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Interview mit Mona Achache

Die Eleganz des Igels bei der Concierge Madame Michel

05.05.2010 - 08:50 Uhr
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Die Eleganz der Madame Michel
© Senator / Central
Die Eleganz der Madame Michel
Im Interview spricht Regisseurin und Drehbuchautorin Mona Achache über ihre Arbeit an dem Film Die Eleganz der Madame Michel, der in dieser Woche in den deutschen Kino anläuft.

Regisseurin und Drehbuchautorin Mona Achache war derart begeistert von dem Bestseller “Die Eleganz des Igels”, dass sie aus dem Buch ein Drehbuch machte und erst dann auf Produzentensuche ging. Hier spricht sie über ihre Arbeit an dem Film Die Eleganz der Madame Michel.

Wie würden Sie die Geschichte des Films in einem Satz zusammenfassen?
Mona Achache: Sie erzählt davon, wie sich drei Menschen unverhofft in einem feinen Pariser Wohnhaus begegnen: eine schweigsame, barsche, einsame Concierge namens Renée, das intelligente, selbstmordgefährdete kleine Mädchen Paloma und Kakuro Ozu, ein wohlhabender, geheimnisvoller Herr aus Japan.

Wann und wie sind Sie auf Muriel Barberys Buch aufmerksam geworden?
Mona Achache: Kurz nach seinem Erscheinen. Nicht lange davor hatte ich der Produzentin Anne-Dominique Toussaint ein Drehbuch von mir zu lesen gegeben. Sie fand es interessant, aber auch ein bisschen freudlos. Sie meinte, wenn ich mal eine etwas amüsantere Geschichte hätte, würde sie gern mit mir zusammenarbeiten. Grundsätzlich halte ich Romanverfilmungen für eine gute Sache. Deshalb ging ich in eine große Pariser Buchhandlung, um mich mithilfe der Klappentexte auf den neuesten Stand zu bringen. Ich wollte mir „Die Eleganz des Igels“ kaufen, ließ es aber bleiben, weil die Schlangen an den Kassen zu lang waren.

Am selben Abend erzählte mir eine Freundin von einem Buch, das sie gerade zu Ende gelesen hatte: „Die Eleganz des Igels“! Sie lieh es mir aus. Nachdem ich es gelesen hatte, rief ich Anne-Dominique an: „Ich habe unsere Geschichte gefunden!“ Sie antwortete: „Was für ein Zufall, das Buch liegt bei mir auf dem Nachttisch.“ Nun las sie es ihrerseits, war ebenfalls begeistert. Wir riefen den Gallimard Verlag an, und obschon etliche Regisseure ihr Interesse bekundet hatten, kam es zu einem Treffen mit Muriel Barbery. Ich bin überzeugt, dass diese Begegnung ausschlaggebend war, dass sie sich für uns entschied und wir die Filmrechte erwerben konnten.

Was hat Sie an dieser Geschichte berührt?
Mona Achache: Dass sie beschreibt, wie absurd Vorurteile sind, und welcher Zauber unwahrscheinlichen Begegnungen innewohnt. Das Wohnhaus erinnerte mich an das Haus, in dem ich aufgewachsen bin – allerdings war es viel vornehmer. Ich fand es als Kind ungeheuer faszinierend, was für unterschiedliche Leute da rein zufällig über- und miteinander lebten. Aber natürlich waren es Paloma und Renée, die mich am meisten interessierten. Dass diese mürrische Frau sich zu wandeln beginnt, weil sie einen anderen Menschen kennenlernt. Und dass dieses kleine, verschlossene Mädchen, das so düster und selbstsicher ist, durch die Begegnung mit Renée und Kakuro begreift, dass das Leben viel komplexer und unvorhersehbarer ist, als es dachte. Mit dem kleinen Mädchen und der Concierge habe ich mich restlos identifiziert.

