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Wie die Revolution auf den Hund kommt

Sergio Corbuccis Italowestern Mercenario

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28.10.2010 - 08:50 Uhr
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Mercenario
© Koch Media
Mercenario
Ab sofort wird Gastautor Thomas Groh, der als Mitarbeiter einer Videothek sowie Filmkritiker bei der Taz und der Splatting Image arbeitet, an dieser Stelle ungewöhnliche Filme vorstellen, die die DVD-Sammlung eines jeden moviepiloten bereichern würden.

Anmerkung der Redaktion: moviepilot führt eine neue DVD-Rubrik ein: Ab sofort wird sich Thomas Groh darum sorgen, euch wöchentlich einen besonderen DVD-Tipp zu präsentieren, der aus dem Rahmen des Einheitsbreis herausfällt. Groh schreibt für Filmzeitschriften wie Splatting Image, er hat einen eigenen Blog (Filmtagebuch) und veröffentlicht Texte zum Film im Perlentaucher und in der Taz. Nun schreibt er auch für diese nette Webseite. Heute stellt er den Film Mercenario – Der Gefürchtete vor, der endlich auf DVD erschienen ist.

Hallo und guten Tag, ich bin der Neue in der Stadt!

Und wenn ich mich kurz vorstellen darf: Mein Name ist Thomas Groh, ich lebe in Berlin und schreibe dort seit einigen Jahren über Filme. Vielleicht kennt Ihr mich schon von meinem Blog oder meinen Filmkritiken, die ich hier und dort veröffentliche. Der eine oder andere kennt mich vielleicht auch aus der Programmvideothek Filmkunst im Roderich in Berlin/Kreuzberg, wo ich als Cryptkeeper über manche Schätze auf silbernen Scheiben wache (und diese gelegentlich sogar herausrücke). Als Hired Hand werde ich bei moviepilot fortan im wöchentlichen Rhythmus beachtenswerte DVDs vorstellen. Dabei soll uns nicht die Tagesaktualität das Programm diktieren, sondern allein diejenigen Filme, die ihren Platz in der sorgfältig geführten Filmsammlung auch wirklich wert sind. Und da viele großartige Filme es oft gar nicht erst auf den deutschen Markt schaffen, wollen wir solche Beschränkungen zumindest gelegentlich fröhlich hinter uns lassen. Gute Filme schaut man eh im Original – und Eigenimporte sind heutzutage auch nicht mehr schwieriger (oder gar teurer) als simple Buchbestellungen bei den üblichen Verdächtigen.

1968 – Revolutionen auch im Kino

Unsere erste Filmexkursion führt uns ins Jahr 1968. In den Metropolen des Abendlandes brodelt es – eine neue Generation wagt den Aufstand wider das System. In den zynischen Geschichten des Italowesterns, mehr noch in dessen Subgenre des an der mexikanischen Grenze spielenden Revolutionswesterns, findet der Zeitgeist umgehenden cineastischen Widerhall. Vor diesem Hintergrund dreht Sergio Corbucci den Film Mercenario – Der Gefürchtete, der seinerzeit wie eine Abrechnung mit der in sinnlose Rituale umzukippen drohenden Gegenkultur gewirkt haben muss.

Der Söldner Kowalski (Franco Nero), genannt “der Pole”, arbeitet in den Wirren der mexikanischen Revolution vor allem auf eigene Rechnung. Für ihn zählt, wer wie viel zahlt. So gerät er an den leicht tumben Paco Roman (Tony Musante) und seine mexikanischen Banditen, die sich zwar diffus “Revolutionäre” nennen, sich aber in erster Linie für Raub und Beute interessieren. Als Pacos taktischer Ratgeber lässt sich Kowalski fürstlich entlohnen und gibt Paco regelmäßig der Lächerlichkeit preis. Als dieser den Possen des “Polen” nicht mehr zusehen will, eskaliert die Situation.

