Kommentar der Woche

Das letzte Einhorn und ein Traum, der nie zu Ende geht

There are no happy endings because nothing ends.
© Concorde
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Kängufant Andreas Gerold
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An dieser Stelle versuchen wir jeden Samstag, euch für einen ganz besonderen Kommentar zu begeistern. Ob es die verträumten Worte sind, die jemand direkt nach dem Kinobesuch schrieb, als noch das halbe Selbst in einer anderen Welt gegen Monster kämpfte; die Schwärmerei für eine unerreichbare Person; ein Bonmot; ein Limerick; eine scharfzüngige Antwort - wenn ihr irgendwo und irgendwann über einen solchen Text stolpern solltet, sagt sciencefiction oder Kängufant Bescheid, und behaltet diesen Schatz nicht für euch!

Der Kommentar der Woche
Solveig, der wir diesen Samstag schenken, zeigt uns, wie ein einziger Film ein ganzes Leben begleiten, begeistern, bereichern kann - und das, wie ihr Kommentar, ist genau so selten und zauberhaft, wie Das letzte Einhorn selbst.

- "Kann es wirklich sein? Wo bist du gewesen? Wo bist du gewesen? Verdammt nochmal! Wo bist du gewesen?!"
- "Ich bin jetzt hier."
- (Bitteres Lachen) "Und wo warst du vor zwanzig Jahren? Vor zehn Jahren? Wo warst du, als ich noch jung war? Als ich noch eins dieser unschuldigen jungen Mädchen war, zu denen du immer kommst? Wie kannst du es wagen... Wie kannst du es wagen JETZT zu mir zu kommen? Jetzt, wo ich das bin?" (Weinen)
- "Kannst du sie wirklich sehen? Weißt du wirklich, wer sie ist?"
- "Wenn du darauf gewartet hättest ein Einhorn zu sehen, so lange wie ich schon."
- "Sie ist das letzte Einhorn der Welt."
- "Es muss das letzte Einhorn sein, denn es kommt zu Molly Grue. ...ist schon gut. Ich verzeihe dir."

Noch immer eine dieser Stellen in einem Film, die ich ganz besonders mag. Wenn ich hier manche Kommentare zu dem Film überfliege, finde ich es fast etwas schade, dass viele mit so einer hohen Wertung diese allein auf ihre Nostalgiebrille zurückführen. Ja sicher... Den Soundtrack finde ich manchmal ebenfalls etwas arg kitschig (wobei ich Titel wie "Man's Road" und "In the sea" nach wie vor gern höre) und ebenso wenig mag ich heute die sehr femininen Wimpern des Einhorns sowie seine Gestalt als Menschenfrau. Fakt ist aber, dass mich wohl kaum ein anderer Film so sehr in meiner Vorliebe für bestimmte Stoffe und auch ein wenig in meiner Denkweise geprägt hat wie dieser Film hier.
Als Zwerg saß ich Jahr für Jahr pünktlich am Heiligen Abend vorm Fernseher, um mir den Film anzuschauen. Später, in der Teenzeit, hat sich das dann auf Ostern verschoben. Als Kind wusste ich nicht, ob ich die Geschichte im Ganzen überhaupt verstehe. Aber sie hatte für mich schon immer etwas ausgesprochen Faszinierendes, obwohl ich es nicht greifen konnte (und das macht mir Filme auch heute noch tatsächlich am interessantesten). Wahrscheinlich das größte Geheimnis, warum mich der Film immer wieder so sehr anzog. Später dann, als Teen, musste ich mir schon allerlei Häme anhören, als ich DAS LETZTE EINHORN als meinen Lieblingsfilm angab, und es damit zu entschuldigen versuchte, dass er zwar "häßlich gezeichnet" (würde ich so heute nicht mehr sagen), aber trotzdem "wunderschön" sei.
Später dann verstand ich, dass ich mich mit jedem Lebensabschnitt ein klein wenig mehr mit irgendeiner der Figuren etwas identifizieren konnte. Molly Grue mochte ich sehr gern. Eine Frau, die von all den wunderbaren Dingen träumt, die man sich in Geschichten erzählt von alledem, die das Leben für einen bereithalten kann, wenn man sie nur sehen will. Sie heiratete einen Räuberhauptmann, der seine kühnen Taten (wohl längst Vergangenheit) heute nur noch besingen lässt, während seine Bande nur noch ein heruntergekommener und zerlumpter Haufen ist. Räuberbanden sind eigentlich in jeder Geschichte (und ich habe sie als kleines Mädchen vergöttert!) interessante, alternative Gesellschaftsformen, die eben jener durch ihre hohen, oft auch romantisierten, Ideale einen Spiegel vorhalten. Und Molly und ich hatten wohl denselben Kindheitshelden: Robin Hood, von dessen Glanz in all den Sagen sie wohl ebenso träumte, und nun als erwachsene Frau ernüchtert ist, so einen Sack Flöhe versorgen zu müssen. Ernüchterung darüber, dass die "glanzvollen Taten" ihres Gatten wohl nur und ausschließlich in seinen selbstbeklatschten Liedern zu finden sind, die alle anderen längst ermüden. Und dann, wenn man selbst schon gar nichts mehr vom Leben erwartet, blitzt doch die alte Sehnsucht ferner Geschichten und Wünsche in deiner Welt durch, und du lässt alles andere liegen und folgst ihr auch nach Jahren noch.

