Gladbeck - Faszination wird immer über Abscheu siegen

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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Eine Stunde Durchatmen gönnte die ARD ihren aufgewühlten Zuschauern nach der Ausstrahlung des ersten Teils von Gladbeck, der Verfilmung der Geisel-Krise, die sich im August 1988 zugetragen hatte. Dann empfing Sandra Maischberger in ihrer Themensendung Das Gladbecker Geiseldrama: ein ewiges Trauma? eine Handvoll Journalisten, Polizisten und ein Gladbeck-Opfer, um den Fall aufzuarbeiten, der vor allem als Mahnmal für sittenbefreiten Sensationsjournalismus in Erinnerung geblieben war. Ein Einspieler spoilerte den heute folgenden zweiten Teil von Gladbeck, dann dufte die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen mitteilen, wo sie war, als die Geiselnehmer Degowski und Rösner unter berichterstattendem Geileitschutz durch Deutschland reisten, und was sie dabei gefühlt hat. Irgendwann war Johnny Bastiampillai dran, der genau dort war, vor Ort in Bremen im Bus, den die Geiselnehmer unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Sandra Maischberger war peinlich berührt, als ihr Johnny Bastiampillai erklärte, warum er wenig von der Ausstrahlung des Zweiteilers Gladbeck hält. Bastiampillai wolle den Film nicht unterstützen, er habe ihn nicht gesehen, denn er sei eine Huldigung an Degowski, der ja just aus dem Gefängnis entlassen worden war und sich nun als Entlassungsgeschenk über die Auffrischung des 30 Jahre alten Ruhms freuen könne. Das mit der Entlassung, rechtfertigte sich Maischberger, habe man nicht gewusst, der Film sei zum Jahrestag von Gladbeck entstanden. Der aber liegt natürlich im August.

Maischberger entwand sich der Situation, indem sie den Elefanten im Raum ins Zentrum zerrte. Sie fragte den heutigen Arzt Bastiampillai nach allen Regeln der Kunst aus, wie es die Reporter vor 30 Jahren noch mühsam durch Autofenster tun mussten, darunter auch ein Kollege von Maischberger, ein junger Frank Plasberg. Wie die Stimmung im Bus war, wollte sie wissen, wo er gesessen habe, und ob der damals 7-jährige mit den anderen Geiseln raus auf die Toilette gehen durfte. Maischberger konnte nicht verbergen, wie fasziniert sie nach wie vor von den Einsichten des Opfers ist, obwohl es doch um ganz andere Dinge gehen sollte: eine Medienkritik zur Ergänzung des Spielfilms, keine emotionalen Testimonials. Maischberger ergab sich der Dramatik.

Der Fernseher lief Tag und Nacht

Das war ihr wiederum ganz und gar nicht peinlich, und auch in der Runde störte sich niemand daran. Man hing vielmehr gebannt an den Lippen des freiheraus berichtenden Zeitzeugen wie damals an denen Silke Bischoffs, die mit einer geladenen Pistole am Hals innere Befindlichkeiten schilderte. Vor dem Fernseher konntest du spüren, wie sich das Publikum ein paar Zentimeter nach vorne beugte, wie gebannte Kinder in einer Märchenrunde. Der Berührung des Unmittelbaren wollten auch die Journalisten vor 30 Jahren nicht widerstehen. Oder die Zuschauer, bei denen, wie Friedrichsen sich erinnert, Tag und Nacht der Fernseher lief.

"'Es war entsetzlich, es war widerlich, und ich bin hinterhergefahren", beschreibt der ebenfalls eingeladene Journalist Ulrich Kienzle den moralischen Zwiespalt eines Journalisten im Fall Gladbeck. "Dieses schwierige Gefühl, das gilt es zu analysieren bei den Journalisten." Doch die Diskussionsrunde, die einen Meilenstein des Sensationsjournalismus bewertete, wollte immer noch ganz nah dran sein, an den Opfern, den Tätern, dem unvorstellbaren Schrecken. Noch seltsamer: Die Runde besprach das Ereignis, als wäre es erst gestern passiert und nicht vor dreißig Jahren. Das Verlangen nach Nähe löschte sogar zeitliche Distanzen aus, plötzlich war bei Maischberger wieder 1988. Den Zeitschlauch hatte der Film gelegt, mit seinen Wählscheiben, Walkmen und klobigen Polizeitautos. Film und Talkrunde wollen über Sensationsjournalismus reflektieren, nutzen dabei aber dessen Werkzeuge. Das machte die Diskussion darüber so grotesk.

Das unmittelbare Miterleben

Der Fall Logan Paul zeigt, dass sich im Digitalen die Frontlinien zwischen dem unmittelbaren Geschehen einer Sache und ihrer medialen Verwertung weitgehend aufgelöst haben. Live-Ereignisse werden genossen wie Unterhaltungs-Content, authentische Geschichten, wahre Begebenheiten. Damals lief der Fernseher Tag und Nacht, heute laufen Smartphones das ganze Jahr über Tag und Nacht.

Der der Diskussionsrunde vorangegangene Film spielt dieses Zuschauerbedürfnis noch offensichtlicher aus. Gladbeck gesteht sich schnell ein, dass seine wahre Geschichte einfach zu spannend ist, ihr dramatisches Potential zu reichhaltig, um sich nebenher noch groß um Medienkritik zu kümmern. Die äußert sich, zumindest im ersten Teil, vorwiegend in hagelnden Blitzlichtgewittern.

Gladbeck-Regisseur Kilian Riedhof betonte im Vorfeld, dass es in seinem Film darum gehen sollte, Opferperspektiven zu zeigen. Ein selbstloses Abrücken der Inszenierung vom faszinierenden Schrecken geht damit aber nicht einher. Dramatische Effekte opfert der Film beim Aufsetzen der Opferbrillen mitnichten. Dennoch hat Riedhof den größten Reiz von Gladbeck verstanden, nämlich, dass er ihn nicht verstanden hat, ebenso wenig wie seine Altersgenossen, die das Gladbeck-Miterleben miterlebt haben, live (via Stern).

Gladbeck erschüttert und erschreckt uns, fasziniert uns leider aber auch in seiner grausamen Sensation. Wir würden gerne zu einer ethisch einwandfreien Position finden, schaffen es aber nicht. Wir können uns nicht aus diesem Dilemma lösen. Das verstört uns, muss aber als Erfahrung ausgehalten werden. Wir durchleben Gladbeck in seinem gesamten Ausmaß. Vielleicht hilft das, das Trauma zu verarbeiten.

Was er ausspart, ist die Unterhaltsamkeit eines solchen Ereignisses, seine anziehende Wirkung und das schamvolle Interesse, das wir ihm entgegenbringen. Deshalb wird Faszination immer über Abscheu siegen. Und deshalb wird es immer Filme wie Utøya 22. Juli geben. Im Fall Gladbeck sind auch 30 Jahre später ein Film und eine nachbearbeitende Talkshow nicht in der Lage, die Bystander-Lähmung zu durchbrechen, sie schlachteten die Dramatik des Ereignisses lieber aus, anstatt es auf einer höheren Ebene zu untersuchen. Und Gladbeck ist ein wahnsinnig unterhaltsamer Film geworden.

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