Far Cry Primal im Test — Überraschende Qualitäten und alte Probleme

Far Cry Primal
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Far Cry Primal
22.02.2016 - 12:00 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Far Cry Primal von Ubisoft will nicht nur dem Namen nach einen Schlussstrich unter die bisherigen Spiele des Franchises setzen. Der Ausflug in die Steinzeit überrascht mit unerwarteten Qualitäten, nervt an vielen anderen Stellen allerdings auch gehörig.

Far Cry Primal kommt zur richtigen Zeit: Nachdem uns Far Cry 3 und Far Cry 4 ganz ähnlichen Szenarien und Schauplätzen überlassen haben, wurde es Zeit für Abwechslung. Statt allerdings nur die Tapete zu wechseln, scheint Ubisoft direkt das gesamte Haus abgerissen zu haben. Das neuste Spiel schickt uns in eine recht eigensinnige Interpretation der Steinzeit inklusive bombenwerfender Eulen, macht uns zum Jäger und kürt uns zum vielleicht mörderischsten Krieger, den die menschliche Frühzeit je gesehen hat. Dieser Neustart des Franchises bietet völlig überraschende Qualitäten, nervt allerdings leider auch mit alten Problemen.

Der Superlativ von Open World

Lasst mich eines vorwegnehmen: Auch in Far Cry Primal werdet ihr keinen Höhenflug des Drehbuchs oder der Charakterentwürfe erleben dürfen. Als einziger Überlebender einer Jagdgruppe erreichen wir ein gigantisches Tal namens Oros, wo wir recht schnell auf Überbleibsel unseres Stamms der Wenja stoßen. Doch statt wohlverdient die geschundenen Beine hochlegen zu können, rutschen wir direkt in den nächsten Konflikt. Wir erfahren, dass der Stamm der Udam das fruchtbare Tal fest in ihrem Griff haben und keinerlei Anstalten zeigen, unsere besten Freunde zu werden. Auch ein dritter Stamm, die Izilia, wollen bei den Streitereien um Jagdgebiete und Macht mitmischen.

In der Wenja-Basis dürfen wir immer wieder kleinere Drogen-Trips erleben.

Getragen wird diese Geschichte von unglaublich flachen Charakteren, die kaum mehr als sprechende Missionsmarker mit eigener Hütte sind. Wie jedes Jahr muss sich auch das neue Far Cry-Spiel hier den Vorwurf einer verpassten Chance in den eigenen Reihen gefallen lassen, während wir charismatische Gegenspieler wie Vaas aus Far Cry 3 völlig vermissen. Stundenlang Blüten, Felle und Fleischberge zu jagen macht nun mal deutlich mehr Spaß, wenn uns die Leute nicht völlig egal sind, die bereits ungeduldig die Hand aufhalten. So allerdings zog ich häufiger ächzend als jauchzend in die Wildnis hinaus und verzichtete bald völlig auf die zahllosen Mini-Missionen, die die Spielzeit strecken und meine ungeduldigen Augenbrauen zum beben bringen sollten. Da hilft auch die Tatsache nicht weiter, dass Ubisoft für alle Stämme eigene Sprachen erfunden hat, wenn mit ihnen die immergleichen, eindimensionalen Geschichten erzählt werden.

Leider können auch die Hauptmissionen mit nur wenigen Ausnahmen kaum für Abwechslung oder mitreißende Unterhaltung sorgen. Es bleibt meist beim Einheitskram des Genres: Wir gehen zu Ort A, klettern zu Punkt B, reden zwei Zeilen mit Charakter C und, oh, einer der 120 Fähigkeiten wurde freigeschaltet, yayyy...

Uff.

Die Gespräche sind kurz, die Charaktere flach.

Far Cry Primal ist der Superlativ eines Open World-Spiels, das Charaktere und Beziehungen aus eurer Reichweite stößt und den gewonnenen Platz mit noch mehr Missionen und Nichtigkeiten füllt. Glücklicherweise ist der Ausflug in die wirklich wunderschöne Welt der Steinzeit vor allem in den ersten Spielstunden jedes gefrustete Knittern an der To-Do-Liste wert.

Der Screenshot-Finger steht nicht still

Die Welt von Far Cry Primal sieht einfach fantastisch aus. Nicht nur die visuelle Präsentation der Steinzeit sorgt für Staunen, wenn sich etwa das Tageslicht in den Baumkronen bricht oder der Mond eine weitläufige Graslandschaft beleuchtet. Ubisoft ist es außerdem gelungen, ein wahrhaft lebendiges Biotop zu schaffen, in dem allerlei Tierarten jeder Größe und Rasse unterwegs sind. Auch wenn ich mich minutenlang untätig im Gebüsch verstecke, atmete die Landschaft um mich herum weiter. Ein Bär kämpft gegen Wölfe, eine Tapir-Familie grast genüsslich am Ufer eines Sees und ein umherwandernder Stammesgenosse stolpert über den Schwanz eines Säbelzahntigers: Ja, Far Cry Primal bietet eine Welt, die auch ohne unser Einwirken funktioniert. Wenn wir allerdings erst einmal mitmischen, dürfen wir uns über noch weitere, überraschende Qualitäten dieses Spielplatzes freuen.

