Leatherface - In jedem von uns steckt ein Kettensägenmassaker

Leatherface
© Millennium Films
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Bulgarien muss als Texas herhalten in Leatherface, dem neuen Prequel von Tobe Hoopers Klassiker Blutgericht in Texas, das beim Festival des phantastischen Films in Sitges gezeigt wurde. Diesmal machen sich mit Alexandre Bustillo und Julien Maury zwei Vertreter der in die Jahre gekommenen französischen Härte an ihren ersten amerikanischen Film. Mit dem pränatalen Home Invasion-Horror Inside - Was sie will ist in dir wurden die beiden bekannt, und nachdem dieser kürzlich ein ideenloses Remake erhalten hat, werkeln sie selbst an nichts Geringerem als den Ursprüngen des Texas Chainsaw Massacres. Der neue Film steht dabei in einer Zeitlinie mit dem Original von 1978 und dessen vier Jahre altem Sequel Texas Chainsaw 3D. Der Backwood Horror tritt in diesem neusten Auftritt von Leatherface in den Hintergrund zugunsten eines Roadmovies auf der Suche nach dem Mann unter der dürftig zusammengenähten Maske. Bonnie & Clyde treffen auf die Sawyer Familie in verrückter Tradition.

Es braucht wahrscheinlich keinen Film über die Jugendjahre von Leatherface, aber welchen Film braucht es schon? Leatherface führt zunächst in die Kinderjahre des, wie schon im 3D-Film, "Jed" genannten Jungen, der zusieht, wie die Family mit einem Dieb verfährt. Matriarchin Verna Sawyer (Lili Taylor) drängt ihm sogleich die ikonische Kettensäge auf, doch so richtig will sich der kleine Jed nicht dem Familienzeitvertreib hingeben. Bei einem anderen "Spielchen" mit ahnungslosen Landstraßenbekanntschaften funkt die Polizei dazwischen. Stephen Dorff spielt Hal Hartman, ein Name, der vermutlich ausschließlich Texas Rangern vorbehalten ist. Hartmans Tochter wurde von dem Klan ermordet. Der Polizist sinnt auf Rache. Mangels Beweisen für die Tat lässt er Jed in ein Heim für schwer Erziehbare stecken, in dem die Insassen neue Namen bekommen. Jahre später versucht Verna ihren Sohn rauszuholen aus der Anstalt, die gut und gerne für eine Staffel American Horror Story herhalten könnte. Ein Ausbruch gelingt, aber wer von den jungen Männern ist Jed?

Leatherface denkt den Auftakt von Texas Chainsaw Massacre, seinem Remake und dem letzten Sequel um: Was wäre, wenn nicht bekiffte oder dummdreiste Twens dem filmischen Fleischwolf geopfert werden, sondern psychopathische Twens? Wir dürfen nämlich eine ganze Weile lang raten, wer später die Maske überziehen wird. Der Plot des Road Movies im Mittelteil von Leatherface samt Entführung einer Schwester (Vanessa Grasse) setzt primär auf ein gelinde gesagt verkorkstes Pärchen, das den Gefängnisaufstand mit Morden und Blowjobs verbringt, später ein Diner zusammenschießt und es auf einer schon matschig verwesenden Leiche treibt. Solang die Kettensäge in der Vitrine verstaubt, müssen eben andere ran, um für Schocks zu sorgen. Das Prequel liefert denn auch eher bemühten Gore als echten durchdringenden Horror. Dazu wechselt es auch ein paar Mal zu oft das Genre. Allerdings sind alle Teile des Franchise nach dem ersten Film des verstorbenen Tobe Hooper schlussendlich Beweis, dass dessen markerschütterndes Grauen nicht reproduziert werden kann. Manche versuchen es gar nicht erst, andere geben sich der Reproduktion der Ikonografie hin, ohne die Essenz ausfindig zu machen. Leatherface liegt mit seiner Mischung aus Road Movie, Horror und Action irgendwo dazwischen.

Anstatt sich sklavisch dem Schatten von Maske und Kettensäge zu ergeben, nehmen Bustillo, Maury und Drehbuchautor Seth M. Sherwood geduldig eine Umleitung. Es scheint sie weniger zu interessieren, was einen hinterwäldlerischen Hillbilly aus einer Kannibalen-Familie zum Kettensägenmassaker treibt. Ihre von Psychopathen auf allen Seiten überfüllte Vision von Texas via Bulgarien scheint sich eher darüber zu wundern, warum nicht jeder mit fremder Menschenhaut auf dem Gesicht durch die Gegend rennt. Es geht in den Antworten auf die Ursprünge der schlachterartigen Gewalt sicher auch origineller. Am Einblick eines Rob Zombie in die Mythenbildung und den zeitgeschichtlichen Hintergrund mangelt es Leatherface. Als dessen größte Schwäche und größte Stärke stellt sich heraus, dass er zwischen allen Stühlen sitzt. Konkret bleibt er angenehm unkonkret.

Leatherface erscheint laut Schnittberichte am 19.12.2017 bei Turbine Medien mit SPIO/JK-Freigabe fürs Heimkino, und allen, die noch zweifeln, sei gesagt, dass Finn "Iron Fist" Jones' unwesentliche Figur einen schrecklichen Tod stirbt, und das mag manchen versöhnen mit den sparsamen Auftritten des ledrigen Kettensägen-Tänzers in seinem eigenen Prequel-Film (Nein, Finn Jones spielt nicht Leatherface, aber dieses Bild dürft ihr nun mit euch herumtragen).

Der andere Film, der vergangene Nacht bei den Midnight Screenings in Sitges gezeigt wurde, ist Leatherface in seinen Anliegen diametral entgegengesetzt. Downrange von Ryûhei Kitamura (No One Lives) ist seinem Wesen nach Wegwerfkino der unterhaltsamsten Sorte. Das unglaubliche Desinteresse, mit dem sich hier der handvoll Figuren gewidmet wird, die auf einer abseitigen Landstraße ins Visier eines Scharfschützen geraten, nimmt horrende Züge an. Das Publikum im größten Saal des Festivals ergötzte sich an jedem theatralisch ausgestoßenen Schluchzer, jeder ungläubig vorgetragenen Dialogzeile. Downrange definiert mit seinen durch die Bank ätzenden Horrorstatisten das filmische Kanonenfutter neu, sodass man sich über jeden Kill ergötzt, selbst den eines kleinen Mädchens. Dran bleibt man vor allem wegen Kitamuras routiniertem Umgang mit den Perspektiven und deren Variation, halten sich die Hauptfiguren doch die meiste Zeit am selben Fleck auf, führen nie auch nur ansatzweise interessante Gespräche und schreiben vielmehr mit jedem dämlichen Satz die Unterschrift ihres Todesurteils um ein Strichlein weiter.

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