Community
Kommentar der Woche

Das tragische Schicksal des Dr. Hasenbein

Praxis Dr. Hasenbein
1:09
Ja, ich werde über die Straße gehen!Abspielen
© Senator Film/moviepilot
Ja, ich werde über die Straße gehen!
16.04.2016 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
2
7
Endlich verneigt sich ein Kommentar vor einer der großen Charakterstudien des deutschen Kinos - und wie so viele übersehene Meisterwerke der Filmgeschichte, muss sich auch diese Tragödie von Helge Schneider weder hinter Tolstoi, noch hinter Eiersalat verstecken.

Im Kommentar der Woche stellen wir jeden Samstag einen Kommentar vor, der euch delektieren, zum Nachdenken anregen oder einfach nur durch seine Existenz beeindrucken soll. Euch ist auch schon mal ein Kommentar irgendwo auf moviepilot unter die Räder gekommen, bei dem ihr dachtet: "Mensch, da könnte man aber mal mit dem Finger drauf zeigen!" - dann solltet ihr genau das tun! Schreibt uns und sagt: "Da isser, macht was draus!"

Der Kommentar der Woche
Im Laufe der Jahrhunderte hat uns Helge Schneider mit schriftlichen, auditiven und bildlichen Epen ein ums andere Mal in Verzückung versetzt. Aber muss die Geschichte umgeschrieben werden? War die bieder-dröge Wortschöpfung "Blödelbarde" des Altherrenfeuilletons nur dem verzweifelten Versuch geschuldet, nicht zu weinen? Kommt mit moepmoep um die Ecke da vorne und schaut aus einer anderen Perpektive auf Praxis Dr. Hasenbein! Sein Kollege Schiwago issn Dreck dagegen.

Praxis Dr. Hasenbein ist ein Film zum Nachdenken. Zu Beginn wird Dr. Hasenbein als gewöhnlicher Kleinstadtarzt präsentiert, dessen gesellschaftlicher Status klar definiert ist. Die Tagesabläufe sind von Routine geprägt, der ledige Arzt kümmert sich hierbei liebevoll um seinen Sohn Peter, während er von Tag zu Tag aufs Neue hofft, endlich das große Glück in der "Überraschungstüte für den Herrn" zu finden. Zu seinen kleinen Freuden des Lebens gehört sein Motorrad und die Musik.

Die erste Hälfte des Films plätschert dahin, ohne spektakuläre Momente zu bieten. Die Figuren werden eingeführt. Eine idylllische Kleinstadtatmosphäre wird geschaffen, in der jeder seinen Platz und seine Aufgabe hat. Subtil wird der Zuschauer jedoch auch auf die negativen Seiten hingewiesen: die kleinen Lügen, die Konfliktpotentiale der zwischenmenschlichen Beziehungen und das harte Leben im Waisenhaus.

Dann, als Dr. Hasenbein im Rahmen eines schrecklichen Missverständnisses den Goldhamster der Waisenkinder "niedermetzelt", beginnt eine Intrige gegen ihn. Das Klavier, an dem Dr. Hasenbein ein Geburtstagsständchen für Uschi, der Leiterin des Waisenhauses, spielen soll, wird präpariert. Doch der Erfahrene Musiker tappt nicht in die Falle.

Dennoch überschlagen sich jetzt die Ereignisse. Der Krieg bricht aus und Dr. Hasenbein wird eingezogen. Sein eigener Sohn kommt nun in die Obhut des Waisenhauses. Das Kriegsgeschehen bleibt dem Betrachter Großteils erspart, was dessen Fantasie anregen soll.

Erst mit der Rückkehr Dr. Hasenbeins beginnt der eigentliche Filminhalt: "30 Jahre Bombardement sind spurlos an mir vorübergegangen - ich habe Hunger!". Mit diesen Worten betritt der Heimkehrer das Haus. Doch während der Krieg ihn vielleicht nicht berührt hat, hat sich in der langen Zeit vieles verändert. Sein Sohn ist erwachsen und hat eine Familie gegründet. Dr. Hasenbein ist hier nicht willkommen. Auch die Stadt ist nicht mehr die selbe. Dr. Hasenbein wird ins Altenheim abgeschoben, geblieben ist ihm nur die Musik.

Ein sehr nachdenklicher Helge Schneider-Film, der viel Einfühlungsvermögen und Verständnis abverlangt.

Den Originalkommentar findet ihr übrigens hier.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News