Fargo - Staffel 3, Episode 2: Google bringt den Tod

Fargo
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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

In der Auftaktfolge dieser Staffel von Fargo verweilten wir ein paar Sekunden auf ätherischen Bildern, als hätte der Schnittmeister selbst an Maurices Joints geschnüffelt. Das Drehbuch von The Principle of Restricted Choice (S03E02), der 2. Folge der 3. Staffel, konzentriert sich nun voll auf das Arrangement von Plot und Figuren. Die Beziehung der beiden Brüder Emmit und Ray Stussy kühlt sich - unterstützt von Nikkis Tampon-Attacke - schneller ab als ein Pappbecher Kaffee im Schnee von Minnesota. Polizistin Gloria begibt sich auf die Suche nach dem Mann, der ihrem Stiefvater Mund und Nase zugeklebt und ihn erstickt hat. Vor allem zeichnet sich der echte Bösewicht dieser Staffel ab. Nein, nicht die grassierende Dummheit der Figuren, sondern V.M. Varga. Der legt einen höchst effektiven Werbespot über die Gefährlichkeit des Internets vor, wenn er Emmits Anwalt unter Zuhilfenahme einer Google-Anfrage samt Trojaner um die Ecke bringen bzw. in die Tiefe stürzen lassen kann. Wer den Auftakt etwas träge fand, dem könnte Episode 2 mehr zusagen. Ein paar schmackhafte Gags hält der Ausflug in den Dezember des Jahres 2010 auf jeden Fall parat.

"Unfathomable pinheadery", wie Nikki Swango (Mary Elizabeth Winstead) es so schön ausdrückt, scheint mir die Leitlinie dieser Folge von Fargo zu sein. Die "unergründliche Dummheit" von Ray, der ausgerechnet den Kiffer Maurice zum Diebstahl anstiftete, bildete einen der fatalen Steine des Anstoßes der Staffel. Der andere lag vor Emmits Füßen, der sich 1 Million Dollar von einem Typen und seiner Firma geliehen hat, dessen vollständigen Namen er nicht einmal kennt. In The Principle of Restricted Choice grassiert die Dummheit wie eine ansteckende Krankheit, jede Selbstüberschätzung wird sogleich bestraft, was sie umso witziger aussehen lässt, allerdings auch Abnutzungserscheinungen zeigen kann.

Emmit (Ewan McGregor) und Sy (Michael Stuhlbarg) werden von ihrem Anwalt zusammengestaucht für ihren dämlichen Deal. Der Anwalt aber sitzt später vor Google wie ein Menschenaffe vor einem pechschwarzen Monolithen. Ein paar falsche Buchstaben (V.... M... V....A..R....G.A), ein automatisch erstellter Screenshot und schon steht man auf der Todesliste des very mysteriösen V.M. Dabei lernen wir ein neues Killer-Duo kennen, diesmal ein Sneaker tragender Russe namens Yuri (Goran Bogdan) und sein Kopfhörer tragender Kompagnon Meemo (Andy Yu). Yuri ist zu jung, um jener mörderische Yuri aus dem Ostberliner Prolog der Staffel zu sein. Dafür festigt er die Russian Connection dieser Fargo-Staffel. Emmits Berater Sy ist auch so einer, dessen Einschüchterungstaktik eher suboptimal funktioniert. Zwar gelingt es ihm unter kräftiger Mithilfe von Rays (Ewan McGregor) und Nikkis periodischen Einbruchsversuchen, die beiden Stussy-Brüder weiter auseinanderzutreiben. Wenn er dann mit erhobenem Mittelfinger Rays Corvette ramponiert, nimmt er aus Versehen noch ein unschuldiges Auto mit und rast selbst beinahe gegen einen Pfeiler. Unter dem Großmannsgetue von Sy und anderen blinzelt stets die kleine, ungelenke Minnesota-Seele durch, die mit übertriebener Nettigkeit und Unauffälligkeit besser aufgehoben ist.

Was uns zu den zwei Ausreißern aus der Dümmlichkeitsspirale dieser Episode bringt: Gloria und Varga - Verzeihung - V.M. Polizistin Gloria (Carrie Coon) offenbart sich als Technikfeindin, was ihr neuer Chief (Shea Wigham) ihr sogleich vorwirft. Es ist sicher nicht clever, auf moderne Methoden der Polizeiarbeit zu verzichten, aber eines steht fest: Ein Varga-Hack hätte auf Glorias Schreibtisch nicht passieren können. Es wäre zudem eine feine Ironie, wenn sie Ray und Nikki ausgerechnet durch ein olles Telefonbuch findet ("Die wurden in den 70ern immer geklaut"). Glorias Haltung zur Technik verstärkt gleichzeitig ihre Isolation. Ein Gespräch am Handy bricht ab und die Schiebetür-Sensoren erkennen sie immer noch nicht. Das kann der Popkulturgeschichte gemäß nur zwei Gründe haben: Sie ist ein Geist oder sie hat ihre Seele an den Teufel verkauft. In jedem Fall scheint sie in einer Blase der Einsamkeit und Apathie durchs Leben zu driften, seitdem sie von ihrem Ehemann für einen anderen Mann verlassen wurde. Carrie Coons Rolle in dieser Staffel ist bislang unauffällig. Die Szene beim Bestatter des Stiefvaters gerät in diesem Kontext unnötig grausam und dick aufgetragen, vielleicht um etwas Pfeffer in die Angelegenheit zu bringen. Die Verkommenheit im Großen wie Kleinen dominiert schließlich das Fargo-Geschehen. Der warme Kern aus Staffel 2 wird hoffentlich noch auf Betriebstemperatur gebracht.

