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Jim Jarmusch lotet die Limits of Control aus

Limits of Control - eine Reise durch die Wirklichkeit des Kinos
© Focus Features
Limits of Control - eine Reise durch die Wirklichkeit des Kinos

Everything is subjective. Use your imagination and your skills. Die Auftraggeber des einsamen Helden in The Limits of Control legen die Richtung zu Beginn fest: eine Mischung aus Spionage-Auftrag und philosophischem Essay. Absolute Professionalität trifft auf maximale Ziellosigkeit, in einer Atmosphäre, die noch weit unterhalb der Lakonie ansiedelt. Zwischen Espresso, maßgeschneiderten Anzügen und einer Menge kryptischer Gespräche mit absurden Personen ist einfach alles möglich. Und das beinhaltet auch: Nichts.

Mit The Limits of Control schlug Jim Jarmusch seinem Fans mal wieder ordentlich ins Gesicht. Der Independent-Guru nahm das biblische Stone Face von Isaach de Bankolé, lange Einstellungen, einen absolut minimalistischen und quälend unterdrückten Plot, um ein Universum zu schaffen, das manche als kleines Meisterwerk empfanden, andere als ganz weit weg, von einer Sache, die wir Film nennen können. Anders als in allgemein bekömmlicheren Filmen wie Down by Law – Alles im Griff oder Night on Earth reduziert Jim Jarmusch seine hochbesetzte (Tilda Swinton, Gael García Bernal, Bill Murray u.a.) Studie auf detailverliebte Bilder, auf Wiederholungen und Rituale. Er verzichtet auf treibende Handlung und entscheidet sich für das schön ausgeleuchtete Rätsel.

Das ist zwar ein bisschen anstrengend, doch wenn wir uns Zeit lassen und der Wortkargheit des namenlosen Protagonisten folgen, wittern wir cineastische Dichte, die ihresgleichen sucht. Der unkonventionelle Filmessay baut in seiner Stille und seiner Ruhe in manchen Szenen eine so authentische Stimmung auf, dass Isaach de Bankolé als manieristische Filmfigur einen regelrechten Flirt mit der Realität hält. Sein professioneller und kontrollierter Verhaltenscode trifft auf die ab und an aufblitzende Wirklichkeit, hinter der oftmals mehr steckt als die bloße Geste. Film, Traum und Realität stehen in einem unerschließbaren Verhältnis zueinander. Jim Jarmusch ahnt das. Kamera-Magier Christopher Doyle wickelt diese Ahnung, wie gewohnt, in wunderschöne Bilder.

For the full view, the long shot, the space between… the gaps… the pause… the lull… the grace of living… so drückt Tilda Swinton in ihrem Essay A Letter To A Boy From His Mother ihre Sehnsucht nach einem Kino aus, das Dinge ausdrückt, die sonst kein Medium auszudrücken vermag. Sie macht den alle Jahre wieder nötigen Ausspruch, dass wir nicht wagen sollten, zu denken, der Film als Medium wäre erschlossen. Er ist es nicht. Filmemachen, unabhängig Filme machen, das sollte ihrer Meinung nach auch immer die Suche nach dem un-korrumpierbaren, zitiefst eigenen Kern des Kinos sein, und warum wir es brauchen. Diese Suche setzt voraus, dass wir einen Film an sich wahrnehmen, und nicht vor lauter Effekt-Schminke betrogen und besoffen nach Hause wandern, ohne irgendwas entdeckt zu haben.

Jim Jarmusch ist der richtige Mann dafür. Seine Filme sind selbstbestimmte, teils arrogante, teils herzige, oftmals genialische Beiträge eines denkenden Filmfans. Er bezieht sein Medium stets mit in den Prozess ein. In Limits of Control verlagert er den Schwerpunkt aus dem geplanten Was hinein ins traumhafte Wie und leistet eine filmische, ultra-coole, atmosphärisch ausgeleuchtete Variante von Warten auf Godot. Also nicht abschrecken lassen. Diese Filmsichtung ist eine Mission: Use your imagination and your skills! Inception für Fortgeschrittene.

Was: The Limits of Control
Wann: 23:35
Wo: ARD

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