Kino neu entdecken: Warum es sich absolut lohnt, einen Film zweimal zu sehen

Donnie Darko
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Kann mit dem DCEU so einiges anfangen, aber noch mehr mit David Lynch. Meist im Kino oder beim Essen anzutreffen.

Fast nichts kann das Gefühl ersetzen, einen Kinosaal voller Vorfreude zu betreten und endlich den Film zu sehen, auf den man schon so lange gewartet hat. Und doch ist es nicht immer so, dass man den Kinosaal anschließend mit einem vergleichbar euphorischen Gefühl auch wieder verlässt.

Vielleicht liegt es am Film, vielleicht liegt es aber auch an einem selbst, dass der Kinobesuch zur Enttäuschung wird. In letzter Zeit hat mich daher die Erfahrung gelehrt, dass mehrfache Kinobesuche desselben Films mitunter verblüffende Wirkungen haben können. Eine Wirkung, die Ari Asters neues Werk Midsommar erst vor kurzem auf mich hatte.

Vorfreude ist mit Erwartungen verbunden und Erwartungen erhöhen den Druck

Je länger die Vorfreude auf einen Kinofilm anhält, desto größer werden auch die Erwartungen daran. Tage, Wochen und Monate können vergehen, bis der Kinobesuch endlich ansteht. Eine Zeit, in der sich Erwartungen langsam auch mit einem gewissen Druck vermischen. Was wäre, wenn der Film am Ende gar nicht gut ist?

Filmfans, die regelmäßig ins Kino gehen, erleben Enttäuschungen vermutlich ebenso häufig wie positive Überraschungen oder das Gefühl, genau den Film bekommen zu haben, den man sich erhofft hatte. Einer der großen Reize des Kinos besteht schließlich in seiner Unberechenbarkeit. Sobald die Lichter ausgehen, der Vorhang geöffnet wird und sich der Zuschauer der Leinwand hingibt, ist plötzlich alles möglich.

Und doch kam in mir in letzter Zeit immer wieder das Verlangen auf, einen Film nach dieser magischen Erstsichtung im Kino noch nicht hinter mir lassen zu wollen. Dabei ging es nicht grundsätzlich darum, einen Film unbedingt nochmal sehen zu wollen, weil er direkt beim ersten Mal so großartig war. Stattdessen war es meist etwas, das mich auch danach noch weiter beschäftigt oder nicht mehr losgelassen hatte.

Zweitsichtungen im Kino verschieben die Perspektive und befreien vom Druck

Denselben Film ein zweites Mal im Kino zu schauen, bringt meistens ganz andere Umstände mit sich. Neben den unterschiedlichen Menschen, die mit einem im Kinosaal sitzen, erlebt man eine Zweitsichtung selbst mit neuen Augen. Durch die Kenntnis des Films verschiebt sich die Perspektive unweigerlich auf neue Aspekte oder zuvor verpasste Details, während die Stimmung im Kinosaal genauso entscheidend sein kann.

Mir erging es so bei einer zufälligen Zweitsichtung von Ari Asters neuem Werk Midsommar, das bei uns am 26.09.2019 im Kino startet. Für Moviepilot durfte ich den Film im August schon vorab in einer Pressevorführung sehen. Nachdem Asters Hereditary - Das Vermächtnis für mich zu den besten Horrorfilmen 2018 zählte, waren meine Erwartungen an Midsommar entsprechend hoch.

Als ich dann endlich nach Wochen der Vorfreude in der Pressevorführung von Midsommar im Kino saß, wurde mir schnell klar, dass der Film kein zweiter Hereditary geworden ist. Die Handschrift des Regisseurs ist immer noch deutlich zu erkennen, doch die alles überschattende Dunkelheit des Vorgängers weicht in Midsommar einer nie enden wollenden Helligkeit bei gleißendem Tageslicht ohne Sonnenuntergang.

Stolze 147 Minuten dauert Ari Asters Mischung aus pechschwarzer Zerlegung einer toxischen Beziehung und skurrilem Folk-Horror-Delirium. Am Ende war ich von Midsommar, der viel witziger als Hereditary ist und oftmals bewusst als reine Komödie angelegt ist, sehr angetan. Meine Gefühle für den Film konnte ich nach dieser Erstsichtung trotzdem nicht so richtig einordnen. Nur wenige Tage später sollte sich das aber überraschend ändern.

Derselbe Film - eine ganz andere Erfahrung

3 Tage nach der Midsommar-Pressevorführung bin ich mit Freunden zu einer Sneak Preview ins Kino gegangen, bei der ein geheimer Horrorfilm gezeigt werden sollte. Wie es der Zufall so wollte, entpuppte sich dieser schon nach den ersten eingeblendeten Logos als Midsommar.

Die Chance auf eine so frühe Zweitsichtung des Films Monate vor dem deutschen Kinostart nahm ich gerne an. Dabei war mein Tag vor diesem Abend von schlechter Laune und Niedergeschlagenheit geprägt und es kostete mich anfangs Überwindung, überhaupt erst zum Kino aufzubrechen.

Im vollen Kinosaal mit Midsommar und einem gut gelaunten Publikum schlug meine Stimmung aber schnell um. Im Vergleich zur Pressevorführung, in der die komödiantischen Teile des Films eher verhalten aufgenommen wurden, wurde der Saal bei meiner Zweitsichtung von ausgelassenem Gelächter beherrscht.

Auf einmal nahm ich Midsommar anders wahr. Befreit von einer Erwartungshaltung, die in der Pressevorführung eher Anspannung glich, entfaltete sich Ari Asters Horrorvision vor meinen Augen. Alle Stilmittel und Motive des Regisseurs, die emotionale Traumatisierung, das Spiel mit vertrauten Genre-Versatzstücken und das lustvolle Auskosten der atmosphärischen Überlänge kamen diesmal nahtlos für mich zusammen.

Gemeinsam mit dem Publikum funktionierte aber vor allem Asters Wanderung auf einem schmalen Grat zwischen psychologischer Grausamkeit und urkomischem Spaß erst jetzt so richtig. Am Ende hat mich die Zweitsichtung von Midsommar erleichtert und glücklich zurückgelassen. Gefühle, die nach der Erstsichtung noch nicht so eindeutig waren.

Eine privilegierte Situation, die euch nicht hindern soll

Natürlich beruht meine Erfahrung mit Zweitsichtungen im Kino auf einer privilegierten Situation, bei der ich Filme durch meine Arbeit bereits vor dem Start gratis sehen darf. Ein preiswertes Abo-System und eine erschlagende Auswahl an Kinos in Berlin machen mir solche Zweitsichtungen zusätzlich leicht.

Mir ist auch bewusst, dass ein Großteil der breiten Masse seltener ins Kino geht und eine Zweitsichtung nach einem teuren Kinobesuch mit Karten, Popcorn, Getränken und weiteren Ausgaben gar nicht erst zur Debatte steht. Wenn ihr das nächste Mal einen Film verlasst und eure Eindrücke darüber auch nach einer Weile immer noch nicht einordnen könnt, kann es jedoch helfen, einfach nochmal zu genau diesem Film ins Kino zurückzukehren.

Auch wenn das Gefühl, einen Film und vor allem bestimmte Momente daraus zum ersten Mal zu erleben, einmalig ist, können Zweitsichtungen die eigene Sicht darauf völlig verändern - oder einen selbst.

Schaut ihr euch dieselben Filme auch manchmal ein zweites Mal oder noch häufiger im Kino an?

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