Wie war der Tatort heute?

Tatort: Gier - Eine Seifenoper für den Wendler-Clan

Tatort: Gier
© ORF/rbb
Tatort: Gier

Wenn dem Bösewicht die Katze übers Bein streicht wie einst Harry Lime im Schatten eines Wiener Hauseingangs, steht Subtilität weiter unten auf der To-Do-Liste der Tatort-Autoren. Tatsächlich gibt es in Tatort: Gier aus Wien nie einen Zweifel, dass der Firmenerbe Peter Wendler (Anian Zollner) hinter den Mauern einer Psychiatrie ein perfides Spiel spielt. Das mag daran abzulesen sein, wie Anian Zollner durch die Szenerie walzt, ganz der charismatische Beelzebub, der seine Intentionen hinter einer dicken Schale wienerischer Höflichkeit verbirgt. Oder wie er in einer Szene Insassen beim Musizieren anleitet und in der nächsten der Score dieses Tatorts ihm zu folgen scheint. Aber so viel Interpretationsleistung ist hier gar nicht von Nöten. Im imaginären Listicle der "37 Hinweise darauf, dass dir ein Tatort-Bösewicht gegenüber steht" findet sich "wirft mit einem Tennisball nach dem Bild seiner Ehefrau" sicher in der Top Ten.

Es hat durchaus seinen Reiz, Zöllners Peter Wendler dabei zuzusehen, wie er über die Geschicke seiner Ehefrau und ihres Geliebten schaltet und waltet. Auf solch einen sinistren Antagonisten treffen Tatort-Kommissare schließlich selten. Aber darin mag die Krux dieses Krimis aus Wien zu finden sein. Denn über weitere Strecken wirkt Tatort: Gier, als hätten wir zum ersten Mal eine seit 11 Jahren laufende Daily Soap eingeschalten und den interessantesten Teil verpasst. Den Teil, der sich im viel versprechenden und wenig liefernden Titel versteckt. Denn vor Jahren war Peter Wendler offenbar ein kapitalistischer Idealist, der die Produktionsstationen seiner global agierenden Firma mit fairen Arbeitsbedingungen segnen wollte. Oder, um es mit den Worten seiner Frau auszudrücken, "den Bezug zur Realität verloren hat". Die Gier aus dem Titel lässt sich in dieser Hintergrundgeschichte erahnen, die zu Wendlers Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie führen sollte. Stattdessen erwartet uns eine Seifenopern-Verschwörung, die sich formal offenbar für einen Wirtschaftsthriller hält, so redundant wird der Split-Screen gebraucht.

Wirklich bedauerlich bleibt indes, dass dieses Konzept Bibi (Adele Neuhauser) und Moritz (Harald Krassnitzer) zu Nebendarstellern in ihrem eigenen Tatort verdammt. Obwohl die Ausgangssituation - das Patenkind ihres Chefs Rauter stirbt nach einem Chemie-Unfall - die gewohnte Dynamik des Wiener Teams durcheinander rütteln könnte. Wem es nach verkommenen österreichischen Wirtschaftsmagnaten dürstet, der ist bei Der letzte Sommer der Reichen besser aufgehoben. Immerhin versucht Peter Kern gar nicht erst, das amoralische Treiben seiner "Helden" mit einem seriösen Anstrich an den Mann/die Frau zu bringen.

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Zitat des Sonntags: "Die Gier is a Hund."



Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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