Girlboss - Pilot-Check zur frechen Dramedy mit Britt Robertson

Britt Robertson in Girlboss
© Netflix
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moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Im Wochentakt stockt Netflix mittlerweile sein Angebot an Eigenproduktionen auf - und das in einer Zeit, in der alles verfilmt wird, was nicht niet- und nagelfest ist. Mittlerweile dienen alle möglichen Ausgangsstoffe als Grundlage für erfolgreiche Serien. Warum also auch nicht die Biographie von Sophia Amoruso, die im Jahr 2014 unter dem Titel Girlboss veröffentlicht wurde und von niemand Geringerem als Lena Dunham, Stimme der Millennials, als ganze Bewegung und Niederschrift einer eigenen Philosophie bezeichnet wurde. Girlboss besitzt etwas, das perfekt auf die Zielgruppe von Netflix zugeschnitten scheint und sich in Zukunft tadellos irgendwo zwischen Serien wie Master of None und Love in den Katalog des US-amerikanischen Streaminganbieters einreihen wird. Doch lohnt sich ein Blick in Serie oder handelt es sich um eine lieblose wie überflüssige Adaption, die lediglich existiert, um bestimmte Content-Nachfragen zufriedenzustellen?

Um das Gewicht und den Tonfall der erzählten Ereignisse zu definieren, stellt Girlboss gleich in der ersten Einstellung fest: "What follows is a loose retelling of true events. Real loose." Die Selbstironie liegt auf der Hand, doch Girlboss versteht sich nicht bloß als augenzwinkernde Geschichte einer jungen Frau, die damit konfrontiert wird, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nein, Girlboss versteht sich als selbstbewusste Erzählung einer jungen Frau, die völlig überfordert ist mit all den Aufgaben des Lebens, auf die sie nie vorbereitet wurde. Trotzdem lässt sich Sophia (Britt Robertson) nicht unterkriegen, sondern sagt den Problemen den Kampf an. Und damit bringt die Verfilmung den Geist von Sophia Amorusos Biographie auf den Punkt: Hier geht es darum, zum Schmied des eigenen Schicksals zu werden und in persönlichen Niederlagen die Chance zu sehen, einen Neustart zu wagen, ohne sich von der ignoranten Welt herum entmutigen zu lassen.

Denn das Gefühl, dass sich die Welt auch ohne Sophias Zugabe dreht, ist eine frustrierende und überaus vertraute Erkenntnis. "Adulthood is where dreams go to die", stellt Sophia in einer der ersten Szenen von Girlboos fest, obgleich die ältere Dame auf der Parkbank neben ihr anderer Meinung ist. In diesem Moment treffen bereits sehr viele tolle Eigenschaften der Serie zusammen und ein grundsympathischer Humor vereint sich mit einer reflexiven Ebene, die zwar noch nicht allzu tiefe Grabungen im Innenleben der Protagonistin anstellt, dennoch ausreicht, um Girlboss als clevere, gut gelaunte Auseinandersetzung mit dem Begriff des Erwachsenwerdens ernst zu nehmen. Wenn sich Sophia mit ihren 23 Jahren aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung absolut ohnmächtig fühlt, ist das ein Zustand, den wir alle irgendwo nachvollziehen können. Girlboss besteht aber darauf, dass es keine Perspektive ist, den Kopf in den Sand zu stecken, ohne dabei wie ein Kalenderspruch zu wirken.

Sophia Amorusos zugrundeliegendes Schriftwerk ist nicht bloß eine Biographie, die den eigenen Werdegang beweihräuchert, sondern ein Appell, der gleichermaßen Mut macht wie auffordert. Direkt adressiert die Autorin ihre Leserschaft und überwindet damit jegliche Distanz - ein Ansatz, den die Serie zwar nicht direkt übernimmt, durch Sophias ungefilterte Gedankenströme dennoch gekonnt Ausdruck verleiht. Wenngleich die Protagonistin vom Bruch der vierten Wand absieht, gewährt ihre offene und lebendige Art einen unmittelbaren Einblick in ihre Gefühlswelt, die sich in den meisten Fällen gewaltig von ihrem äußeren Zustand unterscheidet. Wer Sophia fragt, ob es ihr gut geht, bekommt nie eine ehrliche Antwort. Zu groß ist der Druck, sich ständig zu beweisen und ein kontrolliertes, anständiges Leben zu kolportieren. Doch dann meldet sich die ältere Dame aus dem Park wieder schonungslos zu Wort: "Everything you say is stupid. You’re generation is so fucked up."

Am liebsten würde ihr Sophia sofort widersprechen und sie eines Besseren belehren. Denn in Wahrheit schlummert tief in ihr eine enorme Schaffenskraft, die sie dazu befähigt, ganze Berge zu versetzen. Das Problem ist nur: Bisher hat Sophia keine Ahnung, wie sie diesen Energiequell richtig katalysieren kann, ohne sich dabei jeden Menschen auf diese Erde mehr oder weniger unabsichtlich zum Feind zu machen. Selbst ihren Job setzt sie leichtsinnig aufs Spiel, nur, um sich selbst zu beweisen, dass die recht hat. Sophia durchdringt eine unglaubliche Rastlosigkeit und auf keinen Fall will sie sich eine Niederlage eingestehen, obwohl sie sie am laufenden Band erlebt. Dabei hat sie so große Träume. Auf Nachfrage, um welche großen Träume es sich dabei genau handelt, fehlen ihr jedoch jegliche Worte. Girlboss macht es sich fortan zu Aufgabe, Sophia dabei zu observieren, wie sie für sich selbst herausfindet, was sie wirklich in diesem Leben will.

Serienschöpferin Kay Cannon, die aus der Pitch Perfect-Ecke stammt, bewegt sich im Rahmen der von How to Be Single-Regisseur Christian Ditter inszenierten Pilot-Episode in den sicheren Gefilden einer aufgeweckten Coming-of-Age-Geschichte, die extrem kurzweilig erzählt ist, bisher jedoch vor dem großen Knall stets halt macht. Unter den richtigen Umständen könnte hier die perfekte Mischung aus The Social Network und Girls entstehen, vorerst genießt die Serie aber schlicht die Freude ihrer puren Existenz und präsentiert sich dabei genauso impulsiv wie ihre eigene Hauptfigur. Nach überaus amüsanten und auch ein bisschen berührenden 30 Minuten befinden wir uns am Beginn einer Geschichte, die - zumindest ausgehend von den tatsächlichen Begebenheiten - noch sehr viel über den Zeitgeist der letzten 15 Jahre zu erzählen hat. Es wäre absolut großartig, wenn sich Girlboss im Rahmen der 1. Staffel weiter in diese Richtung entwickelt. Mit Britt Robertson dürfen wir uns zumindest auf eine hingebungsvolle Hauptdarstellerin auf dieser Odyssee freuen.

Alle 13 Episoden der 1. Staffel von Girlboss sind ab sofort auf Netflix verfügbar.

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