Late Night Berlin - Lasst Klaas Heufer-Umlauf einfach mal machen

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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Bevor es richtig losgehen konnte, erklärt der Moderator seinem Publikum das zarte Gewächs Late Night-Show. Denn eine Late Night Show brauche Zeit, weniger zum Wachsen als vielmehr für die richtige Anordnung von Beginn vorhandener Elemente. Die erste Ausgabe einer Late Night könne nun nicht weiter entfernt sein vom wahren Wesen einer Late Night-Show. Sie atmet noch nicht im Takt mit ihrem Publikum und der Zeit, in der sie existiert. Sie ist etwas Fertiges, das die ersten Sekunden eines langen Lebens erlebt - bei Bewusstsein, aber noch ohne Haltung. Dass er weiß, was er da vorhat, hatte Klaas Heufer-Umlauf bereits in den Interviews im Vorfeld der ersten Late Night Berlin-Ausgabe recht eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Er kennt und schätzt die Großen des Genres, Colbert, Kimmel, O'Brien, verfolgt ihre Entwicklung, weiß, was das Genre ausmacht und wie es sich entwickelt:

Ich habe das Gefühl, dass mir alle Late-Night-Hosts in den vergangenen zwei bis drei Jahren nähergekommen sind. Einfach weil es immer wieder passiert, dass sie die komplette Ironie-Schiene verlassen und mal das sagen, was sie denken.

Zu wissen, wo er hin will und mit wem er verglichen wird, macht die Bewältigung seiner Aufgabe nicht unbedingt einfacher. Gerade der Moment vor dem Sprung des Zehn-Meter-Brettes ist lang und quälend. Die festen Leitplanken des Late Night-Genres ergreift der Moderator in der ersten Ausgabe wie ein Treppengeländer. Alles ist noch frisch, kantig, ungeschliffen. Im Studio in Potsdam riecht es bei der Aufzeichnung nach dem frisch verarbeitetem Holz, das für die helle Ausstattung verwendet wurde. Der Moderator ist angespannt. Er nutzt bereitwillig die Druck-Ventile, die eine Late Night-Show anbietet. Er genießt den lösenden Tusch der Studioband, der wie eine Schere die Stille nach einer mäßigen, sich ziehenden Pointe zerschneidet. Er wirft dem Sidekick anfangs noch Bälle zu, ist aber fahrig genug, ihn, das Late Night-Stilmittel, zwischenzeitlich vollkommen zu vergessen. Kaum hat er sich hinter das Pult gesetzt, unterläuft ihm der erste schlimmere Versprecher. Bei der ersten Werbepause atmet er tief durch, steht auf, wie um das sich in der Stille anstauende Adrenalin abfließen zu lassen, tigert zum Sidekick und tauscht einige Worte mit der Studioband aus. Dann scherzt er mit dem Studiopublikum, hat es im Griff, schießt Pointen, ärgert sich: "Die besten Gags in der Werbepause."

Aber bei aller Nervosität oder auch nur dem Kokettieren damit: Bemerkenswert viel sitzt bereits in der ersten Show Late Night Berlin. Der Monolog, der Talk, der Anzug. Trotzdem, das braucht alles Zeit, "um sich zurecht zu ruckeln", beschwichtigt der Moderator. Er versteht es, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Pointen serviert er variantenreich, schüttelt sie aus dem Ärmel oder verzögert sie verwegen. Klaas Heufer-Umlauf hat alles, um so eine Show auszufüllen und zu prägen, die Eloquenz, ein beneidenswertes Improvisationstalent, einen schnellen Verstand, ein natürliches Verständnis für Ironie als rhetorisches Mittel, und diese Wesensmischung aus Schwiegersohn und Klassenclown.

