Mr. Vincent Vega eckt an

Das Rezeptionsdiktat in Film-Communities

Catwoman in The Dark Knight Rises
© Warner Bros. Pictures
Catwoman in The Dark Knight Rises

In den mittlerweile vielen Jahren virtueller Filmdiskussion, dem gegenseitigen Meinungsaustausch, der Zusammenkunft unterschiedlicher Positionen und Haltungen, beobachte ich eine Reihe immer wiederkehrender, mit verlässlicher Regelmäßigkeit und gebetsmühlenartigem Nachdruck vorgetragener Floskeln, die bestimmen wollen, wie Film zu sein habe und wie er gesehen werden müsse. Es scheint, trotz der naturgemäßen organischen Vielfalt von Ansicht und Denkweise im Community-Wesen, einen letztendlichen Konsens über die Grundlagen der inhaltlichen Diskussion zu geben, sei es in filmorientierten Internetforen, Blogs oder auch Datenbanken. Ein bestimmtes Muster, das irgendwann einmal irgendwie salonfähig geworden sein muss, so es sich ständig wiederholt oder reproduziert, und so es sich wie eine Folie, an unterschiedlichen Stellen und von unterschiedlichen Menschen, bequem über schlicht alles ziehen lässt. Dort, wo populär über Film (als Massenkulturgut) geschrieben und diskutiert wird, wo User und Mitglieder einem Interesse, einem Hobby, einer Leidenschaft nachgehen, versammeln sich die Langbartsätze und Rezeptionsklischees zu einer sich selbst bestätigenden Engsicht. In nur neun Ausgaben dieser Kolumne bildeten die Kommentare unterhalb der Artikel bereits ein anschauliches Potpourri all der immer wiederkehrenden Forderungen, wie Film zu verstehen sei, und den mit ihnen verknüpften Dogmen und Vorgaben, die ein Diktat der filmischen Erfahrung vorzugeben meinen.

Zu den häufigsten Einwürfen einer jeden rhetorischen Auseinandersetzung mit bestimmten Themen zählte auch hier bislang, dass Film in allererste Linie eines leisten solle: unterhalten. Immer wieder ist da die Rede von einer konfusen Funktionalität, die Film zu erbringen habe, und immer wieder scheint der Unterhaltungsanspruch, so unpräzise er dabei auch sein möge, an Bestimmungen geknüpft zu sein, die immer erstmal nur eines zum Ausdruck bringen: Was Film(Rezeption) müsse, und nicht was erlaubt oder vielleicht gar sinnfällig sei. Aus kuriosen Gründen ist dem Zuschauer, der Filme in gute und schlechte Unterhaltung sortiert, deshalb vor allem daran gelegen, ihn vehement vor a) „Überinterpretation“, b) gedanklichem Tiefsinn und c) gestalterischer Komplexität zu schützen, so als sei das Unterhaltungspotenzial durch sie in irgendeiner Weise bedroht. „Meiner Meinung nach sollte eine Kritik über den Unterhaltungswert eines Film berichten und nicht Leute in die Irre führen, was der Clown hier tut.“, kommentierte ein User meine Polemik zu The Dark Knight Rises. Doch wie soll sich ein solcher Wert ermitteln lassen? Wem ist damit geholfen, ob ich (der Clown) oder sonst jemand die Filme von Christopher Nolan für unterhaltsam oder nicht unterhaltsam befindet? Was schon kann eine Filmkritik anderes leisten, als Punkte zusammenzutragen und Beobachtungsergebnisse vorzustellen, aus deren geschärftem Blick bestenfalls eine Meinung hervorgeht, die dem unterhaltungswilligen Leser Anhaltspunkte für ein mögliches persönliches Urteil liefert?

Der Vorwurf der Clownerie, des In-die-Irre-führens, verweist implizit auf eine weitere Strategie, mit dem ein Film offenbar vor drohendem Unterhaltungsverlust geschützt werden soll. Unter meinem Text zur Genese des Alien-Monsters und Prometheus – Dunkle Zeichen, dem aktuellen Film von Ridley Scott, entfachte eine Diskussion über die sexuellen Konnotationen in Alien, deren Deutungen, „absolut schwachsinnig“ seien und „an der Intention des Filmes vorbei“ führten. Die seit über drei Jahrzehnten in verschiedensten Bild-, Text- und Tonmedien durchgespielte Offensichtlichkeit der psychosexuellen Entwürfe des Films einmal außer Acht gelassen, scheint sich die hier behauptete Praxis, ein Kunstwerk herunter brechen und eindeutig festlegen zu können, zusätzlich über den Weg der Intentionalisierung legitimieren zu wollen. So als ob ganz klar wäre, was der Film wolle und nicht wolle, und als ob einzig jener auserwählte Pfad beschritten werden dürfe, der ganz im ominösen spekulativen Sinne der Filmemacher sei. Eine Intention hat Ridley Scott gewiss, doch ob diese mich angesichts seiner in die Hände der Öffentlichkeit gelegten Filme auch nur eine Spur interessiert, ist mir – und jedem anderen – glücklicherweise ganz selbst überlassen. Zur Beruhigung: Sie interessiert mich durchaus. Ob ich sie allerdings zum Maß der Dinge mache, bleibt immer noch meine Entscheidung. Allen Ferndiagnosen zum Trotz, denn „wer in Alien einen Kampf der Geschlechter hineininterpretiert“, der sei schließlich „einfach absolut verrückt. PUNKT!“.

Aus einer so derart kunstfeindlichen, engstirnigen, unsinnlichen Perspektive heraus kann dann Unterhaltung, um den Begriff auch wörtlich zu nehmen, sowieso nicht mehr stattfinden. Denn einen (gedanklichen) Austausch verbieten sich solche Lesarten bereits selbst. Welchen Unterhaltungswert soll bloßes Abnicken, sollen passives Schauen und passivierendes Verarbeiten schon noch besitzen. Was ist unterhaltsam daran, Filme nur zu glotzen statt zu sehen. Und welche Möglichkeiten lässt diese kümmerliche Haltung gegenüber dem Kino noch zu, außer es in so genannte No-Brainer und Popcorn-Filme einzuteilen, sich als Teil eines entsprechend konditionierten Publikums auf die eigene Disziplinierung der Filmrezeption zu verlassen und anschließend die alles entscheidende Unterhaltungsfrage zu stellen. „Manche sehen mit dem rechten und dem linken Auge genau dasselbe. Und glauben, dies sei Objektivität.“ (Stanislaw Jerzy Lec).

Nicht zuletzt deshalb brauchte es hier eine Kolumne wie diese, ein regelmäßiges Forum, das der Lustfeindlichkeit einen Spiegel vorhält. Das in der Übertreibung nach einer Wahrheit und im aufrichtigen Gegenhalten nach dem Diskurs sucht. Das vielleicht sogar festgefahrenes Denken und eingerichtete Bequemlichkeit aufbricht, um eine Überprüfung des eigenen Blickwinkels anzuregen. Um, so lange es solche Kommentare wie die zitierten gibt, mit Rumpeln statt Kuscheln eine Diskussion zu eröffnen, bei der Zustimmung und Ablehnung nur als Ergebnisse konstruktiven Austauschs gewertet werden können. Bei der es mir nicht zwingend um Resonanz und Kommentarmeldungen, sondern geistige Auseinandersetzung geht. In einer jungen Film-Community, die, auch oder insbesondere im Eifer der Polemik, viel Wissenswertes austauschen kann. Diese Kolumne also ist nicht nur super sexy, sondern auch gleichermaßen subversiv wie konstruktiv.

Moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.
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