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Halt and Catch Fire -  Im Vergangenen von der Zukunft träumen

Halt and Catch Fire
© AMC
Halt and Catch Fire
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Beeblebrox Matthias Hopf
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Schaut zu viel ins Internet.

Die Serienlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig verändert. Sprachen wir eben noch vom Goldenen Serienzeitalter, wird inzwischen ausschließlich der Begriff Peak TV bemüht, um die aktuelle Fülle an aus dem Boden sprießenden Produktionen zu fassen. Dazwischen liegt eine merkwürdige Übergangsphase, in der vermeintlich kleine Serien plötzlich ganz groß wurden und vermeintlich große Serien genauso plötzlich ganz klein. Die Konsumverlagerung auf Streaming-Dienste hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Vormachtstellung linearer (Kabel-)Sender definitiv in Frage gestellt und der nächste Hit unscheinbar im Zuge einer wilden Pitch-Session geboren wurde, während sich die Serienwelt nicht entscheiden konnte, ob die eigenwillige Mentalität von Netflix und Co. Fluch oder Segen für die Branche darstellt. Genau aus dieser merkwürdigen Übergangsphase stammt Halt and Catch Fire.

Im Schatten von Mad Men und unter dem Radar

Kreiert von Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers, startete Halt and Catch Fire im August 2014, also ein Jahr, bevor Don Draper seinen letzten Whiskey schlürfte und sich Mad Men aus dem Programm von AMC verabschiedete. Der Sender, der inzwischen vor allem für sein monströses Flaggschiff The Walking Dead bekannt ist, befand sich damals zweifelsohne auf der Suche nach einem Ersatz für den auslaufenden Emmy-Garanten. Halt and Catch Fire - erneut eine Historienserie - hatte sich in Anbetracht der Nachfrage geradezu angeboten, konnte den (falschen) Erwartungen jedoch nicht standhalten und verspielte sich jeglichen Vorsprung aufgrund einer unentschlossenen Debütstaffel, die Kind zweier Welten war: auf der einen Seite das Erbe der Mad Men, auf der anderen Seite die sich stetig fortentwickelnde Serien-Umgebung, die sich von prestigeträchtigen Dramen kaum noch beeindrucken ließ.

Angesiedelt in den frühen 1980er Jahren, verfolgt die Erzählung vorerst den phänomenalen Aufstieg des Personal Computer sowie die Menschen, die diesen ermöglicht haben. Ein überaus spannender Schauplatz wäre damit bereits gefunden. Halt and Catch Fire entdeckte jene Dekade, die inzwischen zum festen Bestandteil eines jeden erfolgreichen Serien-/Film-Pitchs gehört, als Fundament, um - ähnlich wie Mad Men - einen großen Handlungsbogen zu entwerfen, der von einer Zeit der Umbrüche erzählt. Während sich die meisten Serien bezüglich der 1980er Jahre vorzugsweise auf den Wert popkultureller Referenzen und nostalgischer Erinnerungen konzentrieren, verstand Halt and Catch Fire den Blick in die Vergangenheit als spannendes Mittel, um eine Geschichte aus der Gegenwart, vielleicht sogar der Zukunft zu erzählen. Somit befinden sich die einzelnen Episoden stets in unmittelbarer Wechselwirkung mit dem tatsächlichen Weltgeschehen; ein Kunststück, das alles andere selbstverständlich ist.

