Tickets für lau – Die Flatrate als Rettung des Kinos

Kino jeden Tag (Abbildung ähnlich)
© Ascot Elite
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Meint es gut mit den Menschen.

Der Kinosommer 2017 läuft nicht. In den USA liegen die Einnahmen bislang 12 Prozent hinter denen des letzten Jahres zurück, das seinerseits schwächer war als das vorherige. An der Börse schlug sich der Besucherrückgang entsprechend nieder, die vier größten amerikanischen Kinoketten beklagen derzeit einen Marktwertverlust von 1,3 Milliarden Dollar. "In den vergangenen 30 Jahren waren die Aussichten für das Kinogeschäft nie schlechter", zitierte Variety schon 2016 prominente Medienanalytiker und Box-Office-Experten. Es gebe eine Verschiebung der Art, wie Inhalte konsumiert würden, weg von der großen Leinwand und hin zu anderen Medien. Die Streaming-Revolution bedroht nicht nur DVD und Blu-ray, sondern insbesondere das Kino – welches mit unattraktiven Filmen zu noch unattraktiveren Preisen tatkräftige Unterstützung leistet.

Ein simples Modell

Zumindest letzterem könnte nun ein drastischer Preissturz des US-Kinoticketdienstes MoviePass entgegenwirken. Das Unternehmen, gegründet 2011, ermöglicht seinen Abonnenten tägliche Kinobesuche zum Monatspreis von 9,95 Dollar – umgerechnet gerade mal 8,50 Euro und weniger als der großstädtische Preis einer einzelnen Kinokarte. Die Regeln des Modells sind simpel: Gesehen werden darf ein Film pro Tag, Reservierungen laufen über die eigene App, Zuschläge für 3D-Vorstellungen und andere Premium-Formate exklusive. Was der Kunde einspart (und das ist ziemlich viel, ein Abo rentiert sich schon beim ersten Gebrauch), gleicht MoviePass gegenüber Betreibern aus. Ganz richtig: Der Dienst erstattet Kinos den Differenzbetrag des eigentlichen Ticketpreises, wird also, ähnlich wie Netflix, zunächst viele Schulden und erst auf lange Sicht Profit machen.

Teilgewinne verspricht sich MoviePass durch den Weiterverkauf der Nutzerdaten ans Unternehmen Helios and Matheson Analytics, das sich detaillierte Informationen darüber, wann welcher Film wo gesehen wird, einiges kosten lassen dürfte (Branchenmagazinen zufolge wolle man "Sehgewohnheiten studieren"). Für manche mag die Sache somit einen Haken haben, auch wenn sich über Sensibilität und Relevanz der Statistiken streiten ließe. Im datenschutzrechtlich stets höchst alarmierten Deutschland würde die transparent gemachte Praxis wahrscheinlich auf wenig Verständnis stoßen – ungeachtet der Tatsache, dass auch ohne Beteiligung ausländischer Firmen hier Kundenverhalten ausgewertet und von einer Adresse zur nächsten gereicht wird. Eine dahingehend bedenkenlose Nutzung von Online-Diensten kann es vielleicht gar nicht mehr geben.

Öffnung des Kinos

Der Andrang jedenfalls ist groß, Website und App von MoviePass sind seit Bekanntgabe der Preisänderung überlastet. Mit 20.000 Kunden war der Dienst bisher keine nennenswerte Größe, zuletzt kostete sein Service monatlich 50 Dollar, in manchen Regionen auch das Doppelte. Trotzdem (oder gerade deshalb?) beteiligten sich in den vergangenen Jahren über 90 Prozent der US-Kinos am Angebot, einschließlich aller marktführenden Ketten. Der weltweit größte Kinobetreiber AMC geht nun jedoch auf Distanz. Er setzt wenig Vertrauen in das neue Geschäftsmodell und befürchtet einen Wertverlust: Besucher würden sich an unrealistische Preise gewöhnen und künftig nicht mehr bereit sein, angemessen für Kino zu bezahlen. Nach dem offenbar unausweichlichen Scheitern von MoviePass hätte die Branche mit bleibenden Schäden zu kämpfen.

Nachvollziehbare Bedenken, einerseits. Als soziale Öffnung des privilegierten Erlebnisraums Kino ist das zugkräftige Angebot aber zweifellos bemerkenswert. Es gewinnt Menschen an jenen Ort zurück, für den Filme (laut einer bekannten deutschen Werbekampagne) gemacht sind. Menschen, die sich Kinobesuche nicht leisten können oder angesichts hoher Kosten auch nicht mehr leisten wollen (neben Aufpreisen für Sonderformate gibt es mittlerweile undurchsichtige Filmaufschläge). Menschen vor allem, die sich aufgrund günstiger Streaming-Dienste kaum noch für Kinobesuche motivieren lassen. MoviePass ist eine dringend nötige Alternative zum Filmegucken daheim, die finanzielle Gegenargumente komplett pulverisiert (mit der Pointe übrigens, dass MoviePass-Chef Mitch Lowe zu den Mitbegründern von Netflix gehörte).

Besucherrückgang auch hierzulande

Das neue Konzept lässt sich demnach als Kampfansage verstehen. Es macht sich den preislich einheitlichen und dadurch lukrativen Service der großen Video-on-Demand-Anbieter zueigen, um für ein unmissverständliches Mehr an Kino zu plädieren. Das Unternehmen scheint der (wie wir nun wissen: nicht so unrealistischen) Prognose von Steven Spielberg und George Lucas, die 2013 einen Kollaps des Tentpole-Kinos voraussagten, wenigstens hinsichtlich der drohenden Premiumisierung widersprechen zu wollen – große Filme, hieß es damals, könnten irgendwann nur noch zu großen Preisen gesehen werden ("25 Dollar für Iron Man 3"), kleinere hätten das Nachsehen. Auswirken dürfte sich der MoviePass auch mit Sicherheit auf die aktuelle Diskussion um Luxus-Streaming, also das preisintensive Verfügbarmachen neuer Filme kurz nach Start.

Hierzulande gibt es verschiedene Flatrate-Angebote, natürlich allesamt nicht so günstig wie MoviePass. Die UCI Kinowelt bietet eine "Unlimited Card" für monatlich 22,50 Euro, bei den Berliner Yorck-Kinos sind unbegrenzte Besuche regulärer Vorstellungen für 18,90 Euro möglich (Mindestvertragslaufzeit in beiden Fällen: 12 Monate). Das CinemaxX stellt goldene (ein Jahr für 399 Euro) und silberne (6 Monate für 249 Euro) Kundenkarten zur Verfügung, schneidet im Vergleich aber eher teuer ab. Solche Flatrates und Rabattsysteme zeigen, dass Kinos auch in Deutschland erfinderisch um Besucher werben müssen. Nur noch 121 Millionen Kinotickets wurden hier 2016 verkauft, 18 Millionen weniger als im Vorjahr – und weit entfernt vom jüngeren Spitzenwert 2001 (178 Millionen Kinobesucher). Wäre es ein German MoviePass da nicht wert, ausprobiert zu werden?

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