In Light of My Life mit Casey Affleck sind am Ende der Welt nur noch Männer übrig

Light of My Life
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Die Welt ist düster, geradezu ausgestorben. Kaum eine Menschenseele lässt sich auf den Straßen blicken. Nur die Natur ist da und sorgt für ein beständiges Rascheln und Rauschen, das Hoffnung spendet und die Einsamkeit verstärkt. Davon erfahren wir in den ersten Minuten von Light of My Life allerdings nichts. Stattdessen tauchen wir ein in die gemütliche Enge eines Zeltes und beobachten einen Vater, der seiner Tochter eine improvisierte Gute-Nacht-Geschichte erzählt, die sich an Motiven aus der Bibel klammert und versucht, den Bogen zum echten Leben zu schlagen. Subtil geht der Erzähler jedoch keineswegs dabei vor, was die junge Zuhörerin auch sofort anmahnt. Die Geschichte soll ablenken, von der Hoffnungslosigkeit außerhalb der Zeltwände.

Light of My Life erzählt vom Ungleichgewicht der Zukunft und Gegenwart

Das endzeitliche Drama Light of My Life, das auf der Berlinale 2019 in der Sektion Panorama seine Weltpremiere feiert, entführt in eine post-pandemische Welt, in der die Gesellschaftssysteme zusammengebrochen und alle Frauen verschwunden sind. Die Überschriften alter Zeitungsartikel sprechen von einer "female plague", ansonsten fallen die Erklärungen ob der verheerenden Ereignisse in der Vergangenheit sehr spärlich aus. Umso größer ist das Wunder, dass in dieser Trostlosigkeit Rag (Anna Pniowsky) lebt und atmet. Ihre Mutter (Elisabeth Moss) ist bereits vor langer Zeit gestorben. Geblieben ist nur der fürsorgliche Vater, verkörpert von Casey Affleck, der Light of My Life auch als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent umgesetzt hat.

Ob es sich ausgehend von dieser Prämisse um einen feministischen Film handelt, lautete gleich die erste Frage auf der Pressekonferenz. Casey Affleck, der in den vergangenen Jahren mehrmals mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert wurde, wollte darauf keine allzu spezifische Antwort geben. Um das Thema Ermächtigung geht es in seiner intimen Vater-Tochter-Erzählung dennoch. Fraglos erzählt der Film von toxischer Maskulinität, während er auf metaphorischer Ebene ebenso als Läuterungsprozess des Schauspielers gelesen werden kann. Niedergeschlagen schleppt er sich als Vater durch graue Landschaften und lädt die Bürde der Verantwortung ganz allein auf seine Schultern. Niemals könnte er es sich verzeihen, wenn der kleinen Rag etwas zustößt.

Light of My Life zwischen Leave No Trace und The Road

Die Inszenierung passt sich diesen Gesten an, folgt den beiden aufmerksam durch den Wald und weckt nicht selten Erinnerungen an Debra Graniks Aussteigerdrama Leave No Trace und der Cormac McCarthy-Adaption The Road. In beiden Filmen gibt es eine erwachsene Figur, die mit einem Kind unter freiem Himmel zu überleben versucht, während sich fremde Menschen in den Weg stellen - mal sind sie Teil eines Systems, mal sind sie aber auch nur das, was übrig bleibt, wenn dieses zusammengebrochen ist. Darüber hinaus verbirgt sich hinter den misstrauischen Blicken stets ein traumatisches Erlebnis. Vertrauen ist in der Welt von Light of My Life ein kostbares Gut, das nicht leichtfertig eingesetzt werden sollte. Jede Begegnung könnte die letzte sein und dementsprechend langsam und vorsichtig bewegt sich der Film.

Mit seiner Filmtochter passiert Casey Affleck viele vertraute Stationen einer solchen Survival-Odyssee. Dass sich diese trotzdem in ein einnehmendes Unterfangen verwandelt - dafür ist vor allem Kameramann Adam Arkapaw verantwortlich, der nicht nur bei True Detective sein Talent für atmosphärische Aufnahmen unter Beweis stellte, sondern sich insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit Justin Kurzel (Macbeth, Assassin's Creed) als einer der großen Bildermaler des gegenwärtiges Kinos etabliert hat. Kräftige Farben und eindrucksvolle Silhouetten gibt es in Light of My Life zwar nicht zu entdecken. Dafür untermauert die Kamera die Intimität, Einsamkeit und Zerbrechlichkeit der Geschichte. Die Anspannung entsteht aus den Bildern und die großen Leerstellen, die sie zeigen.

Light of My Life - oder: Casey Affleck über Casey Affleck

Von David Lowery hat sich Casey Affleck derweil Komponist Daniel Hart ausgeliehen. A Ghost Story verwandelte dieser mit seinen behutsam eingesetzten Kompositionen in eine hypnotisierende Filmerfahrung. Light of My Life, der überwiegend auf üppige Musik im Hintergrund verzichtet, ist somit eine perfekte Steilvorlage für Hart, um sein Können erneut präzise unter Beweis zu stellen. Talente - vor und hinter der Kamera - gibt es in Casey Afflecks erster Regiearbeit seit seinem Debüt I'm Still Here folglich genug zu entdecken, während sich ein stimmungsvolles Porträt einer sterbenden Welt entfaltet. Dennoch schwebt die Persona Casey Affleck über den Geschehnissen und sorgt für einen Konflikt mit den angesprochenen Themen, der sich nicht so einfach auflösen lässt.

Casey Affleck verhandelt im Rahmen von Light of My Life seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, mitunter wirkt es, als würde er in seinen Monologen die vierte Wand durchbrechen und sich direkt an uns Zuschauer wenden, deren Vertrauen er auch mit seinem Fehlverhalten erschüttert hat. Seitdem die Frauen in Light of My Life fehlen, herrscht ein gewaltiges Ungleichgewicht. Seine Tochter sieht der Vater als das Kostbarste auf der Welt an - sie ist die Zukunft, schlussendlich kann er ihr aber nur den Weg weisen, den er für den besten hält. Spuren im Schnee künden schließlich am Ende von einem etwaigen Ausgang der Geschichte, ehe Rag ihre eigene Entscheidung trifft und ein neues Gleichgewicht schafft - in Widersprüchen, die in ihren Bann ziehen.

Light of My Life läuft auf der Berlinale 2019 im Rahmen der Sektion Panorama. Alle moviepilot-Texte zum Festival findet ihr auf unserer Berlinale-Themenseite.

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