Utøya 22. Juli ist die erste filmische Kontroverse des Festivals

Utøya 22. Juli
© Paradox Film
Utøya 22. Juli
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Am Ende mischten sich Buhrufe in den Applaus für Utøya 22. Juli. Beides Reaktionen, die zu den zwiespältigeren Ritualen des Festivalbetriebs zählen, erst recht wenn man gerade per Texttafel informiert wurde, wie viele Menschen bei den Anschlägen eines Rechtsextremisten in Norwegen am 22. Juli 2011 ums Leben gekommen sind. In Echtzeit und über den Großteil seiner Laufzeit ohne sichtbare Schnitte dargeboten, beschränkt sich die Perspektive darin auf die jugendlichen Opfer auf der Insel Utøya. Der Täter wird bis auf eine Szene ausgespart, sein Name nie genannt. Es ist ein zweischneidiges Schwert und in der Herangehensweise das komplette Gegenteil von 7 Tage in Entebbe. Die Star-Gesichter von Daniel Brühl und Rosamund Pike sind darin als linke Terroristen zu sehen, die bei einer Flugzeugentführung 1976 darüber debattieren, ob es geboten sei, jüdische von nicht-jüdischen Passagieren zu trennen und was es bedeutet, wenn Deutsche daran beteiligt sind. Beide Filme laufen im Rahmen der Berlinale 2018 und haben mehr gemeinsam, als ihre Konzeption ahnen lässt.

Die totale Erfahrung des Terros

Als die ersten Schüsse auf Utøya fallen, hoffen die Jugendlichen, die an einem Sommerlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei teilnehmen, noch auf eine Übung. Überwachungsaufnahmen haben den Zuschauer zu diesem Zeitpunkt über die vorangegangene Bombenexplosion in Oslo informiert. Die Uhrzeit für diesen und den kommenden Terrorakt wird eingeblendet. Wir sehen den Wald, die Zelte, schließlich die 18-jährige Kaja (Andrea Berntzen), die sich zu ihren Freunden aufmacht. In einer Einstellung ohne Schnitt wird die Kamera sie in den kommenden 70 Minuten verfolgen, wie sie mit den anderen Jugendlichen flieht, nach ihrer Schwester sucht, sich versteckt hält, während die Schüsse über die Insel hallen.

Es ist eine Atmosphäre des puren Terrors, die der norwegische Regisseur Erik Poppe (The King's Choice - Angriff auf Norwegen) zusammen mit seinem Kameramann Martin Otterbeck nachstellt, der man sich als Zuschauer zunächst kaum entziehen kann. Die Opfer stehen dabei im Fokus, was sich auch daran zeigt, dass das Sterben meist off-screen stattfindet. Abstumpfung soll vermieden werden, stattdessen steht eine quälend langgezogene Todesszene repräsentativ für die anderen. Wie im übrigen auch die fiktive Kaja, in deren Figur reale Erlebnisse verdichtet wurden. Deswegen handelt sie allerdings wie eine Thriller-Heldin, die die Gefahr sucht, wo andere versteckt bleiben, um uns eine Art totale Opfer-Erfahrung jener Geschehnisse auf Utøya zu liefern.

Eine technische "Meisterleistung"

So konstruiert Utøya 22. Juli seinen eigenen inhärenten Widerspruch. Formal, etwa mit der Zeiteinblendung, wird die Plansequenz auf der Insel den realen Überwachungsaufnahmen, die den Film eröffnen, gleichgestellt. Andererseits gibt es wenige Stilmittel im Film, die artifizieller wirken können als eine Plansequenz. Was das Siegel der Authentizität einer ungebrochenen Erfahrung tragen soll, macht letztlich immer auf sich selbst aufmerksam - auf seine Natur als Konstruktion sowie vor allem als technische und organisatorische "Meisterleistung". So schweiften meine Gedanken bei der Sichtung nach der anfänglichen Hochspannung ab, drehten sich um die Entscheidungen der Teenager, die Suche nach digitaler Bearbeitung, die Kostüme von Figuren, die eine Weile verschwinden und mit Schlamm an den Knien wieder auftauchen; und nicht zuletzt die Entourage aus Kamera und Ton, die der wacker aufspielenden Andrea Berntzen über Waldboden, Kies und durchs Wasser folgt.

