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Wie das Marvel Cinematic Universe an Gewicht verliert

Thor: Tag der Entscheidung
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Thor: Tag der Entscheidung
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Kurz bevor Christopher Nolans The Dark Knight im Sommer 2008 die Filmwelt in seinen Bann zog, sorgte Marvel Studios mit dem überraschenden Erfolg von Iron Man für Aufruhr in der Kinolandschaft des Superhelden-Films. Entgegen der schwerwiegenden Last, die Christian Bale als schwarzer Ritter stemmen musste, fiel der erste Auftritt von Robert Downey Jr. geradezu heiter aus. Wenngleich Tony Starks Leinwanddebüt von persönlichen Konflikten und anderweitigen Herausforderungen geprägt war, wehte zu Beginn des Marvel Cinematic Universe (MCU) ein frischer Wind, der eine gesunde Portion Humor in ein Genre brachte, das sich des Öfteren zu ernst nimmt und somit unfreiwillig komische Augenblicke zutage fördert. Mit Iron Man schien jedoch - trotz holpriger Einzelmomente - ein willkommener Ausgleich gefunden zu sein, der beide Seiten der Superhelden-Medaille vereinte: den Spaß und die Bürde. Achtung, Spoiler zu allen MCU-Filmen!

Humor als anfängliche Geheimwaffe der Marvel-Filme

Mit dem späteren Aufstieg des durch den Man of Steel initiierten DC-Universums wurde der humorvolle Aspekt der MCU-Filme immer stärker als Trennlinie hervorgehoben. Wo es in der Welt von Batman, Superman und Co. stets regnete und düstere Wolken das Licht der Sonne erstickten, war dem Farbspektrum im MCU keine Grenzen gesetzt und ein Scherz gerne gesehen, um die Stimmung aufzulockern. Die Gegenüberstellung der zwei ambitioniertesten Kino-Universen unserer Zeit ist schnell geschehen - nicht zuletzt fußt sie auf einem viel älteren Konkurrenzkampf, der sich auf die zugrundeliegenden Comics der beiden Marken Marvel und DC zurückführen lässt. Die Tonalität als Geheimwaffe hat Marvel Studios-Präsident Kevin Feige folglich schnell erkannt und zu seinem Vorteil eingesetzt: Jeder MCU-Beitrag verfügt über ein unverwechselbares Branding, was früher oder später allerdings zu einer gewissen Austauschbarkeit führt.

Ein Problem, das auch Kevin Feige erkannt und mit cleveren Kniffen entkräftet hat. Der Eventcharakter, der mit einem Crossover à la Marvel's The Avengers einhergeht, konnte beispielsweise die Neugier der Zuschauer weiterhin wecken. Ebenso die Tendenz zu ausgefallenen Stoffen, die wenige Jahre zuvor niemals grünes Licht in der Traumfabrik erhalten hätten. Zu sperrig, zu nerdig, zu kompliziert: Mit unvergleichlicher Sicherheit hat das Marvel-Kino-Universum all diese Bedenken hinter sich gelassen und dafür gesorgt, dass dem Publikum selbst sprechende Waschbären und Bäume ans Herz wachsen, selbst wenn die Ankündigung von Captain Marvel verhältnismäßig lange auf sich warten ließ. Guardians of the Galaxy markiert dennoch einen spannenden Umbruch, der den Fans unentdecktes Land offeriert und eine Erweiterung der Zielgruppe umfasst. Mit der Expansion des Universums wachsen außerdem die Gefahren - die Bereitschaft, sich diesen zu stellen, allerdings nicht.