Ideale sind der Dünger…

“Ideale sind der Dünger auf dem Friedhof”, heißt es an einer Stelle. Mit beinahe melancholischem Blick zeigt Corbucci, wie die Revolution auf den Hund kommt: Während Pacos Banditen sich zu Beginn noch aus den Klauen eines drakonischen Landbesitzers befreien, landen sie alsbald unter den Fittichen des “Polen”, der nun seinerseits die Hand aufhält, gegen und das schon deshalb, weil sie selbst nicht recht wissen, für oder gegen was sie da revoltieren. In der schönsten Szene des Films ist es ausgerechnet Kowalski selbst, der Paco anhand eines nackten Frauenkörpers in die Grundlagen der Revolutionstheorie einführt: Der Kopf, das sind die Mächtigen, der Arsch, das sind die Unterdrückten – dazwischen ist der Mittelbau und der verhindert, dass der Arsch sich an die Stelle des Kopfes setzt. Dass es mit einer Revolution nicht weit her sein kann, wenn der Söldner dem Idealist das Handwerk erklärt, liegt auf der Hand. Doch liegt gerade in dieser Szene – Corbucci filmt sie intim in Close-Ups auf die Gesichter – auch die Ahnung einer Freundschaft und die Geste der Solidarität: Der Aufstand – auch der vor den Kinos des Jahres 1968 – mag zu einer ritualisierten Geste, zu einem orientierungslosen Selbstläufer geronnen sein. Doch noch ist nicht alle Hoffnung aufgegeben. Auch das offene, versöhnlich stimmende Ende lässt den Schluss zu, dass Corbucci keinen Abgesang im Sinn hatte.

Anders als sein Namensvetter Sergio Leone arbeitete Corbucci nicht an einer sich in Meisterwerken fortschreibenden Filmografie. Neben vielen uninteressanten Filmen findet man bei ihm vorrangig routiniertes Handwerk – aber eben auch den einen oder anderen rohen Diamanten: Mit Django schenkte er dem Italowestern (1966) einen seiner wichtigsten Antihelden und mit Leichen pflastern seinen Weg (1968) den vielleicht düstersten und sicher einen der besten Genrebeiträge. Dass Mercenario – Der Gefürchtete nicht ganz in diese Liga aufsteigt, mag auch daran liegen, dass Corbucci hier weniger konzentriert vorgeht. Seine Geschichte franst gelegentlich leicht aus, betont das Episodische und ist immer wieder auch mit leicht schelmischen Unterton erzählt. Morricones an mexikanischer Folklore orientierter Soundtrack tut sein Übriges: Dem ernsten Anliegen zum Trotz ist Mercenario – Der Gefürchtete ein schönes, ehrliches, wertig erstelltes Stück Unterhaltungskino europäischer Machart, das aus der breiten, kaum überschaubaren Menge der italienischen Western weit herausragt.

Eine hervorragende DVD-Edition

Dass man dieses Schmuckstück des Italowesterns nun endlich in adäquater Form wieder entdecken kann, ist ein echtes Verdienst vom Programmanbieter Koch Media. Lange Zeit lief der Film zwar regelmäßig, aber nur geschnitten im Nachtprogramm der “Dritten Programme”. Jetzt liegt er in einer äußerlich wie inhaltlich rundum ansprechenden Edition vor, die zudem noch sehr schönes Bonusmaterial versammelt: Eine dreiviertelstündige, eigens produzierte Featurette bringt nochmals einige Leute des ursprünglichen Teams vor die Kamera, die mit sichtlicher Freude zahlreiche Anekdoten und Hintergrundinformationen zu den Dreharbeiten zum Besten geben – eine schöne, mit zahlreichen Ausschnitten und historischen Materialien unterfütterte Zeitreise! Für ein zweites Feature wurden nochmals die Drehorte in Spanien besucht und den Aufnahmen aus dem Film gegenüber gestellt. Ein Booklet mit einem ausführlichen Text zu den Hintergründen der Produktion von Westernexperte Mike Siegel rundet die Edition schließlich gelungen ab, an der für Filmsammler im Allgemeinen, und Italowestern-Freunde im Besonderen kein Weg vorbeiführt! Kurz: Ein Highlight des laufenden DVD-Jahrgangs!

Zu kaufen gibt es die DVD beispielsweise auf amazon.de für 13,99 Euro.

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