde mich über Neuverfilmungen der Karl May-Romane auch sehr freuen - wenn sie nicht von RTL kommen würden. Im Folgenden will ich versuchen, euch zu erklären, warum ich glaube, dass daraus nichts wird.

Die rosarote Brille der Nostalgie

Als kleiner Junge im Grundschulalter habe ich meine Faszination für Bücher entdeckt. Nach Papa im Getümmel, Asterix und Lucky Luke folgten sehr schnell die gesammelten Werke von Karl May. Das verdanke ich meinem Vater, der mir die Bücher leihweise überlassen hatte. Die grün-goldenen Buchrücken haben jahrelang das unterste Regalbrett meines Kinderzimmers geschmückt. Ich habe sie alle gelesen: Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, Old Surehand I und II, Am Rio de la Plata, In den Kordilleren, Durch die Karpaten, Der Schatz im Silbersee und wie sie alle heißen. Selbstverständlich auch Winnetou I-III. Beim letzten Teil der Trilogie musste ich wie viele andere zum ersten Mal beim Lesen eines Buches weinen.

Als ich dann in den Genuss der Filme kam, war ich einigermaßen verwirrt ob der Veränderungen, die dort vorgenommen worden waren. Damals bedeutete mir Werktreue sehr viel und ich war dementsprechend entsetzt. Nichtsdestotrotz habe ich die Filme samt ihrer Veränderungen ins Herz geschlossen. An der Besetzung hatte ich nichts auszusetzen und ich empfand es als äußerst passend, dass Lederstrumpf und Old Shatterhand im Fernsehen scheinbar dieselbe Person waren. Würde ich heute die Filme zum ersten Mal sehen, ohne die Bücher gelesen zu haben, fiele mein Urteil mit Sicherheit anders aus. Aber ich war von Anfang an vorbelastet und bin es ganz offensichtlich immer noch.

Relitätsnähe

Jeder Film stellt ein Kunstwerk für sich dar. Jede Verfilmung eines bekannten Stoffes stellt eine eigene Interpretation dar. Das musste ich anhand der Leinwand-Adaptionen von Michael Crichtons Dino Park und J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe schmerzlich lernen und akzeptieren. Vielleicht wird die RTL-Interpretation von Winnetou auch wirklich total großartig, die Möglichkeit ist (noch) nicht von der Hand zu weisen. Ich wage es aber massiv zu bezweifeln. Das liegt unter anderem daran, dass die Neuauflage "realitätsnah" werden soll. Wie kann eine Karl May-Verfilmung jemals realitätsnah sein, bei allem, was wir mittlerweile über den Autor wissen?

Schließlich hat sich Karl May den riesengroßen Scherz erlaubt, so zu tun, als hätte er all die Geschichten wirklich selbst erlebt. Auf Wikipedia liest sich das Folgendermaßen: "Selten hat ein Autor die von der Literaturtheorie postulierte Grenze zwischen Ich-Erzähler und realem Autoren-Ich ausdrücklicher zu verwischen versucht. Karl May wurde in diesem Zusammenhang Hochstapelei und Pseudologie (zwanghaftes Lügen) vorgeworfen. Der Biograf Helmut Schmiedt spricht in diesem Zusammenhang von einer der 'aberwitzigsten Episoden in der Geschichte der deutschen Literatur: Es stellt sich die Frage, warum ihr Urheber sie erfunden und mit solch existenziellem Elan ausgelebt hat.'" Karl May hatte den Wilden Westen in der Tat nie gesehen, als er über ihn schrieb - realitätsferner geht es kaum. Wie stellt sich RTL also eine realitätsnahe Umsetzung vor?

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