Streaming ist keine Alternative zu DVD und Blu-ray

Prestigefilm Okja, zu sehen nur auf Netflix
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Prestigefilm Okja, zu sehen nur auf Netflix
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Meint es gut mit den Menschen.

Unter Kinovertretern wie –Freunden ist Okja, der Netflix-Film mit dem Riesenschwein, das vor der Schlachtung gerettet werden soll, seit Monaten Gegenstand einer Diskussion um exklusive Vertriebswege von Streaming-Produktionen. Für reichlich Unmut sorgte die nicht sehr überraschende Entscheidung des Video-on-Demand-Anbieters Netflix, seinen Abonnenten den Film ohne vorherige Kinoauswertung direkt zur Verfügung zu stellen: Okja hätte unbedingt auf die große Leinwand gehört, hieß es aus ganz unterschiedlichen Gründen schon vor der Weltpremiere in Cannes. Und seit der internationalen Veröffentlichung vergangenen Monat sowieso.

Eine untergeordnete Rolle scheint in der Debatte die Frage nach der Verfügbarkeit von Streaming-Titeln zu spielen, die zwar unmittelbar auf entsprechenden Plattformen, sonst aber nirgendwo zu sehen sind. Nicht-serielle Netflix-Eigenproduktionen gibt es als DVD oder Blu-ray weder zu kaufen noch zu leihen – und ihre Ausstrahlung im Fernsehen ist noch unwahrscheinlicher als ein Kinostart. Es widerspräche dem Selbstverständnis der Streaming-Produzenten, würden sie eigene Videoinhalte nicht nur rein virtuell, sondern auch über optische Datenspeicher verbreiten. Die anbietergebundene Distribution entsprechender Titel empfiehlt, oder empfiehlt sich eben nicht, als systematische Zugangsbeschränkung.

Temporäre Auswahl

Bei einem Prestigefilm wie Okja, mit dem Netflix selbstredend Neukunden akquirieren und für das richtungsweisende Veröffentlichungsmodell werben möchte, ist diese Praxis zumindest marktstrategisch nachvollziehbar. Wer ihn sehen will, hat keine legale Alternative zu einem Abonnement, das viele Filmfreunde ohnehin (pflichtschuldig) besitzen. Durchschnittliche Nutzer dürften es kaum bedauerlich finden, sich Okja nicht ins Regal stellen zu können, der Film ist schließlich immer abrufbereit, gefühlt darf ihn jeder Netflix-Kunde sein eigen nennen. Wenn in DVD-Kollektionen eine Lücke unter S wie Scorsese klafft, weil The Irishman ein Netflix-Only-Film ist, interessiert das sicherlich die wenigsten.

Etwas anders verhält es sich hingegen mit Fremdinhalten. Lizenzierte Filme, für deren Streaming-Rechte oft exklusive Deals mit Studios ausgehandelt werden, sind bei fast allen Anbietern nur eine begrenzte Zeit verfügbar. Der rotierende Netflix-Katalog eignet sich hier nicht als Online-Sammlung, auf die verlässlich zugegriffen werden kann, sondern bietet lediglich eine temporäre Auswahl. Gehören bestimmte Titel nicht länger zum Programm, bleibt nur die Hoffnung, auf anderen Video-on-Demand-Plattformen fündig zu werden. Je anspruchsvoller dabei die Vorlieben, desto weniger bequem und günstig kann Streaming-Nutzung sein.

Rückläufige Verkaufszahlen

Menschen, deren Geschmack über das im Streaming-Dschungel relativ vollständig repräsentierte Mainstream-Kino hinausgeht, suchen bei vielen Anbietern vergeblich nach spezielleren Filmen und Nischentiteln. Großstädtische Videotheken und Büchereien sind noch immer besser sortiert als übliche Streaming-Dienste – und in der Regel auch preiswerter als das gegenüber Amazon Prime und Netflix zwar deutlich vielfältiger aufgestellte, aber auch teurere Angebot von leih- oder kaufbaren Titel bei Amazon Instant Video, den Amazon Channels oder iTunes.

