Donald Glovers Atlanta entführt in den Surrealismus des Gewöhnlichen

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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Als Twin Peaks mit Rappern hat Showrunner und Hauptdarsteller Donald Glover die FX-Serie Atlanta vor dem Start der 1. Staffel bezeichnet. Ein ehrenwertes und zugleich gewagtes Vorbild, handelt es sich bei der Serie von David Lynch und Mark Frost doch um einen der bedeutendsten TV-Meilensteine aller Zeiten. Den Vergleich zu Twin Peaks hat die Serie jedoch kaum nötig, denn auch wenn die Verantwortlichen tatsächlich ein auffällig hohes Maß an Surrealismus einfließen lassen, dient dieser einem anderen Zweck als in der zum Vorbild erklärten Serie. Während das Bizarre, Surreale und Abstrakte in Twin Peaks dazu genutzt wird, um sich entschieden von der Realität abzugrenzen, dient der Surrealismus in Atlanta einer nachdrücklichen Unterstreichung der Realität. Indem die Serie skurrile Irritationen und verstörende Einschübe inmitten von banalen Alltäglichkeiten entdeckt, wird Atlanta über den Verlauf von bislang 2 Staffeln zu einem vielschichtigen, kreativen Porträt über die Befindlichkeiten von Schwarzen im Amerika der Gegenwart.

Surrealismus als Drohkulisse und Angsterzeuger in Atlanta

Bereits mit dem Episodenformat werden Zuschauer von Atlanta in die Irre geführt. Ausgehend von der Lauflänge, die stets zwischen 20 und 30 Minuten beträgt, erweckt die Serie rein oberflächlich den Eindruck einer der zahllosen Sitcoms, die ihr Publikum möglichst kurzweilig für eine geringe Zeitspanne unterhalten sollen. Atlanta stellt diese Annahme auf den Kopf. Obwohl die Serie durch ihren erzählerischen Rhythmus meist sehr minimalistisch und reduziert wirkt, besitzt jede einzelne Episode genügend kreative Impulsive, intelligente Bezüge zur Gegenwart und spannende Interpretationsansätze, um den eigenen Rahmen regelmäßig zu sprengen. Zumal die Serie aufgrund der formschönen Handschrift von Regisseur Hiro Murai ohnehin besser auf eine Kino-Leinwand passen würde.

Die unzähligen Verschiebungen der Lebensrealitäten, mit denen die Figuren von Atlanta im Verlauf der Serie konfrontiert werden, dienen laut Donald Glover einem ganz speziellen Zweck. Während einer Pressetour (via The Hollywood Reporter) sprach er im Sommer 2016 darüber, dass er Menschen in Angst versetzen will. Nur so könnten sie nachempfinden, was es bedeutet, schwarz zu sein. Erst letztes Jahr hat Jordan Peele, der eigentlich aus dem Comedy-Bereich stammt, mit seinem großartigen Film Get Out bewiesen, dass Horror der ideale Katalysator sein kann, um die Angst und den Schrecken der schwarzen Bevölkerung Amerikas in beunruhigende Bilder zu fassen, die irgendwann konsequent völlig aus dem Ruder laufen. Auch in Atlanta blitzt das blanke Chaos immer wieder für kurze Momente auf, nur um in der nächsten Szene schon wieder zum vermeintlich Gewöhnlichen zurückzukehren.

Atlanta zeigt das alltägliche Leben als Glanzparade unvorhersehbarer Absurditäten

Als Hauptfigur von Atlanta dient der ziellose Earnest Marks (Donald Glover), der allgemein nur Earn genannt wird. Nachdem er sein Studium an der Elite-Universität Princeton abgebrochen hat, ist Earn chronisch pleite und hat nicht einmal mehr einen festen Wohnsitz. Hinzu kommt, dass er eine kleine Tochter mit Vanessa (Zazie Beetz) hat, mit der er eine Beziehung führt, die sich nur als kompliziert bezeichnen lässt. Eine lukrative Chance wittert Earn, als er erfährt, dass sein Cousin Alfred (Brian Tyree Henry) unter dem Rapper-Pseudonym Paper Boi kürzlich ein gefeiertes Mixtape veröffentlicht hat. Um ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen, falls Paper Boi bald der nächste große Star am Hip-Hop-Himmel wird, will Earn Alfreds Manager werden. Ergänzt wird das Ensemble hervorragend durch Alfreds besten Kumpel Darius (Lakeith Stanfield), der philosophische Erkenntnisse und dauerbekifften Nonsense in sich vereint.

Mit dieser Figurenkonstellation experimentieren die Autoren der Serie so weit, bis Atlanta zwischen melancholischer Betroffenheit, gesellschaftlichen Missständen, persönlichen Problemen und surrealen Mysterien bewusst in wundervolle Einzelteile zerfällt, die sich trotzdem mühelos zu einem Ganzen zusammenfügen lassen. Speziell die 2. Staffel präsentiert sich in dieser Hinsicht noch radikaler, wenn das zentrale Trio rund um Earn, Alfred und Darius ab der Hälfte auseinandergerissen wird, um die jeweiligen Figuren in Einzelepisoden noch ausführlicher zu beleuchten. Dabei bleibt Atlanta weiterhin eine Serie, die das alltägliche Leben, speziell eingeschränkt auf die afroamerikanische Kultur der USA, als Glanzparade unvorhersehbarer Absurditäten abbildet.

Unsichtbare Autos und Michael Jackson-ähnliche Phantome als surreale Höhepunkte von Atlanta

Sehr leicht kann man sich als Zuschauer in den surrealen Höhepunkten von Atlanta verlieren. Ein rätselhafter Mann, der sich im Bus neben Earn ein Nutella Sandwich schmiert und in der nächsten Sekunde einfach verschwunden ist, stellt nur einen der vielen verblüffenden Tricks dar, die die Drehbuchautoren auf Lager haben. Auch ein unsichtbares Auto, ein schwarzer Justin Bieber und eine ganze Episode im Stil einer Talk-Show-Übertragung inklusive satirisch überspitzter Werbeunterbrechungen gehören zu den Ereignissen, die in Atlanta verblüffen. Auch die Erscheinung eines Phantoms, das Michael Jackson ähnelt und für die wohl beängstigendste wie tragischste Episode der 2. Staffel sorgt, gesellt sich zu den denkwürdigen Momenten der Serie.

Ablenken können all diese Elemente aber nicht davon, dass Atlanta im Kern durchwegs eine Serie ist, die beispielsweise eine LGBTQ-Diskussion anstößt oder zeigt, wie schwer Schwarze in der Musikindustrie Fuß fassen können, ohne ihre künstlerische Seele sowie afroamerikanische Identität zu verkaufen. Donald Glover selbst brachte den Kern der Serie als Musiker Childish Gambino mit dem Titel seiner letzten Single, die durch das dazugehörige Video zum viralen Hit wurde, treffend auf den Punkt: This Is America.

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