Tatort Kritik

Ein Tatort versucht sich an Kapitalismuskritik

Tatort - Scherbenhaufen
© SWR
Tatort - Scherbenhaufen

Ein bisschen Kritik am Kapitalismus und ein paar Innenansichten aus einer zerstrittenen Familie bot der neue Tatort aus Stuttgart. Souverän und sozusagen leicht aus dem Handgelenk geschüttelt unterhielt Tatort: Scherbenhaufen, ohne viele Reibungspunkte zu bieten. Aber warum meckern? Ein Stuttgarter Tatort im Autopilot ist immer noch besser als ein durchschnittlicher aus Ludwigshafen oder Leipzig. Aufgefrischt wurde der etwas vorhersehbare Krimi außerdem mit einem Undercover agierenden Kommissar Bootz (Felix Klare), der gegen Ende natürlich selbst zur Zielscheibe des gierigen Mörders wird.

Lokalkolorit: Das Leben eines reichen Geschäftsmannes ist schon hart. Mit dem verdeckt ermittelnden Bootz tauchen wir in Tatort: Scherbenhaufen ein in die Angelegenheiten der Familie Imberger, die mit Porzellan zu Geld gekommen ist, sich jedoch nun den Spielregeln des modernen Kapitalismus beugt. Zwischen der Villa der Unternehmer und der einfachen Holzhütte eines depressiven Ex-Mitarbeiters navigiert der Krimi, zeigt wenig Stuttgart, aber viel von den seelischen Narben, die die rücksichtslose Gewinnmaximierung auf allen Seiten hinterlässt.

Plot: Ein Besuch auf dem Friedhof ist eigentlich bedrückend genug, doch für Otto Imberger (Otto Mellies) wird es ungemütlich, als bei einem ebensolchen auf ihn geschossen wird. Sein Chauffeur geht dabei drauf und die diversen Andeutungen zu Beginn, dass die Schüsse vielleicht gar nicht dem Porzellanmagnaten golten, werden im Verlauf des Krimis bestätigt. Mit Hilfe der Wirtschaftsspionage haben sich die Imbergers Vorteile in der Produktion industrieller Keramik verschafft. Ein Deal mit den Chinesen steht bevor. Da stört so ein erpresserischer Chauffeur nur. Denkt sich zumindest der auf unsympathischste Weise sportlich gekleidete Sohn Lukas (Ole Puppe) und versucht am Ende sogar, den Undercover-Cop Bootz im Wald zu erschießen, was dann leider als erzwungener Klimax daherkommt.

Unterhaltung: Die Stärken von Tatort: Scherbenhaufen liegen nämlich weniger im Ratespiel, wer denn nun der Attentäter ist. Viel spannender ist die seelische Renovierungsarbeit, die Bootz als falscher Chauffeur beim Industriellen Imburger leistet. Erst wird dessen Vertrauen errungen, dann ins Gewissen geredet und das alles in der ständigen Gefahr, enttarnt zu werden. Die beiden sehr unterschiedlichen Söhne und erst recht die Mutter kommen allerdings etwas kurz, weswegen die schlussendliche Auflösung des Mörders arg fachmännisch wirkt.

Tiefgang: Der Friedhof als eindringliches Bild für den Druck der Generationen, der auf dem müde wirkenden Otto Imberger lastet. Vater und Großvater liegen da begraben. Einst bauten sie das Porzellangeschäft auf. Nun liegt es an Otto, die Firma in die glorreiche Zukunft zu lenken. Die beiden Söhne Lukas und Gerald verkörpern dabei die zwei Seelen in seiner Brust. Der eine freut sich über die Verlagerung der Produktion von Stuttgart nach Rumänien und will das Kerngeschäft zugunsten neuer Märkte aufgeben. Dabei sind ihm, ganz im Klischee des Raubbaukapitalismus stecken bleibend, alle Mittel Recht. Der andere schwäbelt ein bissel mehr, ist ganz förmlich gekleidet und sieht die Stuttgarter Firma ohne Besinnung auf ihre Wurzeln vor die Hunde gehen. Dass nun ausgerechnet ersterer der Mörder ist, kann gern als Kommentar aktueller Funktionsmechanismen des Kapitalismus gelesen werden. Oder als Einfallslosigkeit.

Mord des Sonntags: Einmal mehr schockiert ein Selbstmord am meisten im Tatort. Denn wie der geschasste und nun depressive, menschliche Scherbenhaufen Rudolf Bischoff (Bernd Tauber) vor den Augen des ehemaligen Chefs aus Verzweiflung sein Hirn auf den Pflastersteinen verteilt, dürfte nicht nur Bootz noch eine Weile im Gedächtnis bleiben.

Zitat des Sonntags: “Ich bin derjenige, der deine Fehler ausbügelt.”

Solide Krimi-Unterhaltung, aber nichts besonderes bot der neue Tatort aus Stuttgart in meinen Augen. Doch wie hat er euch gefallen?

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."
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