Es ist löblich, wie Emmit und Ray jenseits des Casting-Gimmicks als nuancierte Figuren bestehen. Die im Verenden begriffene Bruderliebe rappelt sich beim Gespräch vor dem Haus nämlich noch einmal auf. Ray bereut Maurices Klimaanlagen-"Unfall" (und kriegt dafür von Nikki zwei runtergehauen) und Emmit will seinem Bruder fast die wertvolle Briefmarke überlassen. Bei beiden sind also Ansätze von moralischen Prinzipien erkennbar. Doch die werden von ihren Partnern (Sy und Nikki) und ihrer Gier erstickt. Die Polizistin, deren Büro vom größeren County "absorbiert" wird, bildet deshalb den klarsten Gegenpol zum Schurken Nummer 1: V.M. Varga. Der absorbiert die Firma Stussy, nimmt ihre Parkplätze und Büroräume in Beschlag, was einen urkomischen visuellen Moment zaubert, als sich Emmit vor seinem Geschäftspartner Varga verstecken will - hinter einer durchsichtigen Glaswand.

David Thewlis kaut als Varga genüsslich auf jeder Silbe herum, was angesichts seiner Zahnhygiene kein Bild ist, das wir uns länger als zweieinhalb Sekunden vorstellen müssen. Varga zuzuschauen macht Spaß. Er bietet in der Pinheadery-Parade der ersten beiden Folgen auch eine dringend nötige IQ-Alternative. Als treibende böse Kraft wirkt er weniger übermenschlich als Lorne Malvo in Staffel 1. Was sicher auch an dem schwitzigen Hemd, der schlaffen Krawatte und den gammeligen Zähnen liegen dürfte. Während Ray und Emmit und Nikki und Sy versuchen, etwas anderes, Größeres zu werden, kehrt Varga glattweg sein Inneres nach außen. Die Pärchen wiederum reden aneinander vorbei, missverstehen sich, lügen. Das Eselsbild an der Wand beispielsweise ist für Emmit schlicht der Ersatz eines zu Bruch gegangenen Rahmens. Nikki, die die Briefmarke stehlen will, interpretiert es als Spott und Herausforderung zum Kampf. Also platziert sie ein blutiges Tampon in Emmits Schublade. Die Lage spitzt sich dank dieser "mixed signals" weiter zu.

Diese, im Vergleich zu vorangegangenen Staffeln maximierten, Kommunikationsbarrieren verstärken neben den Doppelgängern und falschen Identitäten den Eindruck, jeder lebe in dieser 3. Staffel von Fargo in seiner eigenen Geschichte. Jeder lebt mit seiner eigenen Wahrheit und sie alle überlagern sich. Unter wachem Zuschauerauge bilden sie Symmetrien und Muster, nur die "echte Wahrheit" bleibt schwer zu entziffern. Oder fast jeder. Varga mag in mehreren Zungen sprechen, seine Signale könnten eindeutiger nicht sein ("You're trapped"). Gloria lebt fern der Kakophonie demgegenüber in ihrem eigenen Stummfilm, verbildlicht im verklebten Mund ihres toten Stiefvaters. Möge sie Ordnung ins amüsant-böse Fargo-Chaos bringen! (Aber nur ein bisschen.)

Zitat der Folge: "Now you see it, the inescapable reality ... You're trapped."

Anmerkungen am Rande:

  • Nikki setzt laut Sy auf "Feminine hygiene deployed as a weapon."
  • "By the time we're done you'll be billionaires ... On paper at least."
  • "I'm not gonna create the implication of foreknowledge."
  • "You know what year it is, right? The future."
  • "You borrowed a million dollars from a guy without knowing his first name. I'm not asking a question, I'm just assessing the level of stupidity."
  • Emmit erwähnt beim Gespräch über das Grundstück unter dem Highway einen Stan Grossman. Stan Grossman (Larry Brandenburg) ist im Film Fargo der Geschäftspartner von Jerrys Schwiegervater Wade. In Little Miss Sunshine kommt die Figur ebenfalls vor, gespielt von Bryan Cranston.
  • Der murmelnde Ex-Con in Rays Büro hat einen Seelenverwandten in Arizona Junior.
  • Sy denkt eindeutig zu viel über Sklavenmädchen nach.
  • Ein paar von Ennis "Thaddeus Mobley" Stussys Romanen: "Space Elephants Never Forget", "Toronto Cain - Psychic Ranger", "Organ Fish of Kleus-9", "The Plague Monkeys"

Fargo Recap 1: Staffel 3, Episode 1: The Law of Vacant Places


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