Dass sich Renée und Monsieur Ozu überhaupt näher kennenlernen, hat etwas von einem modernen Märchen.
Mona Achache: Die ganze Geschichte erinnert an ein Märchen, und ich habe versucht, den Film entsprechend zu inszenieren. Renée ist das Aschenputtel, Paloma die gute Fee und Kakuro der schöne Prinz. Ich finde die Liebesgeschichte zwischen Kakuro und Renée wunderbar altmodisch: sein Präsent, die Einladung, der Handkuss, das Restaurant, der Spaziergang durch die Straßen… Wenn Kakuro Renée die Stola schenkt, ist sie so aufgeregt wie ein Teenager vor dem ersten Rendezvous. Die drei Hauptfiguren sind zwar realistisch gezeichnet, aber auch ein bisschen sonderbar, zeitlos, atypisch. Ich wollte, dass die Welt, die sie umgibt, ihren Persönlichkeiten entspricht.

Können Sie das genauer erklären?
Mona Achache: Ich stellte mir zum Beispiel von Anfang an vor, dass die Geschichte in einem Jugendstil-Gebäude spielt. Diese Architektur hat etwas Filmreifes, Zeitloses, Poetisches – und ist gleichzeitig typisch großbürgerlich und sehr pariserisch. Ich wollte aus dem Gebäude eine eigenständige Figur machen, die sich perfekt in den Film einfügt. Ich wollte keines dieser typischen Haussmann-Gebäude aus dem 19. Jahrhundert zeigen, denn damit rutscht man schnell ins Bourgeoisie-Klischee ab. Mir war überhaupt nicht nach diesem protzigen Luxus, nach diesem Überfluss an Goldgepränge und Marmor. Mir schwebte eine Atmosphäre vor, die geheimnisvoller, düsterer, erdrückender und befremdlicher ist. Die ganze Handlung ist hermetisch auf dieses Wohnhaus beschränkt, es ist, als lebten die Figuren in einem riesigen Glasbehälter. Zwar ist der Kontext, in dem die Geschichte spielt, realistisch. Andererseits wollte ich diesen „Igel“ in eine träumerische, poetische und phantasievolle Stimmung tauchen.

Welche Schwierigkeiten ergaben sich beim Schreiben des Drehbuchs?
Mona Achache: Manche Bücher sind wortgewaltiger als andere. Was „Die Eleganz des Igels“ auszeichnet, ist sein literarischer Stil. Die Herausforderung bestand also darin, das Literarische ins Visuelle umzuwandeln. Im Roman führt Paloma Tagebuch, im Film zeichnet sie und filmt. Ich wollte auf eine herkömmliche, geschwätzige Off-Stimme verzichten. Palomas Kamera sollte quasi ihr Sprachrohr sein. Was Renée betrifft, war es mir wichtig, ihre Schweigsamkeit zu betonen. Man sollte bestenfalls erahnen können, wie kultiviert sie eigentlich ist. Im Film wie im Buch wechselt der Blickwinkel ständig zwischen Paloma und Renée hin und her. Ein Gleichgewicht zu erreichen, war deshalb dringend geboten, keine der Figuren durfte ins Hintertreffen geraten. Sie mussten unabhängig voneinander wahrgenommen werden, nicht bloß als Stichwortgeber für die jeweils andere…

Hatten Sie beim Drehbuchschreiben Josiane Balasko als Renée vor Augen?
Mona Achache: Ja. Und gleichzeitig habe ich versucht, mir diese Wunschvorstellung zu verkneifen. Weil ich fürchtete, dass sie mir eine Absage erteilt. Schon bei der ersten Lektüre des Buchs musste ich an Josiane denken. Ich bewundere sie als Schauspielerin, aber ich mag auch die Privatperson und die Dinge, für die sie sich engagiert. Allein die Vorstellung, mit einer Schauspielerin wie Josiane Balasko an einer Figur zu arbeiten, die ihre Weiblichkeit wiederentdeckt, fand ich sehr spannend.

Mit Material von Senator / Central

Die Eleganz der Madame Michel startet am 6. Mai in unseren Kinos. Wenn Du wissen willst, ob der Film in Deiner Nähe läuft, dann schau doch bitte in unser Kinoprogramm.

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