Figuren, die Geschichten lenken - und nicht umgekehrt

Auf gewisse Weise offenbart sich Halt and Catch Fire als Serie, die mindestens fünf Jahre zu spät kam, insgeheim ihrer Zeit jedoch weit voraus war. Dadurch konnte sich die große Vision, die ab den späteren Staffeln immer deutlicher Form annimmt, nie so richtig in der allgemeinen Wahrnehmung entfalten. Wo es anfangs um Computer geht, treten später Videospiele in den Vordergrund, ehe sich im letzten Kapitel das Internet zum Tor in eine völlig neue, ungeahnte Welt öffnet. Während die Figuren begeistert die Möglichkeiten der alles verändernden Entdeckung diskutieren, gelingt den Autoren das Kunststück, einen unschuldigen Blickwinkel auf das unerforschte Gebiet der globalen Vernetzung einzunehmen, während gleichzeitig im Hintergrund die bis heute relevanten Probleme jenes Netzes verhandelt werden, das die Menschen intensiver verbindet denn je. Halt and Catch Fire offerierte dabei nicht nur verblüffende Ansätze, sondern drang tief in die Materie vor.

Der entscheidende Punkt, der die Serie wirklich erhaben gemacht hat, ereignet sich jedoch erst im Übergang nachfolgender Staffeln, als die Figuren zum primären Gegenstand des Gezeigten avancierten und das menschliche Drama die einzelnen Episoden übernahm. Halt and Catch Fire beweist dabei in einer immer noch ziemlich steifen Serienwelt, dass eine der vernachlässigten Stärken des Mediums seine Formbarkeit ist. War der erfinderische Träumer Joe MacMillan (Lee Pace) zu Beginn eindeutig als Hauptfigur im Ensemble positioniert wird, rückten später Cameron Howe (Mackenzie Davis), Donna Clark (Kerry Bishé) sowie ihr Ehemann Gordon (Scoot McNairy) ins Zentrum des Geschehens und teilten ihre visionären Vorstellungen von der Zukunft. In einer Serienlandschaft, die sich momentan so schnell verändert wie noch nie, nimmt Halt and Catch Fire die tragische Rolle jener Serie ein, die diese Veränderung perfekt zu fassen bekam, und für die dennoch kein Platz war.

Vielleicht ist es auch der fehlenden Aufmerksamkeit zu verdanken, dass sich Halt and Catch Fire unter dem Radar so glorreich entwickeln konnte, ohne je in einem festgefahrenen Konzept steckenzubleiben, das ausschließlich dem Erhalt des Status quo dient. Dieses stagnierende Element raubt viel zu vielen Serien ihre Kraft. In der Welt von Halt and Catch Fire ist der Stillstand jedoch gleich auf mehreren Ebenen mit Verlust verbunden. Ständig müssen die Figuren die Zukunft neu entdecken, müssen einen Schritt voraus sein, um im Wettbewerb zu bestehen. Dass sie mit ihrem Schaffen diese Welt nachhaltig verändern und beeinflussen könnten, wird dabei nie infrage gestellt. Trotzdem ist der Erfolg bloß in den seltensten Fällen auf ihrer Seite. Ausschlaggebend dafür ist der Umstand, dass Cameron, Donna und Co. greifbare Figuren sind, die nicht auf ihren Genie-Charakter reduziert werden, sondern (unbewusst) im Scheitern gewinnen.

Menschliche Beziehung im Wandel der Welt

Meistens stehen sich die Protagonisten selbst im Weg, hadern mit ihren Gefühlen oder versuchen, sich komplett aus dem Weg zu gehen. Besonders spannend wird das, wenn Halt and Catch Fire davon erzählt, wie die Figuren dank des Fortschritts zunehmend zusammenwachsen und sich trotzdem aus den Augen verlieren. In der letzten Staffel waren die zwischenmenschlichen Beziehungen dementsprechend am bedeutendsten und womöglich sogar am abgründigsten. Gerahmt in wunderschöne Aufnahmen - generell darf an dieser Stelle die beständig herausragende und überaus Screenshot-würdige Inszenierung der Serie nicht vergessen werden -, beschäftigte sich Halt and Catch Fire in seinen letzten Zügen mit einer unglaublichen Bandbreite an Emotionen. Was bleibt, ist eine tiefschürfende, zeitlose Meditation über die Menschen und ihre Beziehungen vor dem Hintergrund einer Welt, die sich stets im Wandel befindet. Und das ist sehr viel.

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