Was man in Utøya 22. Juli nicht hört: "Heute werdet ihr sterben, Marxisten!" Das habe Anders Breivik nach eigenen Aussagen beim Angriff auf das Zeltlager gerufen. Mit der Aussparung des Täters geht eine Aussparung des Kontexts einher. Zwar müht sich das Team, die Diversität der Jugendlichen auf der Insel einzufangen. Wüsste man jedoch nichts über die Motive des Rechtsextremisten, könnte man die Tat bis zu einer Texttafel am Ende für einen Amoklauf halten. Was wiederum die Frage über Sinn und Zweck dieser filmischen Simulation eines Anschlags aufwirft.

7 Tage in Entebbe ist meisterhaft fehlbesetzt

Demgegenüber kann sich 7 Tage in Entebbe gar nicht ausführlich genug mit der Motivation auseinandersetzen. Die Opfer der Flugzeugentführung, die am 4. Juli 1976 in der erfolgreichen Befreiung der Geiseln durch israelische Sicherheitskräfte endete, bleiben wenig mehr als Randnotizen. Die Täter sind relevant, aber auch nur die beiden Deutschen, die mit Daniel Brühl und Rosamund Pike auf beinahe schon komische Art fehlbesetzt sind. Brühl scheint außerhalb eines Tarantino-Sets unfähig, Gefahr oder Autorität auszustrahlen. Pike hat sich wiederum entschieden, die Härte ihrer Terroristin mit einem irritierenden Starren wiederzugeben. Kann man machen. Besser besetzt ist das israelische Kabinett um Premier Jitzchak Rabin (Lior Ashkenazi) und Verteidigungsminister Schimon Peres (Eddie Marsan), die über den Einsatz von Waffengewalt oder Verhandlungen uneins sind.

In der Darstellung des politischen Kalküls beider Seiten zeigt das Drehbuch von Gregory Burke eine Genauigkeit in der Beobachtung, die an allen anderen Fronten abhandenkommt. Lagerfeuerromantik im Terror-Camp wechselt sich hier mit einer seltsam unmotivierten Verteidigung der (deutschen) Linksradikalen gegen Vorwürfe des Antisemitismus. Dabei scheinen sich die Filmemacher um José Padilha (Narcos) doch viel mehr für die formalen Spielereien zu interessieren, etwa die knalligen Orts-Einblendungen oder eine treibende Tanz-Darbietung, die mit der Befreiungsaktion parallelisiert wird. Richtiggehend nervt allerdings, dass der Film offensichtlich aus der Perspektive der Nachwelt erzählt wird, um die Gegenwart zu kommentieren. Rabin umgibt quasi schon die Aura des Nobelpreises, der erst 1994 verliehen werden sollte. Neben 7 Tage von Entebbe ist die berüchtigte Sexszene aus München ein Meisterstück in Sachen Subtilität.

Die erste filmische Kontroverse des Festivals

Im Detail unterliegt auch Utøya 22. Juli dem Wissen der Nachwelt. Zu den geschmackloseren Szenen des Films gehört schließlich eine, in der Kaja durch das Schreien von anderen aufgeschreckt wird, die Schüsse haben da aber noch gar nicht begonnen. Wir wissen, dass sie kommen werden, und der Film weiß, dass wir es wissen. Der Wettbewerb der Berlinale 2018 hat damit wenigstens seine erste echte Kontroverse, ein Werk, an dem sich die Geister scheiden. Es wird zur Abwechslung mal hitzig diskutiert in einem Festivaljahrgang, der sich viel zu ruhig abspult.

Die Beschränkung auf die Opfer-Perspektive ist löblich, insbesondere in Hinsicht auf den Fakt, dass Paul Greengrass für seinen Utøya-Film Norway den Täter bereits gecastet hat. Allerdings steht Utøya 22. Juli in einem kontinuierlichen Spannungsverhältnis zwischen der herausgestellten Authentizität und der Überhöhung dieser einen Erfahrung, in der alle anderen verschmelzen sollen. Ein künstlerisches Missverhältnis, das der Film nie zu lösen im Stande ist. Da kann die Kamera sich noch so oft in den Dreck werfen.

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