Christian Ulmen

Ulmen.tv - eine kompromisslose Lobhudelei

Alexander von Eich (Christian Ulmen) mit Schützlingen
© Ulmen.tv
Alexander von Eich (Christian Ulmen) mit Schützlingen

Demnächst wird Hape Kerkeling in Horst Schlämmer – Isch kandidiere! als schmieriger Lokalreporter um Unterstützung für seine Bundestagskandidatur werben, und hier und da fallen angesichts dessen Vergleiche mit Bruno-Darsteller Sacha Baron Cohen. Kerkeling in allen Ehren, aber die Zeiten als er mit Nummern wie Hurz oder Königin Beatrix noch die Dreistigkeit mitbrachte, die diese Form der Komik erst großartig macht, sind vorbei. Kerkelings Horst Schlämmer ist eine hervorragend entwickelte Comedyfigur aber zu bekannt und im Grunde seines Herzens zu brav, um noch ernsthaft subversives Potenzial zu entwickeln. Was halbdokumentarische Satire angeht, trägt die Fackel in Deutschland längst ein anderer weiter: Christian Ulmen. Auf der Website Ulmen.tv, einem Ableger des Comedyportals Myspass veröffentlicht er in Eigenregie Clips, in denen er mit nervtötenden Figuren aus der Fernsehsenundung Mein neuer Freund Jagd auf arglose Bürger macht, und das auf einem Niveau, das ausnahmsweise den Vergleich mit britischen Kollegen wie Baron Cohen nicht zu scheuen braucht.

Ulmen, der schon als Zwölfjähriger Briefe an Radiosender schrieb und darum bettelte, das Wetter vorlesen zu dürfen (was ihm dann auch gelang), hatte in seinem zwanzigsten Lebensjahr einfach unverschämtes Glück: Ein Talentscout von MTV war geschäftlich in Hamburg, zappte zufällig in Ulmens Sendung auf dem offenen Kanal und war so begeistert, dass er den jungen Mann mehr oder weniger vom Fleck weg nach London holte, um ihn dort die – anfangs noch englischsprachige – Sendung HOT moderieren zu lassen. Nach der Lokalisierung des MTV-Programms folgte das deutschsprachige Format Unter Ulmen und andere Reihen, in denen Christian Ulmen anarchischen Humor auf hohem Niveau kultivieren durfte. Er war so eine Art Stefan Raab für Intellektuelle.

Kurz bevor es komplett den Bach runterging mit dem deutschen Musikfernsehen und auch Ikonen wie Charlotte Roche kurzerhand gefeuert wurden, schaffte Ulmen den Absprung ins Kino. Nach einer kleinen Rolle als arroganter Musikjournalist in Verschwende deine Jugend von Benjamin Quabeck spielte er als Herr Lehmann seine erste Hauptrolle unter der Regie von Leander Haußmann. “Es war mein Plus, dass ich als Moderator Spartenfernsehen gemacht habe und für Regisseure wie Leander Haußmann noch nicht verbrannt war. Weil sie mich nicht kannten.” mutmaßt Ulmen über die damalige Zeit, “Ein Moderator vom Musikfernsehen, der neuerdings schauspielt, wird natürlich kritisch beäugt. Film, das ist was Seriöses, und da kann man doch nicht so einen Fernsehdödel besetzen!”

Inzwischen hat sich Christian Ulmen mit Rollen in so unterschiedlichen Filmen Elementarteilchen oder Der Fischer und seine Frau und FC Venus – Elf Paare müsst ihr sein mit Ex-MTV-Kollegin Nora Tschirner als feste Größe auch im “seriösen” deutschen Kino etabliert. Aktuell ist er in Maria Maria, ihm schmeckt’s nicht! mal wieder als sympathischer Durchschnittstyp zu sehen.