Aber bekommt er die eingeforderte Zeit auch? Für die einen waren Joko und Klaas schon immer die größte Hoffnung für die deutschsprachige (Fernseh-)Kultur. Für die anderen das peinlichste Symptom ihres Niedergangs, was auch an der Wandlung von Fernsehkultur liegt. Anti-Klaas(-und-Joko)-Haltung ist immer auch ein wenig Anti-Fernsehen-Haltung gewesen, vorwiegend kultiviert von Leuten, die im Streaming die längst fällige Ablösung des Fernsehens erkennen wollen. Wer streamt und nicht fernsieht ist Herr des eigenen Programmes und somit Herr des eigenen Geistes und seiner auf ihn wirkenden Reize. Streaming verspricht Autonomie, wo das Breitenmedium Fernsehen Inhalte serviert. Streaming individualisiert, während Fernsehen den Schauer in eine dumpfe soziale Masse einbindet. Wer sich also vom Fernsehen, dem Unterhaltungsaltersheim (Streaming ist in dieser Metapher das Hostel), abgrenzen will, der rammt die größtmöglichen Player im Game, Joko und Klaas, und teilt im nächsten Moment ein Fail-Video bei Facebook. Der (schlechte) Gesamtzustand eines Mediums fiel zurück auf zwei Fernsehmacher, die dem Erstarren des Fernsehens nicht zusehen mochten und cooles Zeug filmten, ein Best-of dessen, was ihnen in den Brainstormings in der Redaktion eingefallen war, wie Klaas sagt.

Aber Circus Halligalli war und Late Night Berlin ist jetzt alles, was deutsches Fernsehen gemeinhin nicht ist. Eine Quotenvorgabe hat ProSieben angeblich nicht formuliert und der Sendeplatz um 23 Uhr am Montag ist sowieso eine Sandbank, Shows und Serien können hier nur auflaufen. ProSieben war sicher nicht glücklich, als Klaas nach der Jokoklaas-Zellteilung ausgerechnet Late Night machen wollte, ein Genre, an dem sich zuletzt andere Sender die Zähne ausgebissen hatten und aus dem auch Jan Böhmermann unter ungleich günstigeren Voraussetzungen im ZDF keine hohen Zuschauerzahlen presst. Late Night funktioniert in Deutschland nicht, das weiß jeder Programm-Planer. ProSieben war nicht glücklich mit der Format, aber sicher froh, dass Klaas überhaupt noch da ist, bei diesem inzwischen so profillosen Sender. Dann eben eine Prestige-Show, wie sie sich Privatsender nur selten leisten.

Eine Mischung als Halligalli und Heute Show, noch

Natürlich bedient Klaas Heufer Umlauf mit Late Night Berlin ein breites Publikum, Abiturienten und Studierende vorrangig, aber die schauen ja kaum noch fern. Die Albernheitsschraube wird deshalb im Vergleich zu Circus Halligalli deutlich zurückgeschraubt. Auch die fertig Ausgebildeten, die sich von Klaas Heufer-Umlauf zum Tagesausklang das Tagesschehen ordnen lassen wollen, können problemlos zuschauen. Das ist ja gerade der Zauber dieser Show-Form. In der ersten Show diskutiert Klaas Heufer-Umlauf mit Anne Will Probleme des Journalismus bei der Kommunikation mit rechten Parteien. Die Gesprächsführung gestaltet er abwechslungsreich, lässt die bekannte Fernsehjournalistin nicht zu lange und nicht zu kurz reden. Die wichtigen Themen bekommen genug Raum, die Pointen ihren Stich und sie befeuchten womöglich trockene Inhalte. Am Ende wissen wir, wie sich Anne Will in unbequemen Gesprächen mit AfD-Politikern verhält und dass sie auch mal mit Jogginghose auf dem Sofa liegt.

Late Night ist ein breites Format, das politische und popkulturelle Themen in einem breiten gesellschaftlichen Kontext humoristisch aufarbeitet und immer mehr auch Zugänge und Orientierung anbietet, indem es komplizierte Vorgänge zu Gags zusammenschmelzt. In Late Night Berlin sieht das zunächst aus wie eine Mischung als Halligalli und Heute Show.

"Halligalli war so klar positioniert, dass wir wussten, die Sendung würde nicht mit uns mitwachsen", begründet Klaas die Beendigung des Projektes. Mit Late Night Berlin kann Klaas Heufer-Umlauf wachsen und die Show mit ihm. Aber das wird in diesem widerspenstigen Fernsehmarkt Kraft kosten und Durchhaltevermögen. "Kann ich jetzt nach Hause," fragt der Moderator niemand bestimmtes, als endlich alles vorbei ist und die erste Show von hoffentlich vielen im Kasten.

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