Grass - Hong Sang-soo erzählt durch die Augen von Kim Min-hee

Kim Min-hee in Grass von Hong Sang-soo
© JEONWONSA Film Co./Berlinale
Kim Min-hee in Grass von Hong Sang-soo
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Seit über 20 Jahren dreht Hong Sang-soo fast jedes Jahr einen Film, manchmal auch zwei oder drei. Dabei kommt er regelmäßig auf die gleichen Themen und Motive zurück. So zieht sich eine Poesie durch sein Werk, die aus Wiederholungen und minimalen Variationen resultiert. Da wären etwa die ausgiebig gefilmten Szenen, in denen sich zwei Figuren gegenüber sitzen und eine Flasche Soju nach der anderen leeren. Ein reichlich gedeckter Tisch mit gutem Essen darf natürlich auch nicht fehlen - und sobald ein gewisser Pegel erreicht ist, verlieren sich die Gesprächsteilnehmer in einem mal mehr, mal weniger philosophischen Gedankenaustausch über Gott und die Welt, vorzugsweise aber eher über ihre Beziehungen. Diese sind meistens geprägt von Leid. Es wird gejammert und das große Unglück der Liebe beklagt, denn kein Hong Sang-soo-Film vergeht, ohne, dass sich einer einer Protagonisten unglücklich in eine Frau verliebt hat.

Oft sind diese Protagonisten selbst als Filmemacher tätig und wollen mit ihrer Kunst beeindrucken. Für gewöhnlich enden diese unbeholfenen Versuche allerdings in Missverständnissen oder anderweitig unangenehmen Situationen. Etwa, wenn sich die meist zurückgezogenen Männer doch irgendwie fordernd an ihr Gegenüber wenden, sich unter Umständen sogar aufdrängen, um später in einer alles andere als erquickenden Sexszene entlarvt zu werden. Es kann extrem trist werden, wenn Hong Sang-soo diesen Figuren folgt, wie sie am weiblichen Geschlecht zerschellen. Besonders großartig wäre da zum Beispiel Isabelle Huppert, die in In einem fremden Land einem eifrigen Rettungsschwimmer den Kopf verdreht. Oder zuletzt auch Kim Min-hee, mit der Hong Sang-soo seit 2015 gleich fünf Mal zusammengearbeitet hat, sodass bereits im Zuge von Right Now, Wrong Then Gerüchte hinsichtlich einer Affäre zwischen den beiden kursierten.

Im Rahmen der Seoul-Premiere seines letztjährigen Berlinale-Teilnehmers On the Beach at Night Alone ließen die beiden ihre Beziehung offiziell verlauten - ein Skandal sondergleichen, der bis heute durch die südkoreanischen Medien und ebenso Hong Sang-soos Filme geistert. Zwar besteht der mit unkonventionellen Methoden arbeitenden Filmemacher darauf, dass es sich bei seinen Werken um keine autobiographischen Stücke handelt. Dennoch sind die Parallelen gerade in seinem jüngeren Schaffen verblüffend, von früheren Filmen ganz zu schweigen, die sich - wie bereits erwähnt - um Filmemacher und ihre existenziellen Fragen drehen. Plötzlich findet sich Hong Sang-soo in einer seiner eigenen Geschichten wieder, erzählt zuerst vom Verlieben, ehe er sich mit den verheerenden Folgen der Affäre auseinandersetzt. Der Titel seines Cannes-Beitrages aus dem vergangenen Jahr könnte kaum mehrdeutiger sein: The Day After.

Auch Grass, mit dem er dieses Jahr im Forum der Berlinale vertreten ist, schließt an diese verarbeitende Geste an, wenngleich Kim Min-hee dieses Mal eine außergewöhnliche Rolle zu Teil wird. Von all den verschiedenen Frauenfiguren in Hong Sang-soos Filmen ist die von ihr verkörperte Areum eine der faszinierendsten. In einem beschaulichen Café hat sie es sich mit ihrem MacBook gemütlich gemacht und sitzt observierend in einer Ecke, während um sie herum zahlreiche Beziehungsminiaturen entstehen. Der Besitzer erfüllt den überschaubaren Raum derweil mit seiner Vorliebe für klassische Musik, selbst wenn er sich in persona dem Bild entzieht. Zu den Klängen von Richard Wagner, Franz Schubert und Jacques Offenbach steigern sich die Gespräche, es werden Geständnisse gemacht und Entschuldigungen angeboten. Areum nimmt alles war, was um sie herum passiert, manchmal als erzählende Autorin, manchmal als teilnahmslose Zuhörerin.

Während eine junge Frau dem Mann an der anderen Seite des Tischs den Suizid seiner Freundin vorwirft, zeichnet Hong Sang-soo durch die Augen von Kim Min-hee viele kleine Porträts, die sich gleichermaßen mit persönlichen wie allgemeingültigen Fragen auseinandersetzen und ebenfalls daran interessiert sind, die öffentlichen Wahrnehmung einer (berühmten) Person durchzuspielen. "Just for the show", lautet eine der vielen Ausreden, die zur Deeskalation der Ereignisse bemüht werden, ehe der Film in der zweiten Hälfte deutlich kippt. Areum kann nicht länger nur beobachten und urteilen, sondern wird ebenfalls damit konfrontiert, ein Teil des Geschehens zu werden. Hong Sang-soo, der gerne mit Wirklichkeitsebenen spielt, verortet sie zuerst wie einen Geist im Kreis der tragischen Figuren, bevor sie - fast schon widerwillig - von einer dieser in die Welt hineingezogen wird und sich nicht länger hinter dem Bildschirm verstecken kann.

Der schützende Wall ist verschwunden, es existiert keine Anonymität mehr. Areum muss nach den observierenden, neugierigen Blicken den nächsten Schritt wagen, sich mit den Objekten ihrer Faszination wahrhaftig auseinandersetzen und dabei womöglich ihr eigenes Spiegelbild betrachten. Auf der Meta-Ebene steht da Hong Sang-soo mit einer Kamera anstelle eines MacBooks und diskutiert Beziehungen zwischen Resignation und Neuanfang. Die Reflexion des Vergangenen war schon immer ein entscheidender Teil seiner Filme. Zuletzt - und besonders in Grass - wirken die Themen jedoch deutlich schwerer und düsterer. Trotz der nach wie vor eleganten, leichtfüßigen Inszenierung, kann ein einziger Schwenk die Welt sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne ins Wanken bringen. Den Trost findet Areum dennoch in einer hoffnungsvollen Geste zum Schluss. Sie muss nur den Tisch im von Musik durchströmten Café wechseln.

Grass von Hong Sang-soo ist im Rahmen des Forums auf der Berlinale 2018 zu sehen. Hier findet ihr eine Übersicht über alle Filme der Sektion. Wer weitere Texte zum Festival sammeln will, wird auf auf unserer Themenseite fündig.

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