Den anarchischen Humor aus MTV-Zeiten setzte er in der Pro-Sieben-Sendung Mein neuer Freund fort. Die Sendung, in der den Kandidaten 10.000 Euro winkten, wenn sie es ein Wochendende lang durchhielten, ihren Verwandten und Bekannten ein jeweils von Christian Ulmen verkörpertes penetrantes Riesenarschloch als neuen besten bzw. festen Freund vorzustellen, floppte beim Release und wurde sofort nach dem Piloten wieder gekippt, was eine in der deutschen Medienlandschaft bislang beispiellose konzertierte Protestaktion von Fans im Internet auslöste. Die Verantwortlichen beim Sender wurden mit Protestmails bombadiert und nahmen das Format wieder ins Programm, wo es dann auch letztlich passable Quoten erzielte. Richtig große Erfolge feierten die Folgen allerdings nach der Ausstrahlung im Internet – zunächst als kurzzeitig legal angebotene Downloads und dann auf dem Portal Myspass. Dies bewog Ulmen zur Entscheidung, sein an diese Show angelehntes Projekt Ulmen.tv direkt im Netz zu veröffentlichen. “Es ging mir darum, nicht mehr jedem Programmverantwortlichen klar machen zu müssen, warum ich was witzig finde. Ich kann jetzt selber entscheiden, wann mir eine Quote oder Klickzahl zu niedrig ist.”

In einem Verein von Bescheidwissern und Risikoverweigerern wie dem deutschen Fernsehen hätte es ein so unberechenbares Konzept vermutlich noch nicht mal bis zum Piloten geschafft. Von Christian Ulmen in Eigenregie ins Netz gebracht wurde es zum Achtungserfolg. “Ich habe eine Million Klicks im Monat”, freut er sich, “Aber eine Million Zuschauer bei einer Pro7-Sendung am Abend, das ist wirklich wenig. Die Maßstäbe verschieben sich derzeit. Ich weiß, dass sich eine Million Menschen bewusst auf meine Seite begeben haben. Das sind Aktivisten, keine passiven TV-Glotzer.” Vor kurzem erschien ein Best of Ulmen.tv auf DVD.

Wo Kerkeling alias Schlämmer die Leute nur nett in die Seite knufft, und deshalb auch irgendwo von allen gemocht wird, geht Christian Ulmen dahin, wo’s weh tut, und stellt seine Gegenüber auf die Probe ohne Angst, anzuecken. So führte er als junger Gutsbesitzer Alexander von Eich mit Evrim Baba, einer Abgeordneten der Linkspartei, ein ausführliches Gespräch, in dem er der Dame unter anderem in einer Parabel über “Fische mit Stacheln” und “Fische mit Zähnen” eine unverhohlene astreine Naziideologie auftischte und beim Reden über “ausländischen Mitmenschen” das “-menschen” mit demonstrativem Sarkasmus artikulierte. Baba antwortete höflich und zaghaft mit politischen Standardphrasen, statt das einzig angemessene zu tun: von Eich ins Gesicht zu sagen, dass er ein borniertes faschistoides Arschloch sei und das Gespräch zu beenden. Das tat sie erst, als von Eich es wagte, wie diverse Journalisten vor ihm, die Linkspartei mit der NPD zu vergleichen und sie sich persönlich angegriffen fühlte.

In anderen Clips führt von Eich eine (fiktive) Prekariatsfamilie Gassi, die er gönnerhaft bis verächtlich behandelt. Die mit solchem Verhalten konfrontierten Gegenüber demonstrieren im besten Fall mangelnde Zivilcourage, indem sie den vermeintlich Adeligen schlicht gewähren lassen mit seiner Menschenverachtung; nicht selten fühlen sie sich allerdings, wie die streikenden Polizisten auf dem Alexanderplatz, durch von Eichs Vorbild berechtigt, ihren Ressentiments gegenüber sozial Schwächeren freien Lauf zu lassen. Auf ähnliche Weise sah der Bürgermeister des bayerischen Örtchens Chamerau keinen Grund, gegenüber dem gammeligen norddeutschen Liedermacher Knut Hansen alias Christian Ulmen seinen als Kleinbürgerlichkeit getarnten Rechtsextremismus zu verbergen und freute sich lautstark, wie wenig Ausländer und Schwule es doch in seiner Gemeinde gebe, denn in Chamerau, da sei “die Welt noch in Ordnung!” – “So, wie der über Asylbewerber geredet hat”, resümiert Ulmen, “hätte er ja eigentlich sagen müssen: Einen stinkenden Entertainer wie Sie wollen wir in unserem schönen CSU-regierten Dorf nicht haben. Aber plötzlich gibt es da einen Schulterschluss, mit dem ich nie gerechnet hätte.”

