Bird Box - Das bedeutet der angebliche Erfolg des Netflix-Films wirklich

Bird Box bei Netflix
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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

Netflix veröffentlicht Zahlen zu seinen Filmen und Serien eigentlich nur dann, wenn sie Erfolge unterstreichen. Wie ein Schulkind, das seine Einsen mit nach Hause bringt - die Vieren, Fünfen und Sechsen aber verschweigt. Auch diese Meldung kam deshalb nicht überraschend: 45 Millionen Mal soll Bird Box auf der Streaming-Plattform Netflix abgespielt worden sein. Der Genre-Eintopf mit Sandra Bullock sammelte innerhalb der ersten 7 Tage so viele Zuschauer wie kein Netflix-Film zuvor, behauptet Netflix. Das klingt natürlich zunächst beeindruckend.

Doch wie sollen wir Außenstehenden einen Erfolg einordnen ohne verfügbare Vergleichszahlen? Wir wissen zum Beispiel nicht, wie häufig Netflix-Filme normalerweise innerhalb der ersten 7 Tage angeschaut werden. Die zu Bird Box veröffentlichten Daten sind sehr wässrig. Ihnen fehlt jeglicher Kontext, ihre Aussage ist somit interpretierbar, nach oben oder nach unten.

The Verge hat sich die Zahlen zu Bird Box genauer angeschaut. Das müssen wir beachten, um den Erfolg von Bird Box richtig einzuschätzen.

Die Nutzer müssen Bird Box nicht vollständig geschaut haben

  • Ein Netflix-Sprecher verriet The Verge, dass der Film schon als "geschaut" gilt, wenn er zu 70 Prozent beendet wurde, inklusive Abspann. Der Sprecher ergänzte, dass diese 70 Prozent-Grenze bisher nur bei Bird Box gezogen wurde, um die Reichweite eines Netflix-Films zu erfassen. Weshalb ausgerechnet 70 Prozent? Wir wissen nicht, wie viele Millionen Abrufe zusammengekommen wären, wenn, sagen wir mal, der Film erst bei 80 Prozent den "Geschaut"-Status erhalten würde. Auf diese Weise lässt sich eine Statistik beliebig formen.

Die tatsächlichen Zuschauerzahlen waren aber vielleicht sogar noch höher

  • Von den knapp 137 Millionen Netflix-Konten weltweit sollen 45 Millionen bereits Bird Box abgespielt haben. Ein Drittel aller aktiver Netflix-Accounts kam also nicht um Bird Box herum. Doch die Summe meint wirklich nur die Accounts, über die Bird Box geschaut wurde. Hier war Netflix bescheiden, die Zahl multipliziert sich eher noch. Denn gerade über die Feiertage, wenn Familien und Freunde sich in denselben Haushalten aufhalten, wird der Film auf einem Account von mehreren Personen gesehen worden sein. Auch ein Rewatch, also wiederholtes Ansehen, fällt nicht in die Statistik.

Die von Netflix veröffentlichen Zahlen werden in der Branche regelmäßig angezweifelt

  • Detaillierte, verbriefte Abrufzahlen zu Netflix-Inhalten gibt es nicht. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen bemüht sich jedoch um eine Ermittlung der Zuschauerzahlen bei Netflix. Nielsen untersucht etwa auch die Quoten im traditionellen US-Fernsehen. Die Nielsen-Zahlen unterscheiden sich allerdings regelmäßig von den von Netflix veröffentlichten Daten, schreibt The Verge.

Auch Daniel Fienberg vom Hollwood Reporter gibt deshalb jetzt nicht viel auf die Daten zu Bird Box:

Fienberg glaubt an einen Erfolg von Bird Box, "doch ohne nachprüfbare oder Vergleichsdaten“ hält er die vagen Zahlen für den "Inbegriff des Unsinns". Solange Netflix seine Datenpolitik nicht transparenter gestaltet, könnte es Filme wie Bird Box eben zu rekordbrechenden Erfolgen ernennen, wie es gerade passt.

Die Bright-Formel: Warum Bird Box viele Netflix-Nutzer erreichte

Wie auch Fienberg meint, ändert das alles nichts daran, dass Bird Box höchstwahrscheinlich wirklich einer der zuschauerstärksten Netflix-Filme überhaupt war. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen.

Der Veröffentlichungszeitraum ist günstig gewählt, Sandra Bullock ein zugkräftiger Name und die Trailer und bei Netflix automatisch abgespielten Vorschau-Snippets wirken anziehend auf die Zuschauer. Sich an einem leeren Nachmittag zwischen den Jahren Bird Box anzuschauen, ist eine risikoarme Entscheidung - müssten wir sie für Stefan in Bandersnatch treffen, würden wir nicht lange überlegen

Netflix hat bei Bird Box die Bright-Formel angewendet. Bright mit Will Smith holte Ende 2017 in den ersten drei Tagen nach seiner Veröffentlichung 11 Millionen Zuschauer. Diese Zahlen stammen übrigens von Nielsen.

Die Bright/Bird Box-Formel funktioniert so:

Zugänglicher Genre-Stoff + Superstar-Power + Feiertage (viel Zeitüberschuss beim Nutzer) = massig Views

Ob die Filme den Nutzern auch gefallen, ist da eher nachrangig. Bird Box kommt bei den moviepiloten etwa nur geringfügig besser an (6.1 von 10 Punkten) als Bright (5.9). Erst bei den Kritikern geht die Schere auseinander (5.8 zu 4.0), wobei beide Netflix-Erfolge keine Kritikerlieblinge sind.

Habt ihr Bird Box gesehen: Wie schätzt ihr den Erfolg ein?

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