Warum Angst essen Seele auf mehr als eine ungewöhnliche Lovestory ist

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Heute läuft Angst essen Seele auf bei 3sat um 22:30 Uhr im Free-TV. Zu diesem Anlass haben wir ein altes Herz für Klassiker wieder hervorgeholt:

Angst essen Seele auf gilt bis heute als eines der bedeutendsten Werke von Rainer Werner Fassbinder und ist einer der wichtigsten Filme des Neuen Deutschen Kinos, zu dessen Durchbruch der Film auch im Ausland wesentlich beigetragen hat. Denn mit dem in Cannes gefeierten Melodram fasste der Regisseur thematisch ein heißes soziales Eisen an und stellte anhand einer ebenso einfühlsamen wie einfachen Liebesgeschichte Mechanismen emotionaler Abhängigkeiten und sozialer Unterdrückungen dar und übt so auf eindrucksvolle Weise Kritik an den bestehenden Zuständen.

In Angst essen Seele auf trifft die 60-jährige Emmi (Brigitte Mira) eines Abends auf einen marokkanischen Gastarbeiter, den alle Ali (El Hedi ben Salem) nennen. Das Unglaubliche passiert, denn bald schon gehen Ali und Emmi eine Liebesbeziehung ein und heiraten sogar, was aber bei ihrem Umfeld von der Familie über die Arbeitskolleginnen bis hin zum örtlichen Ladenverkäufer für Empörung sorgt. Doch ausgerechnet als der äußere Druck endlich abnimmt, kommen innere Konflikte der Beziehung zum Vorschein und stellen die Ehe auf eine harte Probe.

Deshalb ist Angst essen Seele auf auch heute noch interessant

Mit seinem Melodram bezog sich Rainer Werner Fassbinder auf den Film Was der Himmel erlaubt von Hollywood-Regisseur Douglas Sirk, dessen Bewunderer er war. Fassbinder hatte mehrere von Sirks Werken neu interpretiert, aber mit Angst essen Seele auf zeigte er besonders eindrucksvoll auf, wie zeitlos die Sozialkritik des Films war, indem er eine ähnliche Geschichte – eine unstandesgemäße Liebe, die von der Außenwelt kritisch beäugt wird – in einen eigenen Rahmen setzte und ihr so neue Facetten abgewann. Denn Fassbinder hat nicht nur die Handlung nach Deutschland verlegt, sondern auch die Konstellation der unerhörten Liebschaft ins Extreme gesteigert. Denn dadurch, dass er Brigitta Mira zur Protagonistin seines Filmes machte, ging er gleich ein doppeltes Wagnis ein. Einerseits war diese Schauspielerin mit ihrem Knautschgesicht (wie sie einmal selbst sagte), die eigentlich auf die Rollen der komischen Tanten und Haushälterinnen abonniert war, sicher nicht die typische Heldin einer Romanze. Andrerseits gesteht er aber gerade dieser 60-jährigen Frau eine sehr sinnliche Beziehung zu, die aber schon bald auf viel Gegenwind stößt.

Fassbinder steigert die unerhörte Beziehung nämlich, indem Emmi sie mit einem deutlich jüngeren Gastarbeiter eingeht, der in den Augen ihrer Umwelt der ultimative Andere ist. Auf ihn mit seinem gebrochenen Deutsch und seiner dunklen Hautfarbe können sie alles projizieren, was in ihren Augen hassenswert erscheint. Und dass dieser im Verhältnis zu Emmi junge Mann sich auf so eine Beziehung einlässt, lässt ja sowieso nur einen einzigen Schluss zu...

In dieser Gestaltung also steigert Rainer Werner Fassbinder von vornherein die ohnehin ungewöhnliche Bindung und treibt sie so weit ins Extrem, dass auch wir als Zuschauer von Anfang an von der Verbindung überrascht und irritiert werden, aber sie auch allmählich beginnen zu akzeptieren.

So wird Angst essen Seele auf auch dich in den Bann ziehen

Wie wir beginnt auch Emmis Umfeld nach einiger Zeit, die Beziehung zu akzeptieren oder zumindest zu tolerieren. Doch nun entwickelt Fassbinder in der Geschichte eine neue Dynamik, wenn die Beziehung neue Probleme zeigt und er das Drama steigert, indem die inneren Spannungen zunehmen und neue Schwierigkeiten an die Stelle der alten treten.

Dabei wechselt Rainer Werner Fassbinder bis zu einem gewissen Grade die Perspektive und beleuchtet nun zunehmend Alis Welt, der als junger, vitaler Mann aus einem fremden Land zwar auch mit den Vorurteilen seiner Mitmenschen, aber noch viel mehr mit sich selbst kämpft und dadurch seine wahre Liebe mit Emmi aufs Spiel setzt.

Fassbinder interessierte sich schon immer für die conditio humana und macht das Elend daher nicht zu etwas, das man mit nur etwas gutem Willen aus der Welt schaffen kann. Ihn interessiert der ganze Mensch, der gefangen ist in seinem menschlichen Dasein. Plötzlich geraten bei ihm neue Probleme und Ängste in den Fokus.

Fassbinder verwehrt uns also eine einfache Antwort und gibt nicht die ganze Schuld an den Problemen, die diese Beziehung zeichnen, der Umwelt. Tatsächlich stellt er im Gegenteil eine Situation dar, in der die beiden Menschen aus so unterschiedlichen Hintergründen nur einander haben und die dann unter Druck gerät, als diese Probleme sich auflösen und die beiden Liebenden eigentlich nur noch sich selbst Rechenschaft leisten müssen.

Darum wird Angst essen Seele auf auch in den nächsten 40 Jahren noch faszinieren

Der Schluss von Angst essen Seele auf gestaltet sich offen. Am Ende steht die Versöhnung zwischen Emmi und Ali, aber definitiv kein Happy End. Denn die Beziehung wird von einem Magengeschwür, das, wie ein Arzt sagt, immer wieder bei Gastarbeitern auftaucht, gestört, und Emmi steht besorgt am Krankenbett. Der Arzt stellt Ali in Aussicht, schon bald wieder gesund zu werden, allerdings nur auf Zeit.

Wie Emmi stellen auch wir uns die Frage, was eigentlich passiert ist und woran diese Liebe am Ende scheitern könnte. Wieder werden wir auf den Menschen selbst zurückgeworfen und Fassbinder bietet uns keine Liebe, die alle Hindernisse überwinden kann, sondern eine Liebe, die immer wieder und wieder in Gefahr schwebt.

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