Oros gehört zu den schönsten Spielwelten, die ich in den letzten Monaten besuchen durfte.

So ist beispielsweise die Jagd auf Wildtiere unterhaltsamer als gedacht. Vor allem die großen Räuber wie Bären und Tiger vertragen enorm viele Pfeile und Speere, bis sie zu Boden gehen und versuchen zeitweise auch, vor uns zu fliehen — nur um uns dann wieder aufzulauern. Dieser Wechsel aus Angriff und Verfolgung ist enorm kurzweilig und je nach Tierrasse auch außerordentlich fordernd. Zu den Highlights der Ausflüge dieser Art gehören die Missionen, in denen ihr auf besonders seltene und außerordentlich gefährliche Tiere Jagd macht. Hier müsst ihr erst die Spuren richtig lesen, die die Bestie hinterlassen hat, um dann ihr Versteck aufzustöbern und in einem meist minutenlangen Kampf schließlich zu bezwingen. Meinetwegen hätte Ubisoft auch "Far Cry" mitsamt der übrigen Missionen aus dem Spiel streichen und es stattdessen "Jagdsimulator Ultimate Primal" nennen können — ich hätte es gekauft.

Doch wir müssen nicht zwangsläufig alleine auf die Jagd gehen: Zahlreiche Tiere mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen können wir in Oros zähmen, die uns dann in Kämpfen zur Seite stehen. Mehr als Kanonenfutter sind die Fellkugeln allerdings nicht. Das Einfangen der Tiere gelingt viel zu einfach via Tastendruck und der Tod eures tierischen Kämpfers geschieht quasi ohne Konsequenzen. Das ist praktisch, aber nicht gerade emotional mitreißend: Es spricht schon Bände, wenn ich als überzeugter Tierfreund hunderte gezähmte Bären in den See reite, ihnen beim Ertrinken zusehe, nur um dann ihr begehrtes Fell zu sammeln. Macht ja nichts, dank Ubisofts Angst vor tiefergehenden Beziehungen zwischen Spieler und NPCs taucht Sekunden darauf ein neuer Bär im Auswahlbildschirm auf, der begeistert ein weiteres Mal in Richtung Meeresgrund springt.

Der Feind meiner Feinde ist immer noch mein Feind

Eine Frage verfolgte mich unentwegt, während ich Spielstunde um Spielstunde hinter mich brachte: Ist Takkar, dem Protagonisten der Geschichte, eigentlich bewusst, dass er kein Deut besser ist, als die ausgemachten "Bösen" des Spiels? Klar, wir sind im Gegensatz zu den Udam keine Menschenfresser und wir opfern auch nicht wie die Izilia unsere Freunde bei lebendigem Leib — allerdings töten wir ganze Legionen von Zivilisten und Kriegern. Wir überqueren immer wieder die feindlichen Linien, um Wohnhäuser und Versorgungskammern der anderen Stämme anzuzünden. Belässt es Ubisoft wie für das Medium typisch wieder einmal bei einem achselzuckenden "So sind halt Spiele?"

Überraschend ist, dass sich Ubisoft Gedanken zum Thema Gewalt gemacht hat.

Tatsächlich finden die Entwickler eine interessante Möglichkeit, uns über unsere Taten nachdenken zu lassen. Ich will euch diese unerwartete Ebene der Reflektion über Gewalt nicht vorwegnehmen, allerdings haben diese Spielabschnitte meinen Gesamteindruck von Far Cry Primal in ein noch deutlich besseres Licht gerückt. Auf diese Momente könnt ihr euch wirklich freuen.

Fazit

Far Cry Primal hat viel zu bieten. Einen unüberschaubaren Großteil davon bilden die fast schon unsinnigen Nebenmissionen, die euch immer wieder irgendwelche Stammeskrieger retten oder Pflanzen ausreißen lassen. Dazwischen finden sich allerdings vereinzelt spannende Jagdausflüge, die das Unterhaltungspotenzial der ohnehin fantastisch inszenierten Spielwelt bis in die letztr Baumwurzel ausnutzen. Auch einige Twists der Hauptgeschichte sind interessant und unerwartet, während der gähnende Rest der Spielzeit von flachen Charakteren und einfallslos repetitivem Missionsdesign gefüllt wird.

Far Cry Primal ist ein gigantisches Open World-Spiel, das von stärker ausgearbeiteten Verbündeten und charismatischen Antagonisten profitiert hätte. So aber bleibt das Spiel ein aufgeblähter Ausflug in die Steinzeit, der genau dann am meisten Spaß macht, wenn ihr eure eigentlichen Aufgaben ignoriert.

Dieses Review wurde mit einer PS4-Version erstellt, die uns der Publisher zur Verfügung gestellt hat.

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