Ich mochte ebenfalls seitdem ich mich bewusst daran erinnern kann alles, was irgendwie mit alten und vorallem auch symbolhaften Geschichten zu tun hat; liebe Märchen als einen Spiegel volkstümlicher Wertvorstellungen und Mythen als die wohl ältesten Versuche der Menschheit überhaupt, die Welt und die Stellung des Menschen zu ihr und seinerselbst in Bildern zu deuten. Sprachliche, erzählende Bilder, ja - und ich hielt mich auch selbst für jemanden, dessen Stärke es in erster Linie sei, in Bildern denken und verstehen zu können. Ich schlug diesen Weg dann auch später immer mehr ein, liebte das Altertum mit seinen Weisheiten, lernte liebendgern antike Sprachen, die mir - obwohl sie ironischerweise so oft als "tot" bezeichnet werden - verdeutlichten, wie lebendig Sprache schon immer war, heute und vor hunderten Jahren, dass Sprache uns wesentlich in dem beeinflusst, wie wir Dinge in der Welt aufeinander beziehen und sie ordnen, damit ein Verständnis ihrer möglich sei, wie viel Mentalität sich in einer Sprache ausdrückt, und dass selbst hinter heutzutage so erstarrten Begriffen wie 'glauben' lebendige Vorstellungen stecken (es ist ein altes, gotisches Partizip, das mit 'jemanden od. etwas liebhaben' übersetzt werden kann, und somit tatsächlich Auskunft darüber geben könnte, wie Missionare damals die christliche Botschaft den Goten zugänglich machen wollten) und auch, wie viel in "trockener Grammatik" davon zu finden ist, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und interpretieren. Ich weiß noch, dass ich mich nach all diesen Sitzungen und Stunden plötzlich unglaublich alt fühlte, denn vieles, was ich in ihnen lernte, ließ diesen einen kurzen Moment durchblitzen, warum so manches in unserer Welt heute so ist wie es ist, dass alles irgendwann mal gepflanzt wurde, was wir heute nutzen. Und die, die um die Zeit deren Pflanzung wissen, können heute ihre schönen Blüten bestaunen. Wege, die ich gerne gehe, auch wenn der Lohn dafür nicht immer sehr dankbar ist.