Entkräftende Ironie und ein unermüdliches Augenzwinkern

Abseits groß angelegter Story-Arcs, wie etwa dem Sokovia-Konflikt, der schlussendlich zur Spaltung der Avengers führt, lässt sich das Marvel Cinematic Universe selten zu konkreten Entscheidungen hinreißen, wenn sie nicht absolut notwendig sind. Das spricht einerseits für die Disziplin und Ordnung, die mit Sicherheit hilfreich ist, wenn es um die Planung eines Franchises mit drei Phasen und über 20 Filmen geht. Andererseits ist dieser Umstand dafür verantwortlich, dass das - im Grunde aufregende und in dieser Form bisher nicht dagewesene - Cinematic Universe langweiliger und eintöniger wirkt, als es müsste. Der Tod von Agent Coulson im ersten Avengers-Film wirkt rückblickend wie ein grober Ausrutscher, der nachträglich revidiert wurde und im Angesicht der aktuellen Partystimmung im MCU kaum vorstellbar wäre - mit wenigen Ausnahmen wie Yondus Ableben in dem sonst völlig überdrehten Guardians of the Galaxy Vol. 2. Je intensiver sich das MCU um den Erhalt des Status quo bemüht, desto mehr verliert es an Gewicht.

In Thor 3: Tag der Entscheidung findet die aktuelle Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt. Obgleich die baldige Ankunft von Thanos im Infinity War und der damit einhergehende Abschluss der dritten Phase auf größere Risiken hoffen lassen, verirrt sich Donnergott Thor im Rahmen seines dritten Soloabenteuers in einem Labyrinth übertriebener Kurzweil und verpasst die Chance, die Tragik der Götter im Angesicht des Weltuntergangs angemessenen zu illustrieren. Gegen Humor allgemein sowie speziell den von Regisseur Taika Waititi sei an dieser Stelle überhaupt nichts einzuwenden. Stattdessen irritiert der inflationäre Gebrauch überdrehter Gags, die mit ihrem lauthalsen Gelächter ganze Handlungsstränge verschlucken, anstelle sie elegant wie eloquent zu begleiten. Bemühte Coolness, ein unermüdliches Augenzwinkern und entkräftende Ironie gehören zu den gefährlichen Zutaten, die den Ragnarok seiner Bedeutung und Relevanz berauben.

Fast-Food-Filme ohne Herz und Nachhaltigkeit

Was sich anfangs nach erfreulicher Abwechslung anfühlt, entpuppt sich schnell als kompromittierende Sensationslust, die bloß darauf wartet, die Figuren im intimen Drama zu entblößen. In Thor 3: Tag der Entscheidung darf kein Moment die - mitunter naive - Identität des Superhelden-Films ausleben, als wäre das Bekenntnis zum wahren Kern der Geschichte, eine ungemütlichen Familientragödie mit mythologischem Überbau, ein peinliches Unterfangen, das es mit allen Mitteln zu kaschieren gilt. Thor 3: Tag der Entscheidung kann keinen Augenblick für sich stehen lassen, sondern schwenkt sofort zur ironischen Auslegung der Situation um, was am Ende dazu führt, dass der emotionale Anker in den Untiefen versinkt, ohne jemals Halt zu finden. Das Aufrichtige weicht dem Zynischen. Plötzlich zählt nur noch die Pose, ein richtiges Herz besitzt der Film aber nicht mehr. Es ist ein unangenehmer Beigeschmack.

Es wäre überaus schade, wenn dieser Trend im Marvel-Kino-Universum die Überhand gewinnt, da Superhelden-Filme genau dann am besten sind, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht und wir trotz der unausgesprochenen Sicherheit des wahrscheinlichen Happy Ends mit den Ereignissen auf der großen Leinwand mitfiebern können. Schon James Gunn verkalkulierte sich in dieser Hinsicht gewaltig, als er die Verhältnisse des letzten Guardians-Films einem unersättlichen Spaß-Gott opferte, der sich mehr für Baby Groot interessiert als das verheerende Vater-Sohn-Drama vor dem Hintergrund der Weltenzerstörung. Abstumpfung und Irrtum in einem: The First Avenger: Civil War hätte keinen bleibenden Eindruck im MCU hinterlassen, wenn der finale Kampf zwischen Captain America und Iron Man durch ironisierte Kommentare unterbrochen worden wäre. Ob von Thor mehr bleiben wird, als die verschwommene Erinnerung an einen Gladiatorenkampf im Fast-Food-Modus und Jeff Goldblum?

Wollt ihr noch mehr Spaß im MCU oder befürchtet ihr auch den Gewichtsverlust?

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