Die Tage des Verleih- und Verkaufsgeschäfts jedoch sind bekanntlich gezählt, das Interesse an physischen Medien schwindet. Wurden hierzulande 2009 rund 107 Millionen DVDs verkauft, lag die Zahl 2016 nur noch bei 60 Millionen. Der immer schon kleinere Absatz von Blu-rays ging im letzten Jahr auf 26 Millionen Einheiten zurück, 2015 waren es knapp 29 Millionen. In den USA ist diese Entwicklung schon viel weiter vorangeschritten, in Großbritannien haben legale Downloads und Video-on-Demand das Geschäft mit DVDs und Blu-rays bereits überholt. Fast überall steht den Umsatzeinbußen beim Handel mit physischen Medien ein rapides Wachstum des Streaming-Marktes gegenüber.

Schlechtere Bild- und Tonwiedergabe

Nennenswerte Versuche, der Streaming-Revolution diesbezüglich etwas entgegenzuhalten, gibt es nur wenige. 3D-Fernsehen, das vielleicht letzte Aufbegehren der klassischen Heimkinobranche, gilt als gescheitert, seit die Herstellung der entsprechenden Geräte im vergangenen Jahr eingestellt wurde. Ultra HD Blu-rays locken derweil mit Filmen in "4K-Auflösung". Als recht kostspieliges und auf überschaubare Titel beschränktes Format dürften sie eine Sache von Liebhabern bleiben und sich noch weniger durchsetzen als die reguläre Blu-ray – obwohl sie dem Ultra-HD-Streaming von Netflix und Amazon deutlich überlegen sind.

Dort nämlich befindet sich die tatsächliche Qualität vermeintlicher UHD-Streams zum Teil unterhalb des Niveaus von 1080p-Auflösungen gewöhnlicher Blu-rays. Was Nutzer dann für ein 4K-Erlebnis halten, ist lediglich das Produkt komprimierter Daten, weil viele Internetleitungen UHD bislang schlicht nicht bewältigen können (schon bei normalem HD-Bild sind abrupte Qualitätswechsel geläufig, sobald es zu Verbindungsschwankungen kommt). Technisch bleibt somit auch hochwertiges Streaming noch hinter den Möglichkeiten optischer Datenspeicher zurück, in der Bild- ebenso wie der Tonwiedergabe. Mit Dolby True HD und DTS-MA kann Streaming-Sound erst recht nicht mithalten.

Intensivere Seherfahrungen

Den wesentlichsten Vorteil von DVDs und Blu-rays bilden allerdings nach wie vor deren Features. Erhellendes Bonusmaterial (Regiekommentare, nicht verwendete Szenen, unterschiedliche Schnittfassungen) oder auch amüsante Zusatzoptionen (Picture-in-Picture-Funktionen, Infountertitelspuren, Easter Eggs) können dem Genuss eines Films und der Auseinandersetzung mit ihm zuträglich sein. Gut ausgestattete Veröffentlichungen ermöglichen intensivere Seherfahrungen und Zugänge, die vor dem DVD-Zeitalter so nicht möglich waren. Streaming kehrt in dieser Hinsicht gewissermaßen zur VHS zurück.

Die großen Studios verwenden gleichwohl kaum noch Mühe auf die Gestaltung ihrer an Popularität verlierenden physischen Medien. Längst sind randvoll bepackte DVD- und Blu-ray-Editionen sowie liebevolle Sammlerausgaben eine Besonderheit spezieller Labels aus den USA (Kino Lorber), Großbritannien (Arrow Video) oder auch Deutschland (Subkultur-Entertainment). Mit beispielloser Sorgfalt und filmhistorischer Kuration richten sich vor allem die cinephilen Heimkinoproduzenten Criterion und Eureka an eine Kundschaft, die im Streaming-Geschäft bislang weitgehend unberücksichtigt bleibt.

Man muss die beiden Dinge deshalb nicht gegeneinander ausspielen. Streaming hat seinerseits Annehmlichkeiten, es ist unkompliziert und bequem, zeit-, platz- und je nach Bedarf auch kostensparend. Wer das nur wenige Klicks entfernte Filmschauen einer vielleicht tatsächlich überholten Romantik vom haptischen Verhältnis zu Medien vorzieht, tut das eben aus Gründen. Streaming macht Datenspeicher keinesfalls hinfällig, genauso wie es umgekehrt nicht mehr zwingend DVDs und Blu-rays fürs Heimkino braucht. Im Idealfall würde das eine das andere ergänzen, statt es zu marginalisieren oder sogar zu ersetzen. Ganz besonders, so lange es noch ein großes qualitatives Gefälle gibt.

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