Und dann kam Schmendrick, der sich als ein Medium und Mittler der Magie versteht, etwas, das er gern beherrschen, und worüber er verfügen möchte - und dann schließlich erkennen muss, dass ihm dies nicht möglich ist. Er ist lediglich ihr Werkzeug. Auch das ist ein Gefühl und eine Erfahrung, die vielleicht nicht nur ich kenne und gemacht habe.
Ich kenne es von mir, wenn ich an längeren schriftlichen Arbeiten saß, seien es diverse kreative Sachen, die ich in meinen letzten Schuljahren sehr gern und regelmäßig schrieb, Briefe, längere Texte jeglicher Art oder Hausarbeiten. Wenn ich Lob dafür bekam, nahm ich es dankend an. Es ist aber seltsam, dass ich zumindest nie erklären konnte, wie ich genau auf dies und jenes kam, ich manchmal meine eigenen Texte als fremd empfinde, und oft Jahre später gar nicht mehr glauben kann, dass ich sie verfasste (und ich meine das nicht in dem Sinne, wie man sich manchmal schämt, was man damals für einen Mumpitz von sich gab). Wie oft passierte es, dass ich vor leeren Blättern saß, unter Druck, wieder etwas "Gutes" zu Papier zu bringen, das ja zum Glück sehr geduldig ist - und es starrte mich nur Leere an und Leere kam nur von mir zurück. Frustriert und aufgebend legte ich mich dann oft aufs Bett und dachte gar nicht mehr - und dann kam er auf einmal, sehr still und leise und doch stand er plötzlich da: der Gedanke, die Idee. Sie kam mich besuchen, obwohl ich sie vor Stunden so dringend gebraucht hätte und sie erzwingen wollte. Aber nein, ich verfüge überhaupt nicht über sie. Die Welt der Ideen ist riesig und sie herrschen selbst in ihrem eignen Reich - und wenn wir Glück haben, kommen sie zu uns, manchmal auch nur sehr flüchtig, manchmal rufen sie uns nur sehr neckisch, um sogleich wieder zu entschwinden. Aber wenn wir geduldig sind, glaube ich zumindest, mich nur umdrehen und so tun zu müssen, das Interesse an ihnen verloren zu haben - manche Ideen und Gedanken sind sehr eitel! - und dann folgen sie plötzlich und wollen beachtet werden. Diese Chance sollte man immer nutzen, wer weiß, wann sie je wiederkommt. Und manchmal nimmt einen eine Idee tatsächlich an die Hand und baut vor den Augen ganze Gedankenkonstrukte auf. Gesegnet jener, der so viel wie möglich davon festhalten, verinnerlichen und weitergeben kann. Es sind Ideen, die ich erzwingen und beherrschen wollte, und dieser Hochmut tut nicht gut; man ist selbst schlussendlich nichts anderes als ein Medium, dem sich die Ideen nach ihrer Laune mitteilen. Man mag manchmal daran verzweifeln, aber immerhin lehren sie die wunderbare Tugend der Demut im Denken, etwas, das ich an jedem Menschen sehr schätze, wenn ich es finde. Die Figur des Schmendrick ist somit ein stückweit zu einer Allegorie geworden, die ich sehr mag.

Und dann ist da noch König Haggard, der mir ebenfalls eine Identifikationsmöglichkeit bietet. In den letzten Jahren sogar immer mehr, obwohl ich seine Figur schon als Kind faszinierend fand, vorallem weil ich nie zuordnen konnte, ob er nun 'böse' oder 'gut' sei. Wenn ich an ihn denke, fällt mir irgendwie immer als erstes der "Brief des Lord Chandos" von Hugo von Hofmannsthal ein, der beklagt, ihm sei alle Schönheit der Worte - und damit auch ein gutes Stück seiner Welt - abhanden gekommen. Ihre Träger spotten heute nur noch über ihn, nachdem ihre Welt ihn ausgestoßen hat und sie ihm nur noch fremd ist.
Manch glücklicher Mensch, der erkennt, in welche Schönheit einer Welt er hineingegeben wurde, der zu einem Menschen wird, der das Schöne so sehr liebt ... ein bisschen zu sehr, vielleicht. Alles Schöne ist nicht mehr genug, flüchtig im besten Falle. Es befriedigt einen nicht mehr. Die Welt wird einem fremd, man selbst sich vielleicht auch, obwohl man einst soviel in sie gegeben hat ("Meine Geheimnisse hüten sich von selbst, hüten sich auch die deinen?"). Da gibt es nur noch eins, was einen in dieser empfundenen Leere und Tristesse wirklich glücklich macht - und Glücksempfinden ist nunmal das, wonach wir alle eigentlich streben, weswegen man es allein für sich beanspruchen will. Man wird zum Glücksräuber der Welt. Ebenfalls eine Allegorie, die mir vertraut ist.

Und abgesehen von alledem ist DAS LETZTE EINHORN für mich ein Film, der sehr schön mit dem Wesen von Geschichten selbst und der Spannung zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit spielt: ausgedrückt in der Figur des letzten Einhorns auf der Suche nach seinen Artgenossen, denn allein zu sein ist nicht dasselbe wie einsam zu sein. Es ist der Prolog, in dem uns Tiere aus fern liegenden Zeiten kurz begegnen und lebendig werden, ehe sie wieder für alle Zeiten erstarren und womöglich vergessen werden, zugänglich nur noch für jene, die sich an sie erinnern in einer Welt, in der sie eigentlich gar keinen Platz mehr haben. Und wer weiß - Geschichte wird irgendwann zur Sage, Sage nur noch an etwas, woran sich nicht mehr viele erinnern, aber zu etwas, das erzählt werden kann, und für diesen Moment schauen uns die Figuren aus fremden und weit, weit entfernten Jahren einen Moment an und sprechen zu uns. Die Zeit folgt Fuß auf Fuß, fliegt dahin, wer auch immer sie wirklich schreiben mag. Und irgendwann wird vielleicht der Mensch nur noch eine Sage sein - oder ein Märchen, geschrieben in Büchern von Kaninchen.

Von dem Originalkommentar könnt ihr euch übrigens hier verzaubern lassen.

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