Selbstverständlich hält sich auch bei einigen Clips auf Ulmen.tv das aufklärerische Potenzial in Grenzen. Der Humor steht zu jeder Zeit im Vordergrund, die entlarvende Sozialkritik ist das gern gesehene Nebenprodukt. “Wenn wir unsere Figuren aushecken, dann muss man sich da eine Gruppe infantiler Leute vorstellen, die schlicht und ergreifend Spaß daran haben zu gucken, was passiert, wenn ich mit Knut, diesem stinkenden Typen, ins erzkonservative Bayern gehe”, gesteht Christian Ulmen. Auch seine bloße Schauspielkunst beim Darstellen der Figuren macht einen großen Teil der Qualität seiner Clips aus. Ulmens erfolgreichste Figur, der notgeile aber kontaktscheue Nerd Uwe Wöllner (der unlängst seine Autobiographie als Buch veröffentlicht hat), ist gerade deshalb so lustig, weil er einen sichtbaren menschlichen Kern hat, weil er den Zuschauern mitunter fast leid tut und nicht als Schablone erscheint, nicht als Karikatur, sondern als – in einzelnen Details sorgsam überzeichneter – komplexer Charakter. Die alte Weisheit, dass wahre Komik nur da entstehen kann, wo es den Machern mit ihrer Sache bitterernst ist, gilt auch hier.

Ulmen nimmt seine Figuren ernst – und auch seine Gegenüber. Einen Dreh als Knut Hansen im Altersheim brach er ab. “Da saßen fast nur Menschen jenseits der 90, teilweise im Rollstuhl, mit Schläuchen in den Armen. Das war ein Punkt, da konnte ich als Knut nicht mehr fröhlich drauf los provozieren.” So fragte er einfach nach den Musikwünschen der Senioren “Und am Ende sangen wir alle gemeinsam ‘Von den blauen Bergen kommen wir’”.

Christian Ulmen führt die Menschen in seinen Clips nicht vor. Er gibt ihnen lediglich Gelegenheit, sich selbst vorzuführen. Viel zu viele nehmen diese Gelegenheit bereitwillig wahr.

Im Augenblick arbeitet das Team von Ulmen.tv an neuen Figuren, da die bestehenden zu bekannt werden. Einen Testlauf startete er Ende Juli als Bayern-Fan Frerk Ohm in einer Werbekampagne für Adidas. Mit dem Format Ulmen.tv will er dem Netz treu bleiben. “Ich glaube nicht, dass das Fernsehen das Internet momentan als Konkurrenz ernst nimmt oder gar als Bedrohung sieht”, meint er, “Die Sender sollten diese Angst allerdings haben. MTV und Viva sind das beste Beispiel. Musikssender schauen findet ja heute unter den Jugendlichen kaum noch statt. Deren Leitmedium ist das Netz. Das ist jetzt kein Abgesang auf das Fernsehen. Aber es wird neue Arten des Guckens geben.”

Wörtliche Zitate von Christian Ulmen stammen aus diesen Interviews:
Im Netz hat Christian Ulmen die große Freiheit – Welt Online
Es fehlt Zivilcourage – Fr-Online
Mich langweilt reiner Gesang – Faz.Net
Die Ironie, nun ja, ist vorbei – Süddeutsche.de

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