Eine Frau unter Einfluss - Verrückt sind niemals nur die anderen

Eine Frau unter Einfluss
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You want it darker, we kill the flame.

Mabel Longhetti ist eine der außergewöhnlichsten Frauen, die das realistische Kino je hervorgebracht hat. Außergewöhnlich keineswegs nur in dem Sinne, dass nach dem Ansehen von Eine Frau unter Einfluß kaum ein Zuschauer sagen wird: "So jemanden kenne ich aus meinem eigenen Leben!" Die Protagonistin des elektrisierenden Dramas von John Cassavetes steht permanent unkontrolliert unter Strom. Weder ihre Füße, ihre Hände und erst recht nicht ihre Gesichtszüge scheinen auch nur eine Sekunde lang zu ruhen. Meistens ist sie damit beschäftigt, ihr Umfeld unbedingt für sich gewinnen zu wollen. Nicht aus Kalkül, sondern einfach nur, weil sie Liebe und Anerkennung braucht, derer die sensible Mutter sich immerzu versichern muss. Wirklich verstehen können das offenbar allein ihre drei Kinder, die Mabel in einer Szene mit einem euphorischen "Wrumm!" empfängt, als der Schulbus an der Haltestelle einrollt. Sie selbst ist eigentlich eines von ihnen, steckt aber in einem Erwachsenenkörper fest und soll Erwartungen erfüllen. Dies wiederum markiert einen Zustand der Überforderung, in welchem sich vermutlich so gut wie jede(r) eines Tages zumindest temporär wiederfindet. Mabel erinnert uns im großen Stil daran.

Ihr Gesicht erhält die Vorstadtheldin von Leinwandlegende Gena Rowlands, die abseits der Kameras mit Regisseur und Drehbuchautor Cassavetes bis zu dessen Tod im Jahre 1989 verheiratet war. Ursprünglich war Eine Frau unter Einfluss als Theaterstück angelegt, doch die Schauspielerin schreckte davor zurück, allabendlich in die Rolle eines derart labilen Charakters zu schlüpfen. Tatsächlich wird Mabel im Verlauf der Handlung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wobei durchaus zur Debatte steht, ob sie die unzurechnungsfähigste Figur des Films ist. Einen wichtigen Part spielt daneben nämlich "Columbo" Peter Falk als ihr Ehemann Nick. Der Bauarbeiter reagiert teils mit Gewaltausbrüchen, wenn er erkennen muss, dass Normalsein (was auch immer das überhaupt konkret bedeuten mag) keine Frage innerer Anstrengung ist und präsentiert sich auch insgesamt bemerkenswert ratlos im Umgang mit seiner Gattin - wenn er nicht gerade die gemeinsamen Kinder mit Bier abfüllt, spontan eine ganze Kompanie von Arbeitskollegen zum Essen anschleppt oder sich dem Gebaren seiner dominanten Mutter unterordnet.

Die Gefühle laufen Sturm

Das große Wunder von Eine Frau unter Einfluss besteht darin, dass Mabel und Nick zwar kaum imstande sind, sich dem jeweils anderen auf eine probate Weise mitzuteilen, einander aber dennoch innig lieben. Die Komplexität der Figuren und ihrer Beziehung vermittelt John Cassavetes mit langen Einstellungen, die oft abrupt enden und Lücken reißen, die das Publikum mit eigenen Gedanken füllen darf und eigentlich auch muss. Als Beispiel dafür kann Mabels Besuch einer Bar dienen, in der sie einen Mann kennenlernt und mit nach Hause nimmt (Nick ist derweil die ganze Nacht über bei einem Notfalleinsatz aktiv). Dort angekommen scheinen die betrunkene Hausfrau mittlerweile Zweifel zu plagen und es folgt schließlich sogar ein Gerangel auf dem Fußboden. Was genau danach noch passiert, erfahren wir nicht. Indes ist der Mann am nächsten Morgen noch da und die Stimmung äußerst konfus. Vieles deutet darauf hin, dass die Begebenheit Mabels Verhalten fortan stark prägt, wobei der emotionale Ausnahmezustand zusehends zur Regel wird.

Probleme miteinander hat das zentrale Paar des Films insbesondere, wenn weitere Personen anwesend sind und einen unsichtbaren, gleichwohl intensiv empfundenen Druck auf die beiden aufbauen. Während Nick aber selbst unmittelbar nach der Entlassung seiner Frau aus der Klinik alles dafür tut, um eben diesem Stand zu halten (so mahnt er die anwesenden Partygäste an einer Stelle, gefälligst über Themen wie das Wetter zu reden), reagiert Mabel wie ein Ballon, der mit voller Kraft unter Wasser gedrückt wird. Frei fühlt sie sich nur dann, wenn sie traumversunken zu den Klängen von Tschaikowskis Schwanensee durch den Garten schwebt. So ist das nun einmal.

John Cassavetes war eine Ausnahmeerscheinung

Das Wort "ungestüm" kommt mir als erstes in den Sinn bei dem Versuch, Cassavetes' Regie zu beschreiben. Viele Szenen - vielleicht die meisten - aus eine Frau unter Einfluss würden bei anderen Filmemachern damals wie heute der Schere zum Opfer fallen. Hier allerdings beginnt erst all das, was die unbestechliche Wahrhaftigkeit eines typischen Cassavetes ausmacht. Er beobachtet seine Figuren bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, bewertet und verurteilt sie aber nicht. Seine Werke (und dieses von 1974 im Besonderen) sind in ihrer Vielschichtigkeit von einer entwaffnenden dokumentarischen Klarheit durchzogen, muten dabei aber nicht einmal ansatzweise voyeuristisch an.

Fraglos geht es in Eine Frau unter Einfluss drunter und drüber. Mal hält Nick Marbels Gesicht liebevoll in seinen Händen, mal schlägt er sie. Nicht selten beschlich mich während des Films der Verdacht, dass ein Mann sich im Vergleich zu einer Frau sehr viel mehr Entgleisungen leisten muss, um in den Augen der Gesellschaft als verrückt zu gelten. Allzu viel Hoffnung verbreitet Cassavetes ohnehin nicht und vielleicht ist die denkbar realistischste Erwartung an eine dauerhafte Liebesbeziehung, gemeinsam einsam zu sein. Auch hingegen weiß ich dank Eine Frau unter Einfluss: Liebe ist, einfach mal nicht ans Telefon zu gehen.

Was haltet ihr von den Filmen des